Anzeige

Die Weitsicht fehlt (STUZ 103, Jul. 08)

Welche Gründe hat diese Verweigerung Ihrer Ansicht nach?
Wenn man so einen großräumigen Transport vorsieht, der für ein internationales Versorgungssystem notwendig wäre, könnte über die Leitungen dann nicht nur Strom aus erneuerbaren Energien geschickt werden, sondern eben auch genauso Strom aus anderen Kraftwerken. Das heißt, es geht um die Konkurrenzfrage. Und wenn man sich ansieht, wie viele Engpässe es beim Stromtransport zwischen verschiedenen Ländern Europas bereits gibt, dann muss man wohl konstatieren, dass das nicht einfach zufällig so ist, sondern dass hier schon versucht wird, Konkurrenz außen vor zu halten. Im Prinzip ist hier die Politik gefordert, einzuschreiten und Vorgaben zu machen. Sie darf sich dann aber nicht auf die Energieversorger als Berater verlassen, sondern muss zu eigenständigen Lösungen kommen, sonst wird man immer solche Angebote kriegen, wie sie jetzt im Raum stehen.   

 

Das Umdenken in der Politik müsste dann auf internationaler Ebene stattfinden?
Denkbar ist als Anfang ein europäisches Supernetz in der Größenordnung von zehn Gigawatt, das alle Länder miteinander verbindet, wie es der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU) fordert. Das hat zum einen den Sinn, die erneuerbaren Energien besser nutzen zu können, zum anderen aber auch, Wettbewerb zu ermöglichen, also vielleicht genau das, was die Energieversorger nicht wollen. Dazu müsste man tatsächlich die europäische Politik entsprechend ausrichten. Ich möchte keinesfalls ausschließen, dass das passiert; es wird in Europa inzwischen relativ laut über Stromimporte aus erneuerbaren Energien aus Afrika nachgedacht. Man überlegt zum Beispiel, ob man das Zwanzig-Prozent-Ziel bis 2020 auch dadurch erreichbar macht, dass man Stromimporte aus Afrika anrechenbar macht. Und dann muss man sie natürlich auch irgendwie transportieren können – da sind die Leitungen als nächstes gefragt. Es gibt durchaus verschiedene europäische Überlegungen, die in solche Richtungen gehen. Meine anfangs skizzierte Vorstellung sind bilaterale oder trilaterale Projekte, die die große Lösung bereits mitdenken, aber schrittweise in die Richtung gehen. Dazu muss nicht zwingend von Anfang an die EU die treibende Kraft sein und EU-weite Regelungen und Gesetze verabschieden, auch wenn das erstrebenswert wäre.

 

In Ihren Überlegungen spielen auch Windkraftanlagen in Sibirien eine entscheidende Rolle. Glauben Sie, Russland als mächtiges Gasexportland wäre für diese Art der Energiegewinnung offen?
Warum nicht? Das wäre eine Fortsetzung ihres Energieexports mit einem anderen Energieträger. Die guten Windbedingungen sind in Russland dort, wo auch die guten Gas- und Ölvorkommen sind. Man könnte etwa die Windenergieerzeugung in Russland mit der Nutzung von Flare Gas kombinieren. Das ist das Gas, das bei der Ölförderung abgefackelt wird, also verschwendete Energie, die man sinnvoll für Back-up-kraftwerke nutzen könnte. Unterm Strich wäre das ein ganz ähnliches Geschäft wie das Erdgasgeschäft; auch die Investitionsvolumina sind nicht wesentlich unterschiedlich, so dass meiner Meinung nach nur ein geringes Umdenken notwendig ist, um so etwas zu realisieren. Das Gleiche gilt auch für afrikanische Länder, wo das Interesse und die Chancen noch sehr viel größer sind. Man muss bloß die riesigen Potenziale erneuerbaren Stroms in Nordafrika betrachten, und was für Investitionen dorthin fließen würden, wenn nennenswerte Mengen nach Europa geliefert werden sollten – darin liegt ein immenses Wachstumspotenzial für diese Länder. Und es gibt ein sehr reges Interesse, etwa in Ägypten oder Marokko.

 

Zurück in Deutschland: Derzeit haben erneuerbare Energien einen Anteil von gut zwölf Prozent an unserem Strommix. Wie hoch wird der Anteil Ihrer Einschätzung nach 2020 sein?
Ich treffe ungern Prognosen, würde aber sagen: Wenn wir es wirklich wollen, können wir in zwanzig bis 25 Jahren die regenerative Vollversorgung erreicht haben. Das ist mit Sicherheit technisch und wirtschaftlich machbar.

 

Wenn die Politik mitspielt.
Richtig, die Politik muss die Rahmenbedingungen setzen, und wenn sie das ambitioniert tut, dann schaffen wir das in zwanzig Jahren, davon bin ich überzeugt. Wir haben einen leistungsstarken Kraftwerkspark, der genutzt werden sollte, aber wir dürfen nicht einen fossilen Kraftwerkspark weiter ausbauen und dann in ferner Zukunft einmal einen erneuerbaren Kraftwerkspark in Angriff nehmen. Das ist mit Sicherheit der falsche Weg. Weltweit stammen fast fünfzig Prozent des CO2-Ausstoßes aus fossilen Energien aus der Stromerzeugung. Das ist also der dickste Brocken, und das heißt, wir müssen vor allem an dieser Stelle etwas tun.

 

 

Zur Person
Der gelernte Landwirt Gregor Czisch studierte an der Technischen Universität München Physik mit Schwerpunktsetzung im Bereich Energieversorgung und war seit 1987 unter anderem an der TU-München und für das Max-Planck-Institut für Plasmaphysik (IPP) bei Garching mit Themen in diesem Bereich befasst. Seine Tätigkeit am Institut für Solare Energieversorgungstechnik (ISET) und am Institut für Elektrische Energietechnik/Rationelle Energiewandlung (IEE-RE) an der Universität Kassel mündete in der Promotion über Szenarien einer zukünftigen Stromversorgung Europas. Bis Ende 2006 war er unter anderem als Referent für den Wissenschaftlichen Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU) tätig. Als Experte für die Gestaltung der zukünftigen Energieversorgung wurde er außerdem von verschiedenen Ministerien, Parlamenten und Versorgungsunternehmen zur Beratung herangezogen.

Autor: 
Ingo Bartsch
Facebook:
Artikel bewerten:

Dies bewerten

Eigene Bewertung: Keine Durchschnitt: 5 (1 Bewertung)

Flattr