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Die Stadt unter der Stadt (STUZ 106, Nov. 08)

Die Uni hat gerade erst angefangen, aber du willst schon wieder abtauchen? Dann ab in die Gewölbe unter Oppenheim. Ein eingesunkenes Auto wies den Weg in eine lange versunkene Welt.

 

Aufgeregt erzählte die Oppenheimerin der Polizei am Telefon von den merkwürdigen Geräuschen, die sie auf der Straße gehört hatte. Die Beamten schickten sofort einen Streifenwagen zum mutmaßlichen Hergangsort, hielten vor dem Haus der besorgten Bürgerin und hörten sich um. Noch während sie versuchten, ihren Ohren zu trauen, verließ sie jedes Vertrauen in ihre Augen. Ihr Auto versank langsam, mit der Motorhaube zuerst, im Untergrund. Nur dank der Hinterachse des Wagens, die sich verkeilte, fiel das Auto der Männer in grün nicht in einen dunklen, vier Meter tiefen Hohlraum. Die Entdeckung des Oppenheimer Kellerlabyrinths im Jahr 1986 weckte das Interesse der rund 7.000 Einwohner des Rhein-Städtchens, zwanzig Bahnminuten südlich von Mainz gelegen. Die mysteriöse Tunnelanlage entpuppte sich als komplexes, mittelalterliches und kilometerlanges Gangsystem. Die bauhistorische Besonderheit interessierte zuerst wenig, vielmehr stand die Sorge um die Stabilität der eigenen vier Wände im Mittelpunkt.

 „Das bisher entdeckte Oppenheimer Kellerlabyrinth unter der Stadt ist etwa dreißig Kilometer lang“, sagt Walter Lang, Gästeführer der Stadt Oppenheim. „Und wir schätzen, dass rund dreißig bis fünfzig Prozent der Gänge noch gar nicht aufgespürt sind. Wir finden immer wieder neue Keller.“ Das mittlerweile bekannte Gewirr aus Tunneln und Kellerräumen ist etwa drei- bis viermal so groß wie die eigentliche Stadt. Warum gruben die früheren Einwohner Oppenheims so viele Stollen unter ihre Häuser? „Das hängt mit dem mittelalterlichen Stapelrecht zusammen. Denn die Keller sind keineswegs Weinkeller, sondern Lagerräume aus dem elften bis 15. Jahrhundert“, erklärt Lang.

Stapelrecht hat Schuld
Oppenheim lag an der Kreuzung zweier wichtiger Handelsstraßen und besaß das so genannte Stapelrecht. Damit hatte es ein Anrecht darauf, von jedem vorbeireisenden Händler zu verlangen, seine Handelsgüter abzuladen, zu stapeln und einen gewissen Zeitraum zum Verkauf anzubieten. Immer mehr Händler brauchten Platz und bald war Oppenheim zu klein. Man konnte die Stadt aus strategischen Gründen aber nicht vergrößern. Hochhäuser waren wohl zu hässlich. Also erweiterten die Oppenheimer ihre Stadt in die Tiefe. „Jeder hat damals Keller gebaut, da man ja umso mehr Geld verdienen konnte, je mehr Lagerfläche man anbot“, erzählt Lang. Die Oppenheimer wollten sehr viel Geld verdienen und so wuchsen Kelleranlagen teilweise auf über vier Stockwerke tief in den Untergrund. Viele Gänge verbanden sich, weil zum Beispiel Nachbarn unter der Erde aufeinander zu gruben und Verbindungstunnel herstellten. Keine Tür grenzte die eigenen Keller von denen der anderen Bürger ab. Einzig Markierungssteine an den Wänden zeigten, wo der eigene Gang anfing und wo der des anderen begann. „Das Sozialverhalten war in der mittelalterlichen Gesellschaft ein ganz anderes. Es kam überhaupt niemand auf die Idee zu stehlen“, meint Lang.

Erlaubtes und Verbotenes
Heute bietet die Stadt Oppenheim regelmäßige Führungen durch ihre „Stadt unter der Stadt“ an. Einige Gänge sind mit verschiedenfarbigem Licht ausgestrahlt, um die unterschiedlichen Konturen des Gesteins zur Geltung bringt. Ein Besuch lohnt sich auch bei schlechtem Wetter, denn die Keller sind regenfest und die Temperatur beträgt das ganze Jahr hindurch um die 17 Grad. Neben dem „offiziellen“, also städtischen Kellerlabyrinth existieren viele Privatkeller, die man ebenfalls besichtigen kann. Das Weinhaus Völker führt durch seine Gänge und bietet mit einem Kathedralenraum und einer Madonnennische zwei Höhepunkte. Im hauseigenen Theaterkeller organisiert Völker außerdem regelmäßig Theateraufführungen, das „Dinner for One uff Rhoihessisch“.

An einer Stelle darf jedoch nicht besichtigt, nicht einmal weiter geforscht werden. „Das ist der mystischste Ort des gesamten Kellerlabyrinths“, so Lang, „Dort liegen nur einen Meter hinter der Mauer eines Ganges 240 Menschen in einem versteckten Katakombensystem unter der Bartholomäuskirche begraben. Vielleicht würden wir auf weitere Grüfte stoßen“, spekuliert der Gästeführer. Damit die Totenruhe nicht gestört werde, ist ein Mauerdurchbruch aber strengstens verboten.

 

Oppenheim oberirdisch
Für den bis jetzt vielleicht ausgebliebenen Schauder ist trotzdem gesorgt: Einen Katzensprung entfernt vom Eingang des Kellerlabyrinths im Herzen der Altstadt thront die Katharinenkirche, das Wahrzeichen des Städtchens. Direkt hinter der Kirche steht die Michaeliskapelle. In ihr ist eines der größten Beinhäuser Deutschlands untergebracht. Es beherbergt die Skelette von etwa 20.000 Oppenheimer Bürgern. Sie wurden zwischen den Jahren 1400 und 1750 vom viel zu kleinen Friedhof ins Beinhaus verbracht und aufgeschichtet – nachdem das Gewebe rund ums Skelett zu Asche und Staub verfallen war. Tausende gestapelter Schädel und Knochen lassen die Vergänglichkeit von Zeit erfühlen. Zurück in der gotischen Katharinenkirche führen die farbenprächtigen Glasfenster in eine nicht minder mystische Atmosphäre. Die Darstellung des fernöstlich angesiedelten Yin und Yang-Symbols und des sitzenden Gläubigen, der mehr einem Buddha als Jesus gleicht, erstaunt im evangelischen Gotteshaus.
Hoch über der Stadt thront die Burgruine Landskron, die man kostenlos besichtigen kann, und von der man einen Panoramablick über die Rheinebene hat. Im Sommer finden hier die Oppenheimer Theaterfestspiele unter freiem Himmel statt. Wer einen Regentag für seinen Ausflug erwischt hat, der kann neben dem Kellerlabyrinth in den Ausstellungen des Deutschen Weinbaumuseums viele Argumente sammeln, warum Wein trinken gesund ist oder im Oppenheimer Stadtmuseum noch mehr über Hoch- und Tiefstapelei erfahren. Zwischendurch, den ganzen Tag lang oder zum Abschluss sollte niemand versäumen, ein Glas des weltberühmten „Oppenheimer Krötenbrunnen“ zu trinken. Die außergewöhnliche Weinberg-„Großlage“ auf der Oppenheimer Gemarkung führte zu internationaler Bekanntheit, weswegen US-Amerikaner und Japaner um die halbe Welt reisen, um bei den Erzeugern des Tröpfchens authentisch zu verkosten. Mainzer und Wiesbadener Studenten fahren mit dem Semesterticket umsonst hin und heim.

Autor: 
Marius Wendling
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