Zwei Tage Musikgenuss
Phono Pop 2011 im Alten Opelwerk Rüsselsheim, 22. und 23.07.2011
Wer mit Festivals in erster Linie Schlamm, Warteschlangen vor Dixie-Klos und „Helga!“-grölende Halbstarke verbindet, der hat damit wohl nicht ganz unrecht, war aber vermutlich noch nie auf dem Phono Pop. Denn auf diesem kleinen feinen Festival, das in diesem Jahr zum sechsten Mal in Rüsselsheim und damit mitten im Rhein-Main-Gebiet stattfand, steht eindeutig der entspannte Musikgenuss im Vordergrund.
Die Macher schaffen es nicht nur Jahr für Jahr, ein großartiges Aufgebot an Bands nach Rüsselsheim zu holen, sondern achten auch bei der Organisation auf Qualität und eine angenehme Atmosphäre. Dadurch gelingt es ihnen, alle Vorteile eines kleines Festivals auszuspielen: Kurze Wege, kurze Wartezeiten vor Getränkeständen und Klos, gute Sicht auf die Bühnen. Hektik kommt allerhöchstens dann kurz auf, wenn man direkt nach einem Auftritt schnell zur anderen Bühne läuft, um auch ja keine der allesamt sehenswerten Bands zu verpassen. Mit Junip, der Band um den schwedischen Singer/Songwriter José González, sowie zwei ziemlich exklusiven Shows von Kante und Two Gallants gab es auf dem Phono Pop 2011 sogar gleich drei hochkarätige Headliner. Außerdem bestand das Line-Up wie auch in den vorherigen Jahren zu einem nicht unerheblichen Teil aus Bands, deren Namen man zwar vorher noch nie gehört hat, von denen man aber nach dem Festival begeistert seinen Mitmenschen vorschwärmen kann. Doch der Reihe nach.
Am Freitagabend eröffnete zunächst die Rüsselsheimer Nachwuchsband Sweets For My Zebra das Festival. Dabei erfanden sie das Rad des tanzbaren Indie-Rocks zwar keineswegs neu, brachten aber die ersten Füße zum Mitwippen. Das gelang Touchy Mob mit seinem introvertierten Ein-Mann-Elektro-Singer/Songwriter-Auftritt anschließend nicht ganz. Irgendwie entfalteten die Klänge des Topfschnitt und fusseligen Vollbart tragenden Berliners ihre Wirkung in der Helligkeit vor der Open Air-Bühne nicht so recht. Bei dem ausgelassenen Indie-Pop der Isländer Who Knew war dagegen alles auf Party getrimmt. Allerdings hatte man das Gefühl, dass die Band ein Jahr zuvor auf der kleineren Bühne und mit weniger Bekleidung aufgrund der heißen Temperaturen noch ein Stück besser rüberkam. Trotzdem hatten gerade die Zuschauer in den vorderen Reihen sichtlich ihren Spaß.
Danach wurde es dann bei Future Islands zunächst verstörend: Auf der Bühne standen drei Männer, die aussahen wie auf uncoole Weise nerdige Angehörige der amerikanischen Mittelklasse. Eine Art Mensch, die man ansonsten praktisch nie auf Konzertbühnen vorfindet. Doch hat man diesen kleinen optischen Schock erst mal überwunden und sich zudem an das seltsam exaltierte Gebaren des Frontmanns und Sängers Samuel Herring gewöhnt, sollte man schleunigst anfangen, auf die Musik zu achten. Dann hört man nämlich außergewöhnliche Songs, die in 80er-Jahre-Manier zwischen Verzweiflung und Hedonismus balancieren und dabei dennoch nie altbacken klingen. Außerdem verfügt der Sänger über eine unfassbar wandelbare Stimme, die von tiefem Grollen bis hin zu sehnsuchtsvollem Lechzen alles aus sich herausholt. Gerade aufgrund dieses Aus-dem-Rahmen-Fallens der Band ein erstes Highlight des Tages.
Anschließend boten Junip den perfekten Soundtrack zum sich verabschiedenden Sonnenlicht. Die Schweden machten verträumte und geradezu hypnotische Musik zum entspannten Im-Takt-Wiegen, die allerdings nie ins Belanglose abdriftete. Und Hits hat die Band auch noch genug. Vorgetragen mit der samtweichen Stimme von José González schlichen sich die Songs ganz sanft in die Gehörgänge des Publikums. Als es schließlich ganz dunkel war, nutzten Hundreds die Gunst der Stunde und verbanden ihren eindrucksvollen Auftritt mit einer tollen Lichtshow. Live wurde die Bruder-Schwester-Band von zwei Percussionisten unterstützt, sodass es neben großen Melodien auch in die Beine gehende Beats zu hören gab. Der Abschluss des ersten Abends wurde Bodi Bill überlassen. Die Berliner Band ist inzwischen festivalerprobt und schaffte es auch auf dem Phono Pop, die Besucher mit ihrer Mischung aus handgemachtem Indie-Rock und knisterndem Elektro mitzureißen. Während im Hintergrund bunte Visuals aufleuchteten, zog sich der Frontmann dabei auch schon mal einen Stein als Kostüm an. Arty und tanzbar war der Sound von der Bühne, mit dem das Publikum nach Hause (bzw. wahlweise auf die Aftershowparty) verabschiedet wurde.
























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