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Zwischen Form und Inhalt

Das Haiku ist eine alte japanische Gedichtform, die seit einiger Zeit auch in Wiesbaden Anhänger gefunden hat. Der dortige Haiku-Kreis pflegt die Form auf professioneller Ebene.

 

Ecke Herderstraße/Emanuel-Geibel-Straße: In dem kleinen verglasten Ladenlokal, genannt „Literaturtreff Multatuli“, trifft sich jeden ersten Dienstag des Monats um 19 Uhr ein poetischer Zirkel der etwas selteneren Art: der Haiku-Kreis Wiesbaden. Seit nunmehr fünf Jahren kommen die derzeit sieben bis acht festen Freunde der altjapanischen Dichtkunst zusammen und stellen ihre neuesten Werke vor. „Wir wollen nicht nur lesen, klatschen und wieder nach Hause gehen, sondern die Haikus unter verschiedenen Blickwinkeln besprechen und gemeinsam daran arbeiten“, erklärt die Vorsitzende der Gruppe, Rita Rosen. Und tatsächlich wird auch jedes Haiku Wort für Wort unter die Lupe genommen. Jedes Gedicht wird mindestens zweimal vorgelesen, um sich setzen zu können. Danach geht die Gruppe ins Detail und das zuweilen mit recht kontroversen Meinungen. Was assoziieren die Zuhörer und wo liegt die eigentliche Aussage des dreizeiligen Gedichtes? Welche Worte sind gut, welche klingen gut? Passen Verständlichkeit und Klang, Inhalt und Form zueinander? Wie hallt das Haiku beim Zuhörer nach? Bei aller Genauigkeit bleibt die Atmosphäre aber locker und professionell. Einen detaillierten Anleitungsvorschlag zur bestmöglichen Haikubesprechung und Bearbeitung hat sich der Kreis in Form des 1. Wiesbadener Haiku-Manifestes schon erarbeitet.

 

Der Reiz der Form
„Die Form hat mich gereizt. Struktur und Form können Wörtern so schöne Gestalt geben“, begründet Rita Rosen ihre Begeisterung für das Haiku. Die japanische Dichtform besteht aus drei Wortgruppen, die (im Deutschen) meist in drei Zeilen untereinander liegen. Allgemeinhin sagt man, 17 Silben dürfen verteilt werden, traditionell im Muster fünf-sieben-fünf. Diese recht strenge Form zwingt den Schreiber zur Reduktion. Das angestrebte Bild in nur 17 Silben zur Entfaltung zu bringen, dabei nichts Wichtiges zu verlieren und das auch noch schön klingen zu lassen – darin liegt die Kunst. Und tatsächlich ist es der Reiz an dieser Dichtform, der alle Haiku-Kreis-Freunde verbindet und zum Schreiben drängt. Der freiberufliche Schriftsteller und Haiku-Kreis-Schreiber Hartmut Fillhardt erklärt es enthusiastisch strahlend so: „Die Form erfordert, dass man den Inhalt immer wieder umwälzt, bis es passt, ohne eingezwängt zu wirken.“ Ein Wort, das fast alle Mitglieder ebenfalls benutzen, ist „Herausforderung“. Der Tradition gemäß bezieht sich der Inhalt auf Naturbeschreibungen, ländliche Idylle. Und auch die Wiesbadener Haikufreunde ziehen ihre Inspiration aus Beobachtungen ihrer Umgebung und des Alltags. „Das Visuelle rotiert im Kopf, bis es ins Sprachliche mündet“, beschreibt es Renate Müller. Hier wird natürlich auch das Umfeld und Leben des „modernen Städters“ thematisch berücksichtigt.

 

Immer in Bewegung

Auf die Frage, wie lange ein Haiku braucht, bis es fertig ist, lachen die Haikufreunde vergnügt. Ein Haiku kann in fünf Sekunden oder erst nach zwanzig Jahren fertig sein. Manchmal findet man die richtige Bearbeitungsform erst nach vielen Versuchen, bevor man ein altes Haiku vollenden kann. Rita Rosen findet: „Ein einzelnes Haiku kann immer ein fortwährender Prozess sein.“ Natürlich beschränken sich die Wiesbadener Haikuschreiber auch nicht immer nur auf die Tradition. Jeder hat seinen eigenen Standpunkt gegenüber neueren Formen, Weiterentwicklungen und konservativer Verbissenheit. Präsentationskonzepte werden ausgiebig diskutiert. Dürfen Haikus Überschriften haben? Sollte man die dreizeilige Struktur aufbrechen? Und wenn man auch in Deutschland schon seit Längerem vom traditionellen und vom neuen Haiku spricht, sollten dann auch getrennte Plattformen dafür entwickelt werden oder wäre das unzuträgliche Haarspalterei? Auch innerhalb des Wiesbadener Haiku-Kreises gibt es da sehr unterschiedliche Ansichten und sowohl die Haikulandschaft Deutschlands als auch die in der Ecke Herderstraße/Emanuel-Geibel-Straße bleibt lebendig und ständig in Bewegung. Im August soll in Kooperation mit Designstudierenden der Hochschule RheinMain sogar die erste Anthologie des Haiku-Kreises Wiesbaden in Buchform herausgebracht werden.

Autor: 
Johannes Kraus
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