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Die netten Tabletten (STUZ 124, Jun. 10)

Eigentlich wurden Mittel wie Ritalin für ADHS-Patienten entwickelt. Inzwischen aber greifen auch viele Studenten zu den Pillen, um dem Leistungsdruck standzuhalten. Ein Mainzer Professor hat sich mit diesem Phänomen beschäftigt.

 

Es gibt Tage, an denen die Sache mit dem Lernen einfach nicht richtig klappen will. So erging es auch Sarah T.*, Studentin an der Uni Mainz. Sie stand kurz vor der Prüfung, doch Konzentrationsprobleme führten dazu, dass sie mit dem Stoff einfach nicht weiterkam. Da entschied sie sich zum ersten Mal ein Hilfsmittel auszuprobieren. Ein Medikament namens Methylphenidat.
Methylphendiat ist bekannter unter seinem Handelsnamen Ritalin und wird normalerweise zur Behandlung des Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitäts-Syndrom (ADHS) genutzt. Der Wirkstoff erhöht indirekt die Dopamin- und Noradrenalin-Freisetzung und führt somit zu einer Steigerung der Wachheit und einer Verbesserung der Aufmerksamkeit. Ist dies vielleicht die neue Droge für den müden, unausgeschlafenen Studenten? Die Pille zur Gedächtnissteigerung?
 „Methylphenidat hat nur einen aktivierenden Effekt, wenn bereits Leistungen vollbracht werden. Die Defizite durch einen Schlafentzug, also verstärkte Müdigkeit, lassen sich damit nicht aufheben. Außerdem hat es keine messbaren Effekte auf die Stimmung oder das Gedächtnis“, erklärt Professor Klaus Lieb in seinem kürzlich erschienen Buch „Hirndoping – Warum wir nicht alles schlucken sollten“. Der Direktor an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universitätsmedizin Mainz widmet sich seit Jahren dem Thema Hirndoping und Psychopharmaka.
Was genau versteht man eigentlich unter dem Begriff Hirndoping? „Hirndoping ist die missbräuchliche Anwendung verschreibungspflichtiger Medikamente zur geistigen Leistungssteigerung“, so Lieb. Zu diesen Mitteln gehören unter anderem Amphetamine, Modafinil oder Methylphenidat.

