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Die Psyche des Täters (STUZ 71, Sep. 05)

Ein Verbrechen muss aufgeklärt werden: Um ein möglichst schnelles Ergebnis zu erzielen, arbeiten Rechtsmediziner, polizeiliche Ermittler und Fallanalytiker Hand in Hand. Der Tatort wird besichtigt, Beweismaterial gesammelt und Gutachten erstellt. Doch wie gelangt man zum Täter?

 

Sie heißen „Profiler“, „Akte X“ oder „Gerichtsmedizinerin Dr. Samantha Ryan“ – Serien, die jeden Abend über deutsche Bildschirme flimmern. Es gilt, schwierige Fälle zu lösen, Täter zu stellen und Leichen zu obduzieren. Die Serienhelden arbeiten meist alleine oder zu zweit, die Aufklärung erfolgt fast immer in nur wenigen Stunden. Das Vorbild für die amerikanische Serie „Profiler“ sei ein reales Berufsfeld, heißt es auf der Homepage des Senders VOX. Doch was machen Profiler und Rechtsmediziner wirklich?

 

Mord in der Mainzer Uniklinik

 

Es ist Freitagmorgen, 11:00 Uhr, auf dem Gelände der Uniklinik Mainz: Eine Villa im Miniaturformat wird in den Hörsaal Innere Medizin getragen, der Beamer projiziert die erste Powerpoint- Folie an die Wand: „Fallvorstellung – Lieselotte E., Hans-Ullrich E. und Susanne N.“ Der Rechtsmediziner Prof. Dr. Dr. Reinhard Urban leitet das Seminar, das jedes Semester stattfindet und sich an Jura- und Medizinstudenten richtet. Inhalt ist die Vorstellung verschiedener Fälle, von Treppenstürzen über Verkehrsunfälle bis hin zum klassischen Mord. Urban bemüht sich stets, die an den jeweiligen Fällen beteiligten Kommissare oder Anwälte in seinen Vortrag einzubinden.

So wie an diesem Tag: Zum Abschluss des Semesters wird über zwei Sitzungen hinweg ein Mordfall vorgestellt: Peter E. hat seine Mutter, den Bruder und dessen Lebensgefährtin in der familieneigenen Villa erschlagen. Der Mainzer Hauptkommissar und ehemalige Leiter der Sonderkommission Hermann Gläser ist anwesend, er war damals maßgeblich an den Ermittlungen beteiligt. Den Studenten werden Fotos vom Tatort gezeigt, Verletzungen werden analysiert, der Tathergang rekonstruiert. Die Teilnahme an dieser Fallvorstellung ist nicht verpflichtend, jedoch bekommen die Studenten bei regelmäßiger Anwesenheit einen Schein ausgestellt. „Das Kontingent an Praktikumsplätzen für Mediziner in Mainz ist sehr gering, und so tragen die Nachweise für freiwillig besuchte Kurse – neben guten Noten – entscheidend zur Auswahl bei“, so Urban.

 

Berufswunsch Profiler

 

Bei der Aufklärung eines Verbrechenssteht die Teamarbeit zwischen

Rechtsmedizinern, Kommissaren und „Profilern“ an erster Stelle. Keiner kommt ohne die Arbeitsergebnisse des anderen aus, nur gemeinsam erreicht man das Ziel. Im Kriminalistischen Institut des Bundeskriminalamts in Wiesbaden befindet sich die OFA-Zentralstelle. OFA steht für Operative Fallanalyse, hier werden Fallanalysen und kriminologische Forschungsprojekte durchgeführt.

Häufig kommen Anfragen von Studenten, überwiegend des Fachbereichs Psychologie, die sich über den Ausbildungsweg eines „Profilers“ informieren möchten. Umfragen zufolge spielt ein großer Teil der Studienanfänger mit dem Gedanken, später in diesem Berufsfeld tätig zu werden. Doch es gibt nur sehr wenige Arbeitsplätze: Die Fallanalysen werden in den Bundesländern von rund fünfzig, im Bundeskriminalamt (BKA) von 16 Fallanalytikern durchgeführt, die in Teams von jeweils drei bis acht Personen zusammenarbeiten. Weiterhin ist das Auftreten von Fällen der Schwerstkriminalität in Deutschland sehr gering und auch ohne die Fallanalyse kann bereits ein großer Teil aufgeklärt werden. Es gibt zwei Wege, um zu dem Berufsziel Fallanalytiker zu gelangen: Die eine Möglichkeit ist die Bewerbung bei der Polizei zur Ausbildung als Polizeibeamter nach dem Abitur. Dort macht man den Aufnahmetest, gefolgt von einem Studium an der Fachhochschule (FH) der Polizei und einer dreibis fünfjährigen Praxisphase als Polizeibeamter in fallanalytisch relevanten Deliktsbereichen. Danach nimmt man an einem zusätzlichen Auswahlverfahren für die OFA teil, auf das eine fünfjährige Ausbildung zum polizeilichen Fallanalytiker folgt.

Diesen Weg wählte Harald Dern vom BKA Wiesbaden. Er studierte an der FH des Bundes und nebenher privat Psychologie und Sozialwissenschaften.

Nach der Weiterbildung kam er über Kontakte zum Fachbereich KI 13 im BKA. Dort schuf er gemeinsam mit Dr. Michael Baurmann, wissenschaftlicher Direktor und Leiter des Fachbereichs für Operative Fallanalyse und kriminologische Forschung, unter anderem die Grundlagen für die später entstandenen OFA-Dienststellen.

Den anderen Weg ist Jens Vick gegangen. Er studierte zuerst Psychologie auf Diplom, war danach in den Bereichen Gewaltforschung und Prävention von Kinder- und Jugendkriminalität tätig und kam schließlich 1993 zum BKA. Zusammen mit Michael Baurmann, der übrigens an der Universität in Mainz Psychologie studiert hat, und einer weiteren Psychologin beim Landeskriminalamt in Thüringen (Christiane Schaser) gehört er zu den drei einzigen Psychologen in Deutschland, die sich ausschließlich mit der Thematik der Operativen Fallanalyse beschäftigen. Den Begriff „Profiler“ mögen sie nicht, da er oftmals missverstanden wird: „Durch die Medien haben die meisten Menschen ein völlig falsches Bild von dem, was wir machen. Ich sage meist, dass ich als Fallanalytiker arbeite, den Ausdruck ,Profiler’ verwende ich eher selten“, so Dern.

 

Aufklärung ist Teamarbeit

 

Es ist jeweils von den Deliktsbereichen abhängig, wann Fallanalytiker zum Einsatz kommen: Bei Erpressungen und Entführungen werden sie direkt in den laufenden Fall einbezogen.

Dann kann sich die Arbeit, wie die laufende Erpressung selbst, über mehrere Wochen hinziehen. Bei einem Tötungsdelikt handelt es sich zunächst einmal um ein abgeschlossenes Geschehen und es reicht meistens eine Woche für die eigentliche Analyse. „Wir arbeiten grundsätzlich nur im Team, alleine ist eine solche Aufgabe nicht zu bewältigen. Außerdem sind wir von der Rechtsmedizin und den Tatortleuten abhängig.“ Bei Fallanalysen agieren Jens Vick und Harald Dern meist als Moderatoren. Diese sind dafür verantwortlich, das Fallanalyseteam anzuleiten, gruppendynamische Prozesse zu verfolgen und Konflikte, die durch die Extremsituation entstehen können, anzusprechen und zu lösen. „Wenn der Fall dann aufgeklärt wurde, setzen wir uns ein paar Wochen später noch mal  mit den Sachbearbeitern der Dienststelle zusammen und evaluieren die Aussagen der Analyse zum Tathergang und dem Täterprofil.“

 

Zum Abschluss der Seminars in der Mainzer Uniklinik kommt von den Fallanalytikern die Frage, die von der

Bevölkerung oft falsch beantwortet wird: Wie hoch war die Zahl der Sexualmorde im Jahr 2004 in Deutschland?

Die Antwort: 29, darunter vier mit kindlichen Opfern. Die Aufklärungsquote lag bei knapp 96 Prozent. Dass die meisten Deutschen auf viel höhere Zahlen tippen, liegt wahrscheinlich auch daran, dass in manchen Medien oft ein überzogenes Bild der tatsächliche Kriminalitätslage vermittelt wird.

Autor: 
Jana Baurmann
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