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Wie viel Breivik steckt in jedem von uns?

Der Regisseur Lollike hält dem Zuschauer im Rahmen der Neuen Stücke aus Europa ein hässliches Spiegelbild vor

 

Theater kann weh tun. Und beängstigen. So auch das Stück „Manifest 2083“. Breivik richtet die Waffe auf uns. Zielt. Schießt. Das Licht geht aus. Danach tosender Applaus. Das Beklemmende hat endlich ein Ende.

 

Olaf Hojgaard ist Anders Behring Breivik auf der Bühne. Der Schauspieler wollte wissen, wie der kranke Kopf Breiviks tickt und begab sich in dessen Gedanken- und Um-Welt; was nicht ohne Folgen blieb, wie Hojgaard uns im Monolog auf der kleinen Studiobühne wissen lässt. Der Schauspieler berichtet uns davon, wie er plötzlich bestimmte Stadtviertel meidete oder Bauchschmerzen bei der Begegnung mit Migranten bekam.

 

Der Regisseur Christian Lollike entwickelte gemeinsam mit dem Method-Actor Hojgaard das Stück, indem er persönliche Erfahrungen des Schauspielers, der dabei zum Co-Protagonisten neben Breivik wird, verarbeitet. Breivik hatte im Juli 2011 in Oslo und der an die norwegische Hauptstadt angrenzende Insel Utoya ein Blutbad mit 77 Toten angerichtet.

Dabei verarbeitete Lollike verschiedene Ebenen: Breiviks Manifest verbunden mit Lexikonlemmata und Hojgaards Tagebuch. Dann eine zentrale Szene, die beklemmender kaum dargestellt werden könnte: Der Schauspieler setzt sich vor einen Spiegel, hinter dem eine Webcam angebracht ist. Dabei wird dem Theaterbesucher vorgeführt, wie Hojgaard sich langsam in Breivik verwandelt. Die Kamera ist das Auge des Spiegels. Dem Zuschauer wird sozusagen der Spiegel vorgehalten. Haben wir nicht alle schon über „die Ausländer“ schwadroniert? Und ja, eigentlich „sind wir ja keine Rassisten“… Oder doch?

 

Breiviks Tat ist die mörderische Konsequenz aus dem, was passiert, wenn man Stammtischparolen konsequent weiter“entwickelt“. Sein Verbrechen ist eine Folge von Vorurteilen, wie auch wir – die Zuschauer – sie nicht selten haben. Das ist beklemmend. Ebenso wie die Waffe, die am Ende des Stücks auf uns gerichtet wurde…

 

 

 

 

Autor: 
Michael Bernartz
Ressort:
Neue Stücke
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