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Ein Leben lang gefesselt (STUZ 90, Mai. 07)

Dass muslimische Frauen sich auch in Deutschland ihren Ehepartner nicht immer aussuchen können, ist kein Geheimnis. Doch auch in christlichen Gemeinden werden Frauen oft unter Druck gesetzt.

 

„Liebe? Nein, für diesen Mann kann ich keine Liebe empfinden. Aber ich muss ihn heiraten. Gedanken über die Zeit danach habe ich mir noch keine gemacht. Ich verdränge es einfach. Ich bin hier groß geworden, aber ich habe nun mal keine Rechte wie die deutschen Mädchen an meiner Berufsschule.“ Khurschiad kam mit sechs Jahren aus Pakistan nach Mainz. Mit fünfzehn Jahren wurde sie mit einem ihr bis dahin unbekannten Cousin verlobt. Er war 33. „Ich war einfach zu jung, um zu durchschauen, was dieser Schritt für mein Leben bedeuten würde“, beschreibt sie ihre damalige Situation. Stolz sei sie gewesen. Sie habe sich irgendwie erwachsen gefühlt. Doch nun, mit einundzwanzig, quält sie der Gedanke an die ungewisse Zukunft. In stillen Momenten weint sie. Doch aufgrund ihrer religiösen Erziehung halten Schuldgefühle sie davon ab, gegen die auferlegte Pflicht zu rebellieren. Sie habe Angst davor, etwas zu tun, was dem Koran widerspricht. „Doch ich bin auch hier im Westen aufgewachsen. Ehrlich gesagt, weiß ich nicht wie ich mich verhalten soll. Ich liebe meine Familie, doch ich wünsche mir mehr Freiheit.“

Eine ganz normale deutsche Gemeinde
Anders als Khurschiad hatte Vera nicht mit religiös begründeten Schuldgefühlen zu kämpfen. Auch sie sollte „verheiratet werden“, wenn auch nicht von ihrer Familie. Hier wirkten vordergründig andere, jedoch bei näherer Betrachtung ganz ähnliche Mechanismen wie bei Khurschiad. „Ich wurde mit achtzehn schwanger. Die Bevölkerung in meiner kleinen Westerwälder Heimatgemeinde rümpfte schon immer die Nase über mich. Und als ich nun ein uneheliches Kind bekam – und das noch von einem Ausländer – da war ich ganz unten durch.“ Als „Dorfmatratze“ habe man sie bezeichnet, nur weil sie selbstbewusst auftrat und ihre Sexualität auslebte. „Immer war ich die Schlampe, die Jungs durften machen was sie wollten. Und wenn einer von denen mit mir ging, wurde nur gehetzt, wie lange das denn halten würde.“ Im Nachhinein erfuhr Vera, dass sie untereinander Wetten abgeschlossen hatten, wer sie ins Bett kriegen würde. „Da war mir auch klar, warum es immer nur maximal zwei Monate gut ging…“ Mit dem unehelichen Kind im Wagen wurde sie immer mehr gemieden. Menschen fanden Gründe, nicht mit ihr zu sprechen. Bei Sichtkontakt  wechselten sie die Straßenseite. „Als ich fragte, weshalb die sich so verhielten, wurde mir ganz offen gesagt, ein Kind bräuchte einen Vater. Ich hätte heiraten sollen. Mit einer solch verantwortungslosen Frau wie mir wolle man nichts zu tun haben.“ Tief getroffen von soviel Intoleranz, entschied sie, weg zu ziehen.

Die Religion spielt eine untergeordnete Rolle
Die Ähnlichkeiten dieser Schicksale liegen in den Moralvorstellungen der Umwelt, die Druck auf die zumeist weiblichen Opfer ausüben. Hierbei spielt die Religion meist eine untergeordnete Rolle. „Es gibt streng gläubige Muslime, welche die Zwangsehe ablehnen, genauso wie es strenge Christen gibt, die sie vollziehen. Die Gesellschaften, in denen das so ist, sind traditionalistisch und patriarchalisch geprägt.“ sagt Helene Aecherli vom „Forum für einen fortschrittlichen Islam“(FFI). „Die Ehre bestimmt das Verhältnis der Geschlechter zueinander. Konzepte von
Ehre sind zwar unterschiedlich ausgeprägt. Jedoch gründen sie fast immer auf einer strengen Kontrolle der weiblichen Sexualität: „Je ,reiner‘ die Frauen, desto besser die Sippe.“ Das FFI mit Sitz in der Schweiz lehnt Zwangsehen kategorisch ab und setzt sich auch in anderen Punkten für eine Neuinterpretation islamischer Schriften ein. Ziel ist ein „aufgeklärter, moderner Islam des 21. Jahrhunderts“, wie es in einem Positionspapier der Vereinigung heißt. Damit sind die Schweizer in der Minderheit, denn nach dem Verständnis der meisten Muslime lässt der – direkt von Gott gegebene – Koran keine Interpretation zu.
Traditionell entstandene Vorstellungen von Ehre
Khurschiad ist hin und her gerissen. Falls ