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Wir präsentieren: eine Lektion

„Die Unerhörten“: Matthias Fontheim inszeniert die dritte deutsche Bruce-Norris-Uraufführung als Boulevardstück mit gehobenem Zeigefinger.

 

Don nimmt ein Handtuch und legt es über den vermeintlichen Kopf, der gerade in einer Plastiktüte über den Boden gekullert ist. Das Stück gipfelt in dieser Szene, die antrainierte Pietät neben Grausamkeit stellt. Nebenan wird Etienne gefoltert. Er, der zu Beginn gewarnt hatte. „Tut euch das nicht an“, rief er. Jetzt schreit er vor Schmerz.

 

In „Die Unerhörten“, dem dritten Stück des Amerikaners Bruce Norris, das Intendant Matthias Fontheim am Mainzer Staatstheater zur deutschsprachigen Uraufführung bringt, steckt eine Menge Moralismus. Das mag sich ergeben, wenn man ein Drama in einem fiktiven afrikanischen Entwicklungsland ansiedelt, schlüssig wird es indes nicht: Der Unternehmer Don (Marcus Mislin als unaufgeklärter Dandy) gewährt Missionar Dave und dessen Verlobter – dem in die Dritte Welt geflohenen Fernsehstarlett Jane – Asyl in seiner kolonialen Guckkasten-Villa (Bühne und Kostüme: Marc Thurow), weil ihr Haus abgebrannt ist. Dave, den Tilman Rose vor allem als mehrfach Irritierten darstellt, ist das unmöglich: Wie könnte er im Luxus beim Ausbeuter schwelgen, während draußen die Leute hungern und leiden? „Was glaubst du, warum die Kinder dein Auto anspucken, wenn du vorbeifährst“, fragt er Don. Der versteht das gar nicht.

 

Amerikanische Selbstreflexion
Norris, so verrät das Programmheft, hat das Stück anlässlich des Irakkriegs und der „unverständlichen“ Wiederwahl George Walker Bushs geschrieben. Zum Schaden der  Vorstellung gelingt es Fontheim nicht, der amerikanischen Missionarshaltung („Wir schaffen Jobs und Demokratie“) Universelles entgegenzusetzen. Zwar ist die Inszenierung bewusst als distanzierte, fast brechtsch verfremdete angelegt, dem Publikum und den Figuren ist die Theatralität stets bewusst. Doch auf der Bühne schaffen der Mangel an Existenziellem und die Künstlichkeit letztlich lächerliches Zivilisationsgehampel. Richtig anstrengend wird die aufgesetzte Reflexionsebene, als Etienne sich vor dem letzten Vorhang das Blut von der geprügelten Oberlippe wischt: „So, jetzt habt ihr eure Lektion gelernt!“

 

Dass die Idee, Unwohlsein beim Publikum zu erzeugen, nicht recht funktioniert, liegt nicht alleine an der Regie, die sicherlich nicht das beste Stück aus Norris‘ Feder zur Vorlage hatte. Sowohl die Dialoge als auch der Plot wirken überzeichnet und konstruiert. Nach einem Streit mit Jane – mit der Jele Brückner ein zwar hysterisches, aber schlüssiges Debüt in Mainz abliefert – verlässt Dave die Villa und ist fortan verschwunden. Es folgt eine Suche, die schließlich in Folter gipfelt. Etienne, den eigentlich nur seine Nikes interessieren, könnte ja etwas wissen. Don sieht sich – wenn es der Wahrheitsfindung dient – zu Gewalt gezwungen, und nachdem die Plastiktüte mit dem Kopf auf die Bühne geplumpst ist, stimmt auch Jane zu.

 

Eigennutz und Mehrwert
Darin, dass ausgerechnet die von Andrea Quirbach überzeugend als quasselndes, verblödetes Unternehmerfrauchen gespielte Nancy das Richtige tut und eine Entscheidung ablehnt, zeigt sich das Dilemma der Aufführung. In Dons Geste des Leichen(hand)tuchs umso mehr: Alles ist komplex konstruiert, doch die nicht nachvollziehbare Struktur der Konstruktion verhindert Wirkung. Sie tun es einfach. Vielleicht steckt darin eine Aussage, denn auch der moderne polit-ökonomische Kolonialismus gründet auf als notwendig erachteten Automatismen. Vielleicht ist es aber auch Zufall.

 

Norris will zeigen, dass es keinen Altruismus gibt, dass Menschen immer den eigenen Interessen gemäß handeln. Das war mit dem Irakkrieg so, und so ist es bei Jane, die den Armen helfend eigentlich nur ihren Seelenballast bekämpft. Dass zumindest dies klar wird, liegt an den „afrikanischen“ Charakteren des Stücks. Neben Etienne (Jonathan Aikins) sind das Tante Mimi (Lara-Sophie Milagro), die als Bürokratin für Vetternwirtschaft und die Emanzipation von westlichen Ideologien steht, und „Der Doktor“. Jean-Claude Mawila, der als kiffender Leibarzt das Stück nach oben zieht, hinterfragt in seiner Rolle sachlich die wie an der Schnur aufgefahrenen Stereotype. Dass er kurz vor der Entscheidung zur Folter den Raum verlässt, ist der beste Moment der Inszenierung. Er weiß, dass er nicht mehr gebraucht wird. Dass die Frage, ob Folter oder nicht, keine relative ist. Diese Entscheidung muss der Westen mit sich selbst ausmachen.

 

Statt diese Erkenntnis für sich stehen zu lassen, dreht sich das Stück nochmal, und das längst Offensichtliche wird dem Publikum unter die Nase gerieben. Natürlich ist Etienne unschuldig, und Dave kommt unversehrt von seinem Spaziergang zurück. Wie mit Etiennes letztem Kommentar – „Jetzt habt ihr`s gesehen. Die machen, dass die Leute sich schäbig fühlen.“ – unterschätzen Norris und Fontheim damit leider ihre Zuschauer.

 

 

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Die Unerhörten
Staatstheater Mainz, Kleines Haus
Nächste Aufführungen: 22. und 29. März, jeweils 19.30 Uhr

 

 

 

Autor: 
Marius Meiss
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"Die Unerhörten"; Foto: Bettina Müller
"Die Unerhörten"; Foto: Bettina Müller