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Wortlose Kunst

„spring – Tanz trifft Text“. Ein einzigartiges Tanztheater, das beweist, dass Ballett mit den bloßen Bewegungen des Tanzes auskommen kann.

 

Das Licht geht aus, die Gespräche verstimmen und erwartungsvolle Ruhe tritt ein. Doch der Vorhang – oder vielmehr die Leinwand -  bleibt unten, das Licht erloschen. Stille. Sekunden, die sich wie Minuten anfühlen. Nichts passiert. Haben die Künstler ihren Einsatz verpasst? Unruhe macht sich allmählich breit. Ist das Absicht? Blicke schweifen besorgt zum Nachbarn. Auch ihm erscheint der Sitz plötzlich viel zu unbequem. Man rutscht nervös hin und her. Und eigentlich ist es auch viel zu warm in diesem Raum. Man zieht die Jacke aus. Nun juckt es am Kopf. Man kratzt sich. Und einen Hustenreiz verspürt man schließlich auch noch. Man muss sich räuspern. Wie soll man mit dieser Stille umgehen? Wie weit können die Menschen es ertragen, wenn diese Leere nicht mit Worten gefüllt wird? Fragen, die die Tänzer des Balletts des Staatstheaters Wiesbaden an diesem Abend in den Raum stellen wollen.

 

Körpersprache vs. verbale Sprache
Ein erleichtertes Seufzen geht durch das Kleine Haus des Staatstheaters, als auf der Leinwand endlich Lichter aufflackern. Doch die Erleichterung weilt nur kurz. Denn noch immer hüpfen keine TänzerInnen fröhlich auf die Bühne, wie man es zur Eröffnung eines Stückes mit dem Titel „spring“ erwarten würde. Stattdessen hört man nur stockende Musik, metallische, abgehackte Töne. Und immer wieder das aufflackernden Licht, gerade ausreichend, um in dem Lichtblitz ein menschliches Gesicht zu vermuten. Man könnte meinen, man schaue einen Horrorfilm, wobei die DVD wohl einige Kratzer haben muss. Letztlich handelt es sich aber um eine ungewöhnliche, aber prächtige Art, den Choreographen vorzustellen. Und zudem eine spannende Einleitung für jede der neun Aufführungen.

 

Denn, nein, nicht nur eine, sondern gleich neun verschiedene Choreographien bietet das Tanztheater „spring“ im Rahmen der internationalen Maifestspiele in Wiesbaden an diesem Abend.

 

Ziel ist es, die Aussage des österreichischen Schriftstellers Heimito von Doderer „Was man nicht in Worte fassen kann, empfindet man nur dumpf“ aus unterschiedlichen Perspektiven zu hinterfragen. Unter dem Thema „Tanz trifft Text“ geht es also darum, zu zeigen, dass man Gefühle und Seelenzustände ebenso gut über Körpersprache äußern kann wie über Worte. Beide Ausdrucksformen sollen im Tanztheater vereinigt und in alternative Verhältnisse zueinander gesetzt werden.

So unterschiedlich die Interpretationen der einzelnen Choreographen sind, so unterschiedlich sind auch die Ausdrucksformen der Tänze. Bei den Aufführungen geht es auch nicht primär um die Demonstration der Tanzfiguren, als vielmehr um den Ausdruck, der durch die Figuren vermittelt wird. Daher ist es auch nicht sonderbar oder störend, dass das Bühnenbild recht minimalistisch ausfällt.

 

Elegant und fein schlängelt sich die Tänzerin im Stück „monoloque intérieur“ mit einer Taschenlampe in der Hand über den Boden der leeren Bühne, absolviert eine Kür im Dunkel. Das kleine Licht tanzt mit und verschmilzt mit den Bewegungen der Silhouette. Eine höchst ungewöhnliche Tanzvorstellung, unheimlich, aber zur Musik von Yann Tiersen zugleich tief berührend. Gedanken und Satzfragmente einer Frau ertönen über Lautsprecher laut im Saal. Die Stimme ist so klar, so ernst und doch so gleichgültig und unterstützt die durch den Tanz hervorgerufene leicht psychopathische Stimmung fabelhaft. Ein innerer Monolog, der verbalen und tänzerischen Ausdruck findet. Worte werden tänzerisch aufgenommen, ergänzen sich mit der Bewegung wie zwei Puzzleteile und erwecken ein unbeschreibliches Mitgefühl mit der tanzenden Frau.

 

„Horche auf das, was man hört, wenn man nichts mehr vernimmt“
Doch nicht immer wird das gesprochene oder gesungene Wort mit schönen Ballettfiguren hinterlegt. Häufig sind die Choreographien geprägt von nahezu furchteinflößenden Bewegungen, die den Eindruck hinterlassen, die Tänzer seien von Dämonen besessen. Der Psychothriller wird fortgeführt. Nicht ganz Herr über ihren Körper, schütteln sie Gliedmaßen und wanken wie von einem Fluch belegt und wie ferngesteuert über die Bühne. So oft diese „Tänze“ auch mit extrem aggressiver und wirrer Musik und unangenehm aneinander gereihten Tönen, die man nicht Musik nennen kann, hinterlegt werden, zeigen einzelne Passagen ebenso, dass es der Musik wirklich nicht immer bedarf. So rückt anstelle der manchmal unangenehm unruhigen und schiefen Töne minutenlang ein anderes Geräusch. Es ist sanfter, viel leiser und unaufhörlich. Es ist die Stille. Auf diese Weise macht Giuseppe Spota deutlich, dass man die Musik nicht unbedingt braucht, um mitzufühlen. Dass auch der leise vernehmbare Atem der Tanzenden ausreicht, um die magnetische Spannung und das leidenschaftliche Miteinander der beiden Körper in seinem Stück „Un/attainable“ zu vernehmen.

 

Wortlose Sprache ist nicht dumpf
Was man nicht in Worte fassen kann, kann man aber in Bewegung fassen! Dies beweist jeder einzelne der neun Choreographen mit seinem Stück hervorragend. Dass es viel zu schade ist, etwas durch Worte konkret festzulegen, zeigt zuletzt auch nochmal das Stück „Flowing“ von Taulant Shehus. Jede körperliche Ausdrucksform ist reich an Facetten und berührt jedermann auf eine andere Weise. Dass ein pompöses Bühnenbild ebenso unnötig ist wie ausdrucksstarke Musik, um Bilder in den Köpfen der Zuschauer entstehen zu lassen, wird zur Genüge demonstriert. Und dass es sogar nicht mal mehr wirklich notwendig zu sein scheint, die Mimik der Tanzenden zu erkennen, um der dazugehörenden Körperbewegung mehr Ausdruck zu verleihen, wird jedes mal bewiesen, wenn die Tänzer wie Schatten im Halbdunkel über die Bühne huschen.

 

Die Kombination aus Medienkunst und Tanzkunst verleiht dem Stück einen modernen Charakter. Es ist ein einzigartiges Theater, ungewöhnlich, neu, frisch, jung und dazu noch frei von jeglicher Art sinnloser Worte!

 

Weitere Aufführungen: 5., 10. und 21. Juni, jeweils 19.30 Uhr

Staatstheater Wiesbaden, Kleines Haus

 

Foto: Lena Obst

Autor: 
Katharina Schuh
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