Kein unbekanntes Phänomen
Ist Sarah mit ihrem Methylphenidat-Experiment ein Einzelfall? Wie verbreitet ist das Phänomen „Hirndoping“ eigentlich? An der Mainzer Uni jedenfalls hat nicht nur Sarah zu leistungssteigernden Mitteln gegriffen: „In der Bib habe ich einmal auf dem Boden einen ganzen Tablettenstreifen Methylphenidat gefunden, den jemand verloren hatte“, erzählt sie. Im Rahmen einer von Lieb durchgeführten Studie gaben rund vier Prozent von 1035 befragten Schülern und 512 Studenten an, mindestens einmal konzentrationssteigernde Mittel eingenommen zu haben, um ihre kognitiven Fähigkeiten zu verbessern.
Da die Hirndoping-Mittel verschreibungspflichtig sind, stellt sich die Frage, woher Schüler und Studenten die Medikamente beziehen. Eine Möglichkeit bietet das Internet. Diverse Internetapotheken bieten Medikamente an, die eigentlich der Verschreibungspflicht unterliegen. Sehr verbreitet ist allerdings auch der Bezug über Freunde und Bekannte, die das Medikament zu therapeutischen Zwecken nehmen. „Das ist zumindest in den USA offenbar eine gängige Praxis“, so Lieb. „Hier verkaufen Schulkinder ihre Medikamente an Mitschüler weiter.“ Auch Sarah erhielt das Mittel über einen Bekannten. „Ehrlich gesagt, hätte ich es sonst gar nicht probiert, da ich nicht gewusst hätte, wie ich an das Mittel rankomme“, sagt sie.
„Kein Medikament ohne Nebenwirkungen. Dieser Satz gilt natürlich auch für alle zum Hirndoping eingesetzten Medikamente“, erklärt Lieb. Eine kurzzeitige Einnahme kann zu Nebenwirkungen wie erhöhtem Blutdruck, beschleunigtem Herzschlag, innerer Unruhe, Problemen beim Wasserlassen und einer gesteigerten Atemfrequenz führen. Sarah hat keine dieser Nebenwirkungen gespürt. Dafür hatte sie ein ganz anderes Problem. Sie erzählt: „Ich hatte das Mittel eingenommen, kurz bevor ich eine Pause gemacht habe. Auf dem Rückweg in den Lesesaal kam ich an den Wörterbüchern vorbei. Ich nahm mir ein chinesisches Wörterbuch mit an meinen Platz und fing an daraus zu übersetzen.“
Ob sie glaubt, dass sie das Buch auch ohne Medikamenteneinnahme mitgenommen  hätte? „Ich denke, ich hätte mal reingeguckt. Aber sicher nicht mit an den Platz genommen.“ Da sich Sarahs Studium nicht auf den asiatischen Sprachraum bezieht, war die Einnahme des Medikaments für sie kontraproduktiv. Zwar konnte sie sich besser konzentrieren. Aber leider nicht auf das Richtige.
Über die Nebenwirkungen bei regelmäßiger Einnahme ist bisher noch nicht viel bekannt. Laut Lieb liegt dies daran, „dass die Substanzen, die bisher für Hirndoping missbraucht werden, alle zur Behandlung psychisch kranker Menschen und nicht für die Anwendung bei Gesunden entwickelt wurden und so nur Erkenntnisse zur Langzeitanwendung bei Patienten vorliegen.“ Bekannte Nebenwirkungen, die bei regelmäßiger Einnahme von Hirndoping-Substanzen auftreten können, sind die Entstehung psychischer Erkrankungen wie Manien oder Psychosen. Allerdings ist nur ein kleiner Teil der Menschen gefährdet. „Wahrscheinlich entscheidet die Veranlagung darüber, ob jemand solche Erkrankungen entwickelt, oder nicht. Welche Gene hierfür verantwortlich sind, ist bisher allerdings nicht bekannt“, so Lieb.
Von der Veranlagung hängt es unter anderem auch ab, wie wahrscheinlich ein Abhängigkeitsrisiko für den Menschen ist. Darüber hinaus spielt die eingenommene Substanz eine Rolle. Die Abhängigkeitsgefahr ist bei Amphetaminen und Methylphenidat am größten. Allerdings, so erklärt Lieb, „gebrauchen Millionen Erwachsene und Kinder diese Substanzen zum Beispiel zur Behandlung von ADHS, ohne dass eine Abhängigkeit entsteht.“ Da Methylphenidat das Dopamin nicht stark freisetzt und somit euphorische  Zustände ausbleiben, ist die Suchtgefahr als gering einzuschätzen. Trotzdem warnt Lieb: „Es bleibt beim Substanzkonsum immer ein unkalkulierbares Risiko einer Abhängigkeitsentwicklung – nur wenn man die Substanzen nicht konsumiert, ist man wirklich auf der sicheren Seite.“

Hirndoping für alle?
Laut welt.de forderten vor kurzem englische und US-amerikanische Hirnforscher „medikamentöses Hirndoping als seriös anzuerkennen und entsprechende Tabletten für jedermann frei zugänglich zu machen.“ Die deutschen Wissenschaftler reagierten mit Empörung. Das Thema Hirndoping wird kontrovers diskutiert, denn neben den unbekannten Langzeiteffekten stellen sich auch moralische Fragen. Dazu gehört, dass Hirndoping zur Unfairness im Wettbewerb beiträgt. Ein Student, der Medikamente vor einer Prüfung einnimmt, hat Vorteile gegenüber seinen Mitstudenten, die darauf verzichten wollen. Daraus kann ein gefährlicher Gruppenzwang entstehen, wenn Studenten, die auf leistungssteigernde Mittel verzichten wollen, nicht mehr mit ihren „gedopten“ Kommilitonen mithalten können.
Misserfolg und Schwächen gehören zum Leben dazu und sind „wichtig für die persönliche Reifung jedes Menschen und bergen Chancen in sich, die in einer ,Hirndoping-Welt‘ verloren gingen“, sagt Lieb. Für ihn erscheint der „Ruf nach einer Legalisierung von Hirndoping verfrüht und letztendlich verantwortungslos.“ Das Thema wirft viele ethische und gesellschaftliche Fragen auf, die es nun zu beantworten gilt.
Für Sarah ist das Thema Hirndoping erstmal abgeschlossen. Zu Prüfungszwecken würde sie das Medikament nicht einnehmen, aber eine eventuelle Einnahme zum Lernen unter bestimmten Umständen schließt sie nicht ganz aus. Trotzdem hält sie es für sinnvoller, es ohne zu versuchen.

* Name von der Redaktion geändert

Autor: 
Anna Wolter
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