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Durch die Gebärmutter zum Patienten (STUZ 95, Nov. 07)

Michael Tchirikov, Chirurg am Mainzer Uniklinikum, operiert mit haardünnen Nadeln ungeborene Kinder in der Gebärmutter und macht die rheinland-pfälzische Hauptstadt weltweit zu einer der ersten Anlaufstellen bei pränatalen Operationen.

 

Er ist der Einzige in Rheinland-Pfalz, einer von fünf bundesweit und von rund vierzig auf der ganzen Welt: In seinem Gebiet ist Michael Tchirikov sehr gefragt. Mit Nadeln von zwei Millimetern Durchmesser und Mini-Kameras operiert der leitende Oberarzt der Klinik und Poliklinik für Geburtshilfe und Gynäkologie der Universität Mainz Kinder bereits im Mutterleib, ohne den Bauch aufzuschneiden. Seit einem Jahr hat sich mit Tchirikovs Eintritt am Mainzer Uniklinikum die Technik der Fetalchirurgie in der rheinland-pfälzischen Landeshauptstadt etabliert.
Der Ursprung der Fetalchirurgie liegt in den USA. Michael Harrison war 1981 der Erste, der ein ungeborenes Kind operierte. Da er dafür die Bauchdecke und die Gebärmutter der Schwangeren öffnete, um den Fötus herauszunehmen, brauchten beide Betroffenen – anders als bei der minimal-invasiven Technik – eine lange Erholungszeit. Der russische Arzt lernte die schonende            Operationsmethode  vor zehn Jahren am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Angewendet wurde das chirurgische Verfahren dort zunächst an trächtigen Schafen. Dass es damals sehr oft zu vorzeitigen Blasensprüngen während der Operationen kam, bewegte Tchirikov dazu, auf diesem Feld weiterzuforschen: „Diese Umstände waren für Menschen inakzeptabel!“, sagt er und schüttelt dabei den Kopf. Doch heute gelingt es dem Mediziner mit der Operationsmethode Babys vor ihrer Geburt zu heilen.
Beim fetofetalen Transfusionssyndrom werden eineiige Zwillinge durch miteinander verbundene Gefäße ungleich mit Blut versorgt. Beide Kinder sterben in mindestens achtzig Prozent der Fälle daran, eins an Unterversorgung, das andere an der Überbelastung des Herzkreislaufsystems. Die Rettung stellt nun ein nur wenige Millimeter dicker Laser dar, mit dem der Arzt die Gefäßverbindung zwischen den Feten unterbricht. Operiert wird dabei zwischen der 17. und der 25. Woche. „Dank der Laser-Therapie überlebt in über achtzig Prozent der Fälle einer der Zwillinge und in fast sechzig Prozent überleben beide.“ Seit fünf Jahren werden die feinen Stahlröhrchen und die Mini-Kameras auch zur Behandlung der tödlichen Zwerchfellhernie angewendet. An der Entwicklung dieser Operation wirkte Tchirikov in Amerika und Belgien selbst mit. Bei dieser Störung führt ein Loch im Zwerchfell des Fötus dazu, dass seine Bauchorgane nach oben rutschen. Die somit komprimierte Lunge kann nicht mehr wachsen, das Kind stirbt bei der Geburt. In solchen Fällen setzt Tchirikov anhand seines ultrafeinen, schlauchähnlichen Fetoskops einen Ballon in die Luftröhre, der bei der Entbindung entfernt wird. Dadurch werden die Bauchorgane zurückgedrängt und die Lunge kann sich weiter entwickeln. Die Vorteile der minimal-invasiven Chirurgie liegen in den geringen Belastungen der Patienten: „Die Schnitte sind sehr klein, sodass die Mutter und das ungeborene Kind schnell regenerieren können“, sagt der Professor. „Allerdings gibt es nur wenige Ärzte, die  fetalchirurgisch operieren.“
Besonders stolz ist Tchirikov auf die große Erfolgsrate bei den vorgeburtlichen Eingriffen: „Das Mainzer Uniklinikum weist eine der geringsten Komplikationsraten auf der ganzen Welt auf“, sagt der vierzigjährige Chirurg. „Das haben wir der Investition in leistungsfähigere Geräte und der ständigen Übung an Schafen zu verdanken.“ Das Klinikum habe 400.000 Euro für eine neue Station an der Frauenklinik zur Verfügung gestellt, führt Tchirikov fort. Einige Unternehmen würden durch finanzielle Unterstützung den Kauf der kostspieligen Geräte ermöglichen. Die Uniklinik verfüge sogar über eine Intensivstation neben dem Kreißsaal. „In Rheinland-Pfalz bietet Mainz die beste Sicherheit für Kinder und werdende Mütter.“ Da fetale Krankheiten zum Glück selten sind, operiert Tchirikov höchstens dreißig Mal im Jahr Ungeborene noch im Bauch ihrer Mutter. „Da ist es wichtig, an den Schafen zu operieren, um in Übung zu bleiben“, sagt er. Dafür organisiert der engagierte Arzt regelmäßig Workshops, an denen Studenten und Kollegen teilnehmen.
Auf die Frage, wie er denn auf seine heutige Tätigkeit als Fetalchirurg kam, antwortet Tchirikov gleich: „Das wollte ich schon immer.“ Tatsächlich hat der ehrgeizige Mediziner einen langen Weg bis zu seiner heutigen Position hinter sich gebracht. Umfangreich ist sein Lebenslauf, lang die Liste der Auszeichnungen, die er für seine diversen Forschungsprojekte bekommen hat. Ab November will Tchirikov an der Verbesserung von Nieren bei funktionalen Schwächen durch den Einsatz von Stammzellen forschen. Das ist nicht der einzige Plan, den er schmiedet. Dabei lässt er den Namen der medizinischen Fachzeitschrift  fallen, aus der er während des Gesprächs schon einige Male Daten und Zahlen bezog: „The New England Journal of Medicine“. Darin habe auch Michael Harrisson, der Vater der Fetalchirurgie, 1990 einen Beitrag veröffentlicht. „An einer Publikation arbeite ich noch“, sagt Tchirikov und lacht.

Autor: 
Sandra Aid
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