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Die Weitsicht fehlt (STUZ 103, Jul. 08)
Gregor Czisch, Energieversorgungsexperte und Forscher an der Uni Kassel, erklärt, wie eine Vollversorgung mit Strom aus erneuerbaren Energien Wirklichkeit werden kann und woran sie momentan noch scheitert.
STUZ: Einmal angenommen, Oberbürgermeister Jens Beutel würde Sie fragen, wie er den Strombedarf der Mainzer künftig decken kann. Was würden Sie ihm raten?
Gregor Czisch: Ich würde vorschlagen, dass man gleich in Richtung Stromversorgung mit erneuerbaren Energien denkt und an eine Überlegung anknüpfen, die man in der Schweiz und auch in verschiedenen Wirtschaftsministerien Deutschlands diskutiert hat. Das wäre ein System, in dem man Off-shore-Windenergie (aus Windkraftanlagen auf offener See; Anm. d. Red.) mit Speicherwasserkraft aus der Schweiz oder anderen Ländern mit leistungsstarken Speicherwasserkraftwerken als Back-up kombiniert. Das Ganze wäre ausgestattet mit einem leistungsstarken Übertragungssystem, so dass man Energie in ganz Deutschland und bei den Partnerländern einspeisen könnte – zum Beispiel von den heutigen Kohlekraftwerksstandorten aus. Das wäre eine ausbaufähige Lösung, in die man zukünftig auch andere Speicherwasserkraftbetreiber einbeziehen könnte, etwa Österreich und Norwegen.
Das Mainzer Kohlekraftwerk soll, so es denn kommt, 2012 in Betrieb genommen werden und rund 800 Megawatt stark sein. Wären dieser Zeitrahmen und Leistungsumfang auch mit einem Konzept vereinbar, wie Sie es gerade beschrieben haben?
Ja, auf jeden Fall. Es geht um einige Gigawatt, die man generieren würde. Sinnvollerweise muss so etwas in Kooperation geschehen. Was Sie da beschreiben, führt letztlich zu dem von Ihnen favorisierten, großräumigen Vernetzungsgedanken.Am sinnvollsten wäre eine Hochspannungsgleichstromübertragung. Die entsprechende Freileitung wird von Anfang an in ihrer technischen Auslegung so gewählt, dass sie zukünftig ein Bestandteil einer großräumigen, internationalen Stromversorgung mit erneuerbaren Energien sein kann. Strom kann dann über weite Strecken von Skandinavien über Deutschland bis nach Südeuropa oder von Afrika in die andere Richtung transportiert werden. Eine Kooperation wie die deutsch-schweizerische Off-shore-Wind- und Wasserkraftkooperation muss man als einen ersten Baustein einer zukünftigen großräumigen Stromversorgung denken.
Wenn aber jetzt weiterhin vielerorts neue Kohle-, Gas- und Kernkraftwerke gebaut werden, arbeitet die Realität gegen Ihren Entwurf.
Es ist natürlich problematisch, wenn jetzt solche Kraftwerke gebaut werden, die eine Lebensdauer von vierzig, fünfzig Jahren haben. Damit würde man ja auch den entsprechenden CO2-Ausstoß über diesen enormen Zeitraum festschreiben, was wir uns klimatechnisch überhaupt nicht mehr leisten können. Das ist auf jeden Fall der falsche Weg.
Gilt dies genauso für Gaskraftwerke?
Selbst mit Gas sehe ich die Perspektiven nicht. Gaskraftwerke haben zwar geringere, spezifische CO2-Ausstöße, doch auch die sind noch zu hoch. Zudem wird perspektivisch die Abhängigkeit von einigen wenigen Produktionsländern ein massives Problem sein. Wir sehen jetzt schon, wie sich das zuspitzt, und das wird in zwanzig Jahren noch ganz anders aussehen. Vielleicht kann man einzelne Gaskraftwerke noch als Backup einsetzen, das ist durchaus vorstellbar. Da muss aber das Augenmerk mehr auf der Leistungsbereitstellung als auf der Energieerzeugung liegen, sprich: Diese müssen zur Sicherheit eingesetzt werden oder zum Ausgleich kurzfristiger Schwankungen. Der Rest sollte aus erneuerbaren Energien stammen.
Bis man schließlich die regenerative Vollversorgung erreicht hat?
Ja. Und das heißt, dass im Prinzip Eile geboten ist, denn beim Übergang zur regenerativen Vollversorgung sollten wir den bestehenden Kraftwerkspark einsetzen, solange wir ihn noch haben. Wir müssten also darüber nachdenken, in alte Kraftwerke zu reinvestieren, um sie noch ein paar Jahre über die Runden zu bringen. Momentan sind die Voraussetzungen sehr gut, wir haben einen leistungsstarken Kraftwerkspark. Aber wir sollten an der Umstellung arbeiten und nicht auf die Idee kommen, mit neuen Kraftwerken Fakten für die Jahrzehnte zu schaffen.
Bedeutet das, dass die entsprechende Technologie vorhanden und einsetzbar ist?
Ja, die technologischen Voraussetzungen sind gegeben.
Warum wird die Umstellung dann nicht in Angriff genommen?
Man sieht es ja daran, dass da über Kohlekraftwerke nachgedacht wird in einer Zeit, in der weltweit das Klimaproblem drängt. Es fehlt einfach die Weitsicht an den Stellen, die jetzt den Neubau solcher Kraftwerke vorantreiben. Die Energieversorger wollen sich auf eine umfassende regenerative Stromversorgung noch nicht einlassen.















