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Die entspannteste Band der Welt? (STUZ 61, Okt. 04)

Im Rahmen der im Juli stattfindenden „Aktion Tagwerk“ arbeiteten Schüler aus Rheinland-Pfalz einen Tag lang und spendeten den Erlös an Projekte der Entwicklungsarbeit im Partnerland Ruanda. „Wir sind Helden“ gaben dafür ein Solidaritätskonzert - und Sängerin Judith mit Schlagzeuger Pola der STUZ ein Interview.

 

Als ehemalige Studenten, was denkt Ihr wäre im Zuge der Hochschul- Refomdebatten mal eine sinnvolle Reform?

 

Judith: Im Studium habe ich gemerkt, dass Professoren weder überprüft, noch rausgeschmissen werden. Man macht keinen Unterschied zwischen Professoren, die wirklich eine Berufung zum Lehren haben und solchen, die absichtlich Studenten in den ersten Veranstaltungen vergraulen, um wieder nur forschen zu können. Professoren müssen auf pädagogisches Talent und Einsatz überprüft werden – wie auch Lehrer!

 

Müsste nicht auch schon an Schulen etwas verändert werden?

 

Pola: Da wird ja gerade viel verändert, wobei ich befürchte, dass sich nach der Pisastudie an den falschen Ländern orientiert wird. Ich höre immer häufiger, dass viele Kinder durch den erhöhten Leistungsdruck weniger Zeit für ihre Hobbies haben und darin immer schlechter werden.

 

Judith: Beunruhigend ist die totale Fokussierung auf schnelleres Abschließen, um in ein nicht existentes Arbeitsleben entlassen zu werden. Diese Lüge, dass es Arbeit gäbe, die es aber nicht gibt und nie wieder geben wird, ist ein Grundproblem unserer Gesellschaft. Eine Fixierung auf Leistung und Elite wird das Land in keinster Form voranbringen. Das ist die Abkehr von meinem Ideal, dass Bildung Mittel zur Erlangung von Weisheit ist. Herzensbildung wird vernachlässigt!

 

Pola, Du sagtest mal, die vorige Generation sei an ihren Utopien gescheitert und wir hätten jetzt wieder die Chance, einiges zusammen zu bringen. Was meinst Du damit?

 

Pola: Ich spüre großes Potenzial, aus der Entwicklung unserer Elterngeneration zu lernen. Vor allem in der Gleichberechtigung hat sich seitdem ein Quantensprung vollzogen. Diese Ströme muss man weiterführen. Momentan vollzieht sich eine Abkehr von der Leistungsgesellschaft und viele entdecken andere Werte wie Persönlichkeitsentwicklung.

 

Judith: Man soll das Erreichte nicht an den Utopien messen, es nicht als Scheitern abtun, denn auch der halbe Weg ist schon ganz schön weit. Indem man die Errungenschaften dieser Generation verlacht, zum Beispiel die Emanzipation, ist man aktiv daran beteiligt, sie wieder rückgängig zu machen.

 

Seht Ihr Euch selber als Vorbilder?

 

Pola: Als Vorbilder nicht! Es ist uns nur wichtig, bestimmte Meinungen zu vertreten. Wir sind glücklich, dies in unsere Texte einfließen lassen zu können. Vielleicht sprechen wir für eine bestimmte Gruppe von Menschen, geben Denkanstöße für Ideen, die sowieso gerade virulent sind.

 

Was hat Euch am meisten motiviert, an eurem Musiktraum dranzubleiben?

 

Pola: Als wir uns kennengelernt haben, spürten wir gleich: Das ist was ganz Besonderes! Bei den vorigen Bands war’s nicht geil oder einer war Alkoholiker – oder beides. Es wurde unser gemeinsamer Traum, von dieser Band leben zu können.

 

Judith: Musik war immer mein größter Traum. Doch etwas, dass sich wie Freude anfühlt, konnte keine Arbeit sein. Das wäre zu einfach gewesen. Erst mit 23, 24 war es wie eine spirituelle Entscheidung, alles andere loszulassen und mich meiner einen großen Liebe zu ergeben. Man muss seinen Platz im Universum einnehmen! Wenn man etwas macht, was andere von einem möchten, bleibt er leer. Ihr wirkt immer so entspannt.

 

Wie schafft Ihr es, am Boden zu bleiben?

 

Judith: Ja, die entspannteste Band der Welt!

 

Pola: Wir hatten großes Glück, die Leute, mit denen wir zusammenarbeiten, aussuchen zu können. Sie setzen uns nicht unter Druck. Deswegen fühlt es sich auch entspannt an für uns! Im Gegensatz zu vielen anderen Bands können wir sehr frei über unsere Planung entscheiden. Dazu kommt, dass bei uns kaum Drogen kursieren. Dieses Leben, drei Tage unterwegs, dann vier Tage zuhause, lädt geradezu ein: Komm! Nimm Drogen! Ich persönlich fühle immer eine tiefe Leere, wenn ich zuhause bin, wo ich nicht genau weiß, was ich mit mir anfangen soll. Da wäre es dann sehr einfach, ein Paar Bier zu trinken…

 

…jetzt, da ihr auch so viel Geld habt…

 

Judith: Für mindestens drei Bier am Tag reicht’s.

 

Fühlt Ihr euch in einem Spannungsfeld mit dem System, das ihr kritisiert, zu welchem ihr aber auch gehört?

 

Judith: Wir bewegen uns im dem Umfeld der Medien, mit dem wir auch nur zu sehr kleinen Teilen einverstanden sind. Man muss sehr wachsam sein! Es ist ein tägliches Austarieren und sich Mühe geben, aber ich glaube, wir sind bisher gut durchgekommen. Für eine Band mit medienkritischem Blick ist es im deutschen Fernsehen generell schwierig, sich würdig zu präsentieren. Aber wir sind Musiker, lieben wahnsinnig, was wir tun und möchten auch gerne, dass die Leute das hören können.

 

Pola: Nach außen dringen auch immer nur die Sachen, die man macht - nicht was man ablehnt…

 

Judith: Es ist ein Lernprozess. Wir geben uns große Mühe, unsere Fans nicht nur über Fernsehen zu erreichen, sondern auch über kleine selbst produzierte Filmchen, die wir überall drauf haben. Natürlich wünscht man sich die ein oder andere geile Sendung… dass Harald Schmidt nicht mehr da ist, ist auch ein Drama.

 

Seid Ihr selbst noch aufgeregt, wenn Ihr auf Promis wie Harald Schmidt trefft?

 

Judith: Wir haben vier Konzerte dieses Jahr mit den Ärzten gespielt und hatten jedes Mal alle Stöcke, die wir auf dem Gelände finden konnten im … Fürchterlich! Ich bin total aufgeregt, wenn ich Leute treffe, die ich gut finde. Aber deswegen liebe ich auch Musik. Ich bin einfach total Fan, kann Leute leidenschaftlich toll finden. Oder ich schleiche um den Container von irgendjemandem...

 

Pola: Du bist also um Bela B.’s Container geschlichen...

 

Judith: Nee…

 

Was erwartet uns mit der zweiten CD?

 

Judith: Momentan bin ich sehr glücklich darüber, was an Liedern da ist.

 

Pola: Sie wird groß. Besser als die Erste.

Autor: 
Annika Schücke
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