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Zwischen Melancholie und Spaß, Raststätte und Bühne

Honig veröffentlichten Ende August ihr Album Its not a hummingbird, its your fathers ghost. Jetzt fahren sie damit über die deutschen Autobahnen. Wir haben vor dem Konzert in Frankfurt mit Stefan Honig gesprochen.

 

 

STUZ: Das neue Album ist jetzt knapp einanderthalb Monate draußen. Wie ist es bisher mit ihm herum zu fahren?

 

Stefan Honig: Es macht Spaß. Im Endeffekt ist es sehr angenehm, dass wir einen Haufen mehr Songs haben aus denen wir auswählen können. Man muss nicht mehr das ganze Album spielen und am Ende ein, zwei alte Lieder raussuchen, damit die Spielzeit stimmt.

 

 

Die Reaktionen besonders von der Presse sind einstimmig. Die Intro sagte, du hast den Thron von dem Conor Oberst runtergerutscht ist eingenommen.

 

Ein bisschen übertrieben ist das, aber natürlich angenehm. Es gibt natürlich schlimmere Sachen die man lesen kann.

 

 

Honig warst zu nächst du allein. Beim Haldern Pop gesellten sich deine Freunde dazu. Hast du da zum ersten Mal gemerkt, dass deine Lieder auch mit einem ausgeschmückteren Arrangement funktionieren?

 

Ich hab das ja schon auf der Empty Orchestra Platte gemerkt. Da waren ziemlich viele Gastmusiker mit dabei. Ich hab vorher schon Versuche unternommen eine Band zusammen zustellen, aber richtig funktioniert hat das erst, als Marcel, der Schlagzeuger, dazu gestossen ist. Haldern war auf jeden Fall das erste Mal, dass ich gedacht habe, dass es mit der Band funktioniert. Wenn man irgendwann auf größeren Bühnen spielen kann, ist es schwierig alleine den Raum zu füllen. Als Vorband geht das. Auf Tour macht es auch einfach mehr Bock, wenn eine ganze Band dabei ist.

 

Du hast gesagt, du brauchst Erde in der Musik. Kannst du das erklären?

 

Wenn Musik zu künstlich oder zu generiert klingt, spricht es mich selten an. Ich hör auch gern mal eine Thome York Solo-Platte. Aber generell mag ich es, wenn hier und da ein Knacken zu hören es und nach gemachten Musik klingt.

 

Hat sich durch die feste Band, das Schreiben der Songs verändert oder liegt der Hauptteil des Schreibens bei dir?

 

Die Songs hab ich weitestgehend vorbereitet, aber eben nicht fertig arrangiert. Ich bin mit denen Ideen in den Proberaum gegangen und wir haben zusammen die Songs fertig geschrieben. Klar, gibt es mehr Input von den einzelnen Bandmitgliedern. Aber da ich schon seit etlichen Jahren mit denen zusammen Musik mache und Lieder schreibe fühlte sich das nicht wie eine neue Herangehensweise an. Nur in dem Kontext von dem Projekt Honig war das neu.

 

 

Wenn man nicht weiß, dass du aus Düsseldorf kommst, ist es schwer deine Musik überhaupt nach Deutschland zu verordnen. Du warst in Amerika, Ost-Europa und in Asien unterwegs. Das steckt großes Potential dahinter. Ist es dein Ziel oder waren das Möglichkeiten die sich ergeben haben?

 

Es ist natürlich ein Ziel mit der Musik zu reisen und an Orte zu kommen, wo man sonst nicht hinkommt. Die meisten Sachen haben sich einfach ergeben. Man lernt Leute kennen, man quatscht mit denen, man teilt Pläne mit denen.

 

Golden Circle, zum Beispiel, ist eine Hymne auf das Touren. Kein Wunder, dass du etliche Musiker bei den Aufnahmen dabei hattest. Wie wichtig ist das unterwegs sein für dich?

 

Ich mag das super gern. Es ist ein Teil der ganzen Musiksache die ich sehr genießen kann. Ich bin gern unterwegs, spiel gerne Konzerte. Gerade mit der Band machen wir das jetzt schon zum wiederholten Male und ich denk wir sind eine gute Truppe. Klar, gibt es mal Tage an denen man sich gegenseitig auf den Sack geht, aber das ist auch das Normalste der Welt. Für mich ist das Touren etwas, was ich immer sehr gerne machen wollte und seitdem ich das mache hängte es mir auch noch nicht zum Hals raus. Gerade drei Wochen am Stück unterwegs zu sein und zu merken, wie unterschiedlich die Sachen ankommen und wie man in der ganzen Sache immer besser wird, wenn man das jeden Abend spielt ist gut.

 

Kannst du das Touren als Reisen genießen? Jeden Tag eine neue Stadt.

 

Es ist schon schöner, wenn man im Ausland unterwegs ist und das genießen kann, weil es ein anderes Land ist. Sonst sieht man relativ wenig von den Städten. Ich komm selten in eine Autobahnraststätte und denke: Oh, hier war ich ja noch nie. Man denkt immer, dass man so viel Zeit hat, aber du kommst morgens aus dem Hotel, fährst deine drei Stunden, kommst an, baust auf, isst was und dann ist schon wieder das Konzert. Das geht immer so schnell. Dann räumst du ab, trinkst noch ein paar Bier und fährst zurück ins Hotel. Es ist immer erschreckend, wie wenig man Drumherum auf die Kette kriegt.

 

 

In der Jugend Hardcore und mit Mitte zwanzig zur Akustikgitarre, das scheint gerade ein begehrter Trend zu sein. Kannst du dir das erklären?

 

Laute Rockmusik hat ja oft mit der Jugend, der Phase des Umbruchs und der eigenen Identitätsfindung zu tun. Geschmäcker verändern sich, man lernt mehr kennen. Viele von den ruhigeren Sachen, die ich lieben gelernt habe, hab ich vorher gar nicht gekannt. Der Hauptgrund ist, dass ich in den Metalbands gesungen und Texte geschrieben hab, aber keine Ahnung davon hatte wie ich einen Song schreiben sollte. Als ich angefangen hab Akustikgitarre zu spielen, hab ich für mich einen Weg entdeckt Songs zu schreiben. Ich würd aber sofort wieder in einer Metalband spielen, wenn die geil ist und ich nur singen muss.

 

 

Gab es Alben die du während der Aufnahmen gehört hast und die bewusst oder unbewusst eine Auswirkung darauf hatten?

 

Unbewusst weißich ja nicht. Aber zu der Zeit hab ich ziemlich viele eine Band aus Portland gehört,  die heißen Thypoon. Das ist eine zwölf Mann Kombo. Von denen hab ich ein bisschen das Arrangement von den Backing Vocals mit rüber genommen. Die energievollen Shouts im Hintergrund zu den folkigen Songs.

 

 

Viele Musiker suhlen sich gerne in ihrem Schmerz oder Leid und fühlen sich dabei wohl. Dein neues Album ist ja nicht nur ein Freudentanz. Fällt es dir schwer dich von der stagnierend Weinerlichkeit abzugrenzen?

 

Unsere Konzerte sind das genaue Gegenteil von Weinerlichkeit. Wir haben Spaßauf der Bühne, wir beziehen das Publikum mit ein und wir nehmen uns nicht zu ernst. Es gibt zwar melancholische Songs, aber das heißt nicht, dass ich traurig bin. Im Leben gibt es Melancholie und das ist eine Emotion die ich mit der Musik verbinden und angehen kann. Melancholie ist eine gute Art traurige Dinge zu bearbeiten. Gerade bei Konzerten sind wir keine traurige Band.

 

Wäre auch schade drum.

 

Das gibt es ja schon. Dann sitzt da jemand und sagt nichts, spielt seine traurigen Lieder runter und das kann auch Wahnsinn sein. Mir wäre das total unangenehm, wenn ich nicht in Kontakt mit dem Publikum treten würde und keine Interaktion aufbaue.

 

 

Was empfinden deine Hörer bei der Musik? Gibt es Reaktionen die du bekommen hast?

 

Es gibt schon Leute, die mir Mails schreiben. Das freut mich total. Vieles davon ist für mich aber gar nicht nachvollziehbar. Manchmal müssen wir darüber schmunzeln, wenn jemand da irgendwas reininterpretiert. Wenn du so tief in einer Platte drinsteckt und so lange daran gearbeitet, dass man das nachher gar nicht mehr richtig beurteilen kann, was das für eine Bedeutung haben kann. Aber das ist ja das Schöne daran, dass jeder sich selber ein Bild machen kann.

 

 

Hat Musik eine therapeutische Funktion und Wirkung? Von beiden Seiten gesehen. Bei Musikern und Hörern.

 

Total. Gerade wenn du Liebeskummer hast, gibt es nichts Tolleres als eine cheesy Nummer zu hören, sich darin zu suhlen und sich nachher besser zu fühlen. Wenn man einen geilen Song schreibt, kann das ein totaler Glücksmoment sein. Es gibt bestimmt auch Leute die ihre eigenen Probleme in den Texten therapieren können.

 

Autor: 
Tobias Siebert
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Honig - Lemon Law