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Drogen lügen nicht (STUZ 83, Okt. 06)

Früher rebellierten Jugendliche mit Haschisch und LSD gegen die Gesellschaft. Heute nehmen sie Drogen, um den Anforderungen der Gesellschaft standzuhalten.

 

Näher könnte die Szenerie nicht an der eines drittklassigen, klischeehaften Krimis sein: Durch die zugezogenen Vorhänge dringt nur wenig Tageslicht in den Raum, der Wohnzimmer und zugleich Schlafzimmer ist und vollgestellt mit Möbeln, die mehr von der Welt gesehen haben als nur eine Fabrik und eine IKEA-Filiale. Durch die Glastüren einer wuchtigen Vitrine aus Großmutters Zeiten sind jede Menge Bücherrücken zu sehen. Sammelbände von Brecht und Poe stehen da, diverse Lexika und ein Englisch-Wörterbuch - und unter anderem auch Howard Marks’ „Mr. Nice“, die wohl berühmteste Autobiographie eines Drogendealers. Ein schwarzer Hund schläft auf dem großen, farbenfrohen Teppich mitten im Raum; auf dem Tisch liegen zwischen einigen leeren Bierflaschen alle Utensilien, die Fred benötigt, um zum Kiffen die schon leicht durchgesessene Couch nicht verlassen zu müssen. Neben ihm sitzt Stefanie, seine Freundin, die ein wenig müde aussieht. Das ganze musikalisch unterlegt mit dem Pulp Fiction-Soundtrack.  
Auch Fred ist ein Mr. Nice, nur verkauft er das Dope nicht tonnenweise, und er lächelt auch nicht so charmant wie Marks auf dem Buchcover – es ist eher ein schelmisches, schon fast durchtriebenes Lächeln. Fred ist nicht mehr der Jüngste, bald wird er vierzig. Einsetzende Glatzenbildung, ansonsten viele graue Haare, dazu schlechte Zähne und ein nicht zu verbergender Bierbauch. „Wenn ich keine Arbeit hab, trink ich mehr“, stellt er fest. So wie im Moment. Früher arbeitete er als Krankenpfleger, aber das ist lange her. Das Jobcenter bekommt ihn nicht vermittelt, und von irgendetwas muss Fred schließlich leben – also dealt er. Wie bislang immer, wenn er arbeitslos war. Sofort jedoch betont er, dass es bei ihm „keine harten Sachen“ gebe. „Dope, Gras“, mehr nicht. „Das Andere, das war so vor zwanzig Jahren mal. Heute nicht mehr.“ Ob denn auch Studenten zu seinen Kunden gehören? Das ist die falsche Frage. Gemeinsam mit Stefanie überlegt er eine Weile, wie viele Studenten regelmäßig bei ihm einkaufen. Es sind um die zehn – die Noch-Abiturienten nicht mit gerechnet.

Konsum in den Alltag eingebettet
Im gleichen Größenbereich liegt die Zahl der Studenten, die im Jahr 2005 die Psychotherapeutische Beratungsstelle (PBS) auf dem Mainzer Campus wegen Problemen mit Rauschgift, den legal zu erwerbenden Alkohol eingeschlossen, aufgesucht haben. Das waren dreizehn, zumeist mit Alkoholproblemen, ansonsten THC-Konsumenten. Nur in einem Fall waren andere Substanzen im Spiel. In der Regel seien die Drogen nicht einmal der eigentliche Grund, weswegen die Betroffenen kämen, weiß Prof. Dr. Ursula Luka-Krausgrill zu berichten, die die PBS leitet. „Lernschwierigkeiten, Prüfungsängste, Partnerschaftsprobleme, Depressionen, sozialer Rückzug“, zählt sie die primären Gründe auf, sich in Beratung zu begeben, und Christian Kremser, Psychologischer Psychotherapeut und einer ihrer drei Mitarbeiter, nickt bestätigend. Die verhältnismäßig niedrige Zahl derer, die sich mit ihren Drogenproblemen an das PBS-Team wenden, erklärt sich Luka-Krausgrill weniger aus einer Scheu der Betroffenen, die im rege besuchten Studihaus gelegene Einrichtung aufzusuchen und sich damit der Gefahr auszusetzen, von Bekannten gesehen zu werden. Vielmehr gebe es in Mainz weitere „gute, spezialisierte Einrichtungen“, die „als primäre Anlaufstellen wahrgenommen“ würden. Die Leiterin der PBS vermutet auch, dass gerade die Konsumenten härterer Drogen kaum in der Lage seien, „so ein Studium zu bewältigen“. Ihnen mag es mithin ferner liegen, die universitäre Beratungsstelle zu nutzen. Zahlenmäßig belegen lässt sich dies jedoch nicht.   
Entgegen der geringen Fallzahl zählt die Frage nach dem Konsum von Drogen zum Standardprogramm der Beratung. „Wir fragen alle gängigen Symptome ab“, so Kremser. Es käme mitunter vor, dass Drogen im Spiel seien, die jedoch nicht als im Zusammenhang mit der eigentlichen Problematik stehend wahrgenommen würden. Es gebe auch Klienten, die ihren Hang zum Rausch verheimlichten, und es sei schwierig, sie „rauszufiltern“, führt Kremser weiter aus. Aber meistens würde in dieser Hinsicht offen kommuniziert.
Wie auch die Ärzte, unterliegen die Mitarbeiter der PBS der Schweigepflicht. Wer sich für eine therapeutische Beratung entscheidet, muss sich namentlich anmelden. Eine anonyme Behandlung, so Luka-Krausgrill, fände nur in absoluten Ausnahmefällen statt. Am Anfang der Beratung steht die Diagnostikphase, in der die Probleme eruiert werden. „Wenn es Anzeichen für einen deutlichen Missbrauch gibt, wenn jemand täglich und viel Alkohol trinkt“, erklärt die Psychologin exemplarisch, „dann wird es erst einmal wichtig sein, eine Reduktion des Konsums oder – im Idealfall – eine Abstinenz zu besprechen und zu vereinbaren.“ Das Schaffen einer Motivation, das Problem ernsthaft anzugehen, ist die Basis für alles Weitere. In Fallkonferenzen wird über die jeweiligen Verfahrensweisen beraten. Das Angebot der PBS ist endlich, es wird „keine Beratung über dreißig bis fünfzig Sitzungen angeboten“, wie Kremser es formuliert. Die universitäre Einrichtung arbeitet daher eng mit Psychotherapeuten in Mainz und Umgebung zusammen und verweist – je nach individueller Lage der Betroffenen – auf andere Anlaufstellen und Möglichkeiten der Behandlung. Die Bandbreite reicht hier von Spezialberatungsstellen bis hin zur stationären Behandlung in Kliniken. Während Luka-Krausgrill und ihre Mitarbeiter behilflich sein können, lange Wartezeiten bei niedergelassenen Psychotherapeuten zu überbrücken, muss bei Empfehlung eines Klienten für eine Klinik ein Arzt hinzugezogen werden. Hier ist ein haus- oder fachärztlicher Bericht vonnöten, der eine stationäre Behandlung rechtfertigt und auch empfiehlt, und den die Psychotherapeuten der PBS nicht ausstellen können. Auch stellt sich sodann die Frage, inwieweit die Krankenkasse eines Betroffenen willens ist, sich an den Kosten für medizinische Maßnahmen wie beispielsweise eine Entgiftung zu beteiligen. Rehabilitationsmaßnahmen werden meist von den Rentenversicherungsträgern bezahlt.
Einen die maßgeblichen Ausführungen des Hausarztes begleitenden Bericht bekommt der Antragssteller bei der Caritas. Hier werden neben Einzelgesprächen auch Gespräche in so genannten Orientierungsgruppen und eine ambulante Rehabilitation über ein halbes Jahr angeboten. Die konfessionelle Beratungsstelle ist ebenfalls ein Anlaufpunkt für Studenten, die ob der Drogen nicht mehr weiterwissen. Viele sind es nicht, „immer mal“ kämen Studenten, beschreibt Diplompsychologin Birgit Dahlem die Lage. Wie bei der PBS ist auch hier die Alkoholproblematik statistisch dominant. Dahlem entsinnt sich nur einer Person, die die Räumlichkeiten der Caritas im pittoresken Mombacher Ortskern wegen Schwierigkeiten mit Haschisch und Speed aufsuchte. Auffällig sei das oft hohe Alter der Studenten; „eigentlich immer über dreißig“ seien sie und brächten ihr Studium nicht zu Ende.
Benötigen die Symptome demnach eine lange Zeit, um sich voll zu entfalten und die sich dauerhaft zudröhnenden Akademiker dazu zu bewegen, sich professionellen Helfern anzuvertrauen? Meist sei der Konsum „lange Zeit in den Alltag eingebettet“, ehe die damit verbundenen Schwierigkeiten wahrgenommen würden, erklärt Dahlem. „Bis eine richtige Abhängigkeit entstanden ist, kann es gut zehn Jahre dauern“, meint auch Luka-Krausgrill, und ihr Kollege Kremser erklärt: „Vorher ist von Missbrauch die Rede“, sprich: Kontrollverlust und Entzugssymptomatik haben noch nicht eingesetzt.

„Die nehmen alles“
Das mag erklären, weshalb Fred seine Kunden als weitestgehend sorglos wahrnimmt. „Die kommen eigentlich alle klar“, sagt er über die größtenteils anfang- bis mittezwanzigjährigen Studenten, die sich bei ihm mit Rauchbarem eindecken. Der mit 36 Jahren Älteste hingegen, und auch das passt ins Bild, habe „üble Probleme“, was man ihm auch ansähe. Dass es den jungen Nachfolgern, insofern sie nicht irgendwann clean werden, dereinst besser ergehen wird, erscheint Fred dann auch sehr unwahrscheinlich. „Die sind halt noch am Anfang“ – und nicht zimperlich: „Wenn die richtig jung sind, sind sie oft richtig verpeppt.“ Es seien „eigentlich alle“ seiner studierenden Kunden, die sich nicht mit der Kifferei begnügten. „Außer Schore [Heroin,  d. Red.] nehmen die alles. Speed, Koka, Pillen… Und alle saufen sie wie die Löcher.“ Viel Mitgefühl zeigt Fred, der lange Zeit selbst auf allen erdenklichen Drogen war, indes nicht; und auch ein schlechtes Gewissen habe er nicht. „Die sind meiner Meinung nach alle alt genug, das muss halt jeder selber wissen.“ Nichtsdestotrotz sieht er nicht völlig gleichgültig zu, wenn er bemerkt, dass „einer nicht mehr klarkommt.“ Da ginge er schon drauf ein, bekräftigt er. „Hey, krieg mal wieder deine Dinger auf die Reihe“, sage er dann, „mach mal wieder was. Geht ja nicht, dass du ständig am Hängen bist…“ Soziale Abgrenzung also, Rückzug, dazu dürfe es nicht kommen – oder zu bleibenden Schäden, so geschehen in einem Fall, bei dem es Fred „richtig leid tut.“ Noch jung sei der Betreffende gewesen und auf LSD hängen geblieben – „aber das war kein Student.“ Das schleichende Heranreifen von Problemen, die womöglich erst nach einem Jahrzehnt des ständigen Drogenmissbrauchs deutlich und alsdann auch massiv zutage treten, verzerrt die Selbstwahrnehmung scheinbar zur Sorglosigkeit. Warum nicht high durchs Studium und auch durchs Leben, wenn doch alles ganz reibungslos zu bewältigen ist, wenn Rausch und Alltag scheinbar harmonisch miteinander funktionieren? Es scheint nahe liegend, dass demzufolge gerade junge User den Beratungsstellen entgehen. Dort jedoch bestätigt man diese Vermutung nicht. Selbst bei der Caritas in Mombach, wo die über Dreißigjährigen unter den hilfesuchenden Studierenden die Mehrheit bilden, bezweifelt man ein solches Phänomen.

Die Zeiten haben sich geändert
Dr. Anne Pauly von der Kompetenzplattform Suchtforschung der Katholischen Fachhochschule Nordrhein-Westfalen verweist auf verschiedene kritische Lebensphasen. Wer sich wann beraten lasse, sei „abhängig vom Ausgangsproblem.“ In den Jahren 2003 und 2004 leitete Pauly eine Studie, in der intensiv das Suchtverhalten der Studenten untersucht wurde. Es stellte sich unter anderem heraus, dass die Gruppe der 18- bis 24-jährigen Studierenden auffallend häufiger zu illegalen Drogen greift als die älteren Semester. Den Untersuchungen zufolge ist dies vor allem auf die inzwischen weit vorangeschrittene Auslöschung traditioneller Gefüge wie etwa dem „Arbeitsplatz auf Lebenszeit“ zurückzuführen. Weiter heißt es: Es werden „ehemals stabile Lebensorientierungen im Lebenslauf demontiert, und der Einzelne ist Unsicherheiten und auch Widersprüchen ausgeliefert, die jeweils neuartige Reaktionen und Verhaltensweisen verlangen.“ Diesen Gedankengang fortgeführt, erscheint es schnell plausibel, dass der Drogenkonsum den jungen Studenten heutzutage nicht mehr dem bloßen Erfahren einer Bewusstseinserweiterung dient, sondern schlicht die Orientierungslosigkeit im Hinblick auf die eigene Zukunft in einem gesellschaftlichen Umfeld erträglich macht, das den „flexiblen Menschen“ verlangt. Laut der Studie vollzieht sich die Adoleszenz, der Übergang vom Jugendlichen zum jungen Erwachsenen, heute häufig in der Anfangsphase des Studiums. Der Erwachsene als „fertiger Mensch“ gehört der Vergangenheit an; stattdessen sehen sich die Adoleszenten des frühen 21. Jahrhunderts mit Anforderungen konfrontiert, die ihnen stete Anpassung und ständiges Umdenken abverlangen, dagegen aber keine Sicherheit bieten: lebenslanges Lernen, Mobilität, ständige Weiterbildung, Innovation, Globalisierung und so fort. Der Loslösung vom Elternhaus, die unweigerlich mit dem Eintritt in eine Welt der fragilen Perspektiven und der Aussicht auf einen labyrinthhaften Lebensweg verbunden ist, ist somit auch nicht jeder gewachsen. Bei jenen, die sich im Scheitern begriffen sehen, die sich diesen Ansprüchen nicht gewachsen fühlen, treten immer öfter „dysfunktionale Bewältigungsversuche“ auf, darunter auch Drogenkonsum. Denn neben dem Erfüllen dieser Aufgaben gibt es zudem noch die sozialen Beziehungen, die gepflegt werden müssen, um nicht in einen Zustand der Isolation zu geraten. Gerade bei persönlichen Schwierigkeiten bieten diese Beziehungen einen wichtigen Rückhalt. „Soziale Bindungen“ als „die Schutzfunktion gegenüber Lebensbelastungen“, heißt es. Sie bei gleichzeitiger Mobilität und Flexibilität, bei ständiger Neuorientierung aufrechterhalten zu können, mutet geradezu paradox an. Als seien die ohnehin mit Studieneintritt verlustig gehenden Kontakte, die neue Lebenssituation und die Fülle an unsicheren Perspektiven noch nicht genug des Unguten, gesellt sich zu all dem noch die Tatsache, dass ein abgeschlossenes Studium längst keine Garantie mehr auf eine anschließende Erwerbstätigkeit ist. Es klingt mehr als nur ernüchternd, wenn von „Massenuniversitäten“ gesprochen wird, die nurmehr als „Staubecken für einen überlasteten Arbeitsmarkt“ fungieren. So landen viele Studenten irgendwann in der „Postadoleszenz“ – sie sind zwar erwachsen, jedoch keineswegs ökonomisch unabhängig.
Peter Weiler, Leiter der Drogen- und Jugendberatungsstelle „Brücke“ in Mainz, ist mit diesem Begriff ebenfalls bestens vertraut. Er geht noch einen Schritt weiter, spricht vom „Einzelkindphänomen“, von „einer noch starken Abhängigkeit vom Elternhaus“ und auch „einer starken Versorgungshaltung die Jahre davor.“ Ein simples Prinzip: Wer die Hürden des Alltags nie selbst hat nehmen müssen, gerät in Turbulenzen, wenn es einmal soweit ist. „Die Selbstbestimmung ist heute vielen Jugendlichen durch ihr Elternhaus genommen“, führt Weiler aus, „wenn die in die Krise kommen, dann müssen sie Bewältigungsstrategien erfinden.“ Dabei befinden sich Eltern oftmals in einem Zustand der Hilflosigkeit; das Leben, das ihren Nachwuchs erwartet, ist ihnen fremd. „Ich gehöre noch zu denen, die unkündbar sind“, verweist Weiler auf sich selbst und bringt das Dilemma auf den Punkt. Seiner Generation, den Eltern, ist kaum die Möglichkeit gegeben, gute Ratschläge zu erteilen. „Einjahresverträge“, sagt er, „so was kenne ich ja gar nicht.“
Die Gesellschaft ist schuld!, möchte man jetzt schreien. Doch gar so einfach ist es wiederum nicht. Natürlich bedingen auch individuelle Faktoren wie der Kindheitsverlauf und das Elternhaus eines Betroffenen, sein soziales Umfeld oder bestimmte Persönlichkeitszüge die Anfälligkeit für Drogenmissbrauch. Doch der Druck, adaptiv zu einer sich in rasantem Tempo beständig fortentwickelnden Gesellschaft zu leben, darf keineswegs unterschätzt wer den. Dass sich im Zeitraum 1997 bis 2004 die Zahl der psychisch Erkrankten im Alter zwischen 17 und 34 Jahren annähernd verdoppelt hat, sollte allein schon nachdenklich stimmen. Zugleich beklagt man bei vielen offiziellen Stellen, dass die Akzeptanz dieser Krankheitsform fortwährend sinkt. Parallel zu einem wachsenden Wissen der Bevölkerung über psychische Erkrankungen sei auch der „Wunsch nach sozialer Distanz“ gewachsen, mahnt man beispielsweise bei Irrsinnig Menschlich e.V., einem Verein, der sich für die Belange psychisch Erkrankter einsetzt. Wer nicht standhält, geht unter. Überspitzt formuliert, droht den Betroffenen eine Art soziale Aussätzigenkolonie. Wen wundert es da noch, dass die Entscheidung für Drogenge- und missbrauch zwecks Alltagsbewältigung leichter fällt als der Gang zum Therapeuten, der die Schwierigkeiten thematisiert, an die Oberfläche befördert – wo sie doch sonst nicht gerne gesehen werden?

„Drogen sagen die Wahrheit“
René Nauheimer von der Mainzer Polizei konstatiert, Studenten seien weder in Bezug auf Drogenkonsum, noch hinsichtlich des Drogenhandels eine auffällige Gruppe. Es gelte weder den Studierenden, noch dem Campus ein besonderes Augenmerk. Besorgniserregend sei, dass dagegen an sämtlichen Schulen, Grundschulen ausgenommen, Rauschgift im Umlauf sei. „Mit den Schulen arbeiten wir zusammen“, so Nauheimer. Es sei aber generell nicht mit bloßer Polizeiarbeit getan, „das ist ein gesellschaftliches Problem“ und müsse „an ganz anderer Stelle angegangen werden.“ Drogenmissbrauch, das sei in keiner Weise ein „studentisches Phänomen“, sagt auch Anne Pauly, und auch sie meint, es betreffe die gesamte Gesellschaft. Zwar stellen sich in ihrer Studie die Studenten als eine anfälligere Risikogruppe als die berufstätigen Altersgenossen heraus. Doch das, so erklärt sie, läge auch an „der studentischen Kultur.“ Hauptsächlicher Kontakt zu Altersgenossen, Geselligkeit. Auch solche Faktoren spielen eine nicht unerhebliche Rolle. Maßgeblich sei jedoch ebenso – und hiervon sind nicht nur Studenten betroffen – eine „Allverfügbarkeit“, wie Pauly es nennt. Der Zugang zu Drogen ist leichter geworden. Brücke-Chef Weiler indes, dessen Studienzeit bereits eine Weile zurückliegt, verweist auch auf eine Veränderung des Rauschverhaltens innerhalb studentischer Kreise. „Zu meiner Zeit war der Drogenkonsum Teil einer Ideologie, Bewusstseinserweiterung und so was. Das war auch eine Abgrenzung von den aggressiven Säufern auf den Dörfern. Das gibt es heute nicht mehr.“ Will heißen: Studenten haben das Trinken gelernt. Und umgekehrt hat auch der Alkoholismus bei den Jugendlichen auf den Dörfern seine Monopolstellung  verloren.  Während alledem hat sich jedoch kaum etwas am politischen Umgang mit der Drogenthematik geändert. Weiler erinnert sich an eine Kampagne aus den späten Achtzigern: „Drogen sind verlogen“, so ihr Titel. „Totaler Blödsinn“, meint er, denn: „Drogen sagen die Wahrheit.“ Und dann erklärt er es anhand von Beispielen: dass Cannabis über einen gewissen Zeitraum bei Depressionen helfe; dass Amphetamine in Zeit- und Leistungsdrucksituationen mitunter Mittel zum Zweck seien; dass Alkohol so manchem dazu diene, seine Kontaktscheu zu überwinden. Andersherum aber führe der übermäßige Gebrauch psychoaktiver Substanzen leicht zu einer Psychose. Relevant sei somit nicht die Frage nach der Substanz an sich, sondern nach „hartem oder weichen Konsumverhalten“, oder anders gesagt: „Wen schädigen sie [die Drogen, d. Red.] und wem nützen sie?“ Peter Weiler spricht von einer „gewissen Liberalisierung“, die zwar in der Gesellschaft stattgefunden habe, jedoch längst nicht in der Politik angekommen sei. Die Gesetzgebung stamme eben noch aus Zeiten, in denen „die Haschisch nicht von Heroin unterscheiden konnten.“ Es ginge hierbei nicht um bessere Aufklärung, sondern vielmehr um „bessere Prävention, die Aufklärung überflüssig macht.“ Was bedeutet: „Wir müssen Menschen dazu befähigen, selbstbestimmte, eigenverantwortliche Entscheidungen treffen zu können. Wir müssen sie begleiten auf der Suche, in diesen wackligen, unsicheren Zeiten einen Weg zu finden.“ Pathetische Worte, hinter denen sich eine schlichte Logik verbirgt. Weil die Konfrontation mit Drogen im Leben eines Menschen mit hoher Wahrscheinlichkeit erfolgt, müsse der sichere Umgang mit ihnen geschult werden – damit sie nicht zur Patentlösung aller Probleme avancierten. Das bloße Verbieten bestimmter Substanzen schaffe da keine Abhilfe.
Anekdoten wie die von Dieter (43), der in den Achtzigern studierte und sich erinnert, wie er einmal im gemütlichen Ambiente mit seinem Professor „das richtig feine Zeug aus Amsterdam“ geraucht hat, wirken nahezu antik. Dieses Happening einmal ausgenommen,  absolvierte Dieter sein Studium nüchtern und innerhalb der Regelstudienzeit, um sich danach „erstmal ein halbes Jahr mit Drogen abzuschießen.“ Eine saubere Trennung von Alltag und Urlaub. Heute ist er Freiberufler und geht souverän durchs Leben. „Mit den Studenten ist das anders geworden“, resümiert Fred, der solche wie Dieter noch miterlebt hat. „Früher waren die auch dabei, aber das war schon seltener. Heutzutage studiert ja jeder“, so sein Eindruck. Und schließlich räumt er doch ein: „Ja, da tun mir schon welche leid. Die, wo man sieht, dass sie labil sind. Die gibt’s dann halt auch.“
Schon seit geraumer Zeit beobachten Ursula Luka-Krausgrill und ihre Mitarbeiter einen wachsenden Zulauf in der PBS. Die habilitierte Psychologin schätzt die Zahl derer, die eine Beratung benötigen, auf zehn Prozent der Studierendenschaft. „Meldet euch frühzeitig!“ appelliert sie ausdrücklich an jene, die womöglich ohne fachliche Hilfe ihrem Leben nicht mehr gewachsen sind, sei es bereits jetzt oder erst in absehbarer Zeit.

Autor: 
Ingo Bartsch
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