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Zu neuem Leben erweckt
In der jungen Woche der Maifestspiele zeigt das Wiesbadener Theater eine erfrischende Neuinszenierung von Wedekinds „Frühlings Erwachen“.
Zu Beginn steht ein pinkes Planschbecken auf der Bühne. Plötzlich dröhnt ein Lady-Gaga-Song durch den Theatersaal, und schon springt das passende Girlie mit Blondhaar-Perücke auf die Bühne und fängt an, mit Quietsch-Stimme und rasend schnellem Tempo einen Dialog mit ihrer Mutter wiederzugeben. Danach folgt anderthalb Stunden lang ein Theaterstück über Identitätssuche in der Pubertät, wobei ein verträumter HipHopper und ein überheblicher Typ, der auch gern mal seinen Hintern entblößt, eine große Rolle spielen – dazu werden Drogen genommen, Rockmusik gehört, und Ausdrücke wie „Schlampe“ und „Motherfucker“ kommen auch mal vor. Man glaubt es kaum, aber man sitzt in einem über hundert Jahre alten Stück.
Der Regisseur Nuran David Calis bemüht sich mit seinem Ensemble vom zwinger3-Club des Theater Heidelberg um größtmögliche Aktualität des Klassikers. Während Wedekind vor allem die prüde Sexualmoral des wilhelminischen Zeitalters anprangert, die Jugendliche unaufgeklärt und hilflos zurücklässt, verlagert Calis den Schwerpunkt auf die zeitlose Problematik der Pubertät. Denn Identitätssuche, aufkeimende Sexualität und Neuorientierung beim Erwachsenwerden lassen gestern wie heute hilflose und resignierte, aber auch sensible und trotzig-starke Jugendliche zurück.
Teenies allein auf der Bühne
So ist inhaltlich und textlich manches verändert. Die Eltern kommen beispielsweise gar nicht vor. Die Jugendlichen kämpfen sich ganz alleine auf der Bühne durch ihre Probleme. Da ist die nervtötend naive Wendla, die ungewollt schwanger wird, und ihre vergebliche Schwärmerei für Melchior. Der in seinem Zynismus überheblich gewordene Halbstarke weiß mit Schwangerschaft aber nichts anzufangen. Außerdem ist da die trotzig-rebellische Martha, die von ihrem Vater geschlagen wird. Durch ihr raues Elternhaus hart geworden, will Martha „um die Welt fliegen und nie wieder zurückkommen“ und „ihrem Ex, Mama, Papa ordentlich in die Fresse hauen“. Dabei traut sie sich bis zuletzt nicht ihre Liebe gegenüber dem verträumten Moritz einzugestehen, der um seine Versetzung und Anerkennung kämpft und sich schließlich mit der Frage „kann man sterben, ohne geboren zu werden?“ im Planschbecken ertränkt. Cédric Pintarelli gibt dieser Figur etwas berührend Sensibles, immer wieder zitiert er Naturgedichte und träumt von einem Schatz – ihm scheint Kerstin Ohlendorfs verbissen-kämpferische Interpretation der Martha entgegengesetzt und doch in ihrer Ausweglosigkeit ganz ähnlich zu sein.
Mit „Werden Terroristen den Bahnhof in die Luft sprengen?“ und „Werde ich je einen Job bekommen?“ werfen sich Melchior und Moritz Fragen an den Kopf, mit denen sie in ihrem Leben als Erwachsene konfrontiert werden. Sie wissen nur auf eine Frage eine Antwort: Ist das Schamgefühl ein Produkt unserer Erziehung? „Ja klar“, sagt Melchior und lässt die Hose runter. Geschickt schafft es der Regisseur den heutigen, sehr offenen Umgang mit Sexualität zu beleuchten. Heutzutage sind auch Zwölfjährige aufgeklärt, ihnen ist völlig klar, dass das Schamgefühl keine moralische Instanz sondern eben Erziehung ist, mit Tabuisierung haben sie nicht mehr zu kämpfen – weniger unsicher macht es sie trotzdem nicht auf diesem Gebiet. Das ist sehr treffend in der Figur der Ilse verkörpert. Ilse tanzt offenherzig zu den Lady-Gaga-Songs und in Sachen Sex scheint sie nichts zu schocken, trotzdem gelingt es Theresa Rose auf sehr authentische Art, die eigentliche Naivität dieser „überaufgeklärten“ Jugendlichen zu zeigen.
Neuinterpretation des Klassikers
„Arbeiten, schlafen, fressen, danach kommt nichts mehr!“ Melchior schreit in den Theatersaal, als sein Freund tot im Planschbecken liegt. Damit ist die Kehrseite der heutigen Freiheit der Jugend auf den Punkt gebracht: dass man von Freiheit auch überfordert sein kann und dadurch Orientierungslosigkeit und Resignation entsteht. Trotz aller Ernsthaftigkeit des Stücks schafft es der Regisseur aber auch für einige Lacher zu sorgen. Die Figuren sind allesamt überzeichnet, gerade die überdrehte Wendla, die mit passender Stimme und Perücke sofort an Heidi Klum erinnert, wirkt wie eine Karikatur. Joanna Kapsch gelingt eine übertriebene und doch sehr glaubhafte Darstellung einer 14-Jährigen, die ihre Einfältigkeit zum Markenzeichen macht.
Ganz im Rahmen der Jungen Woche richtet sich diese Neuinszenierung direkt an die 13- bis 16-Jährigen. Das geschieht teilweise auf Kosten des Originaltextes. „Das Leben ist Geschmackssache – ich könnt' kotzen“, ruft Moritz an einer Stelle. „Frühlings Erwachen“ ist in dieser Form bestimmt auch Geschmackssache. Kotzen muss man aber nicht, wenn man ein autonomes Stück über zeitgenössischere Jugendliche sehen und dabei nicht ständig das Original im Kopf haben möchte.
Foto: Markus Kaesler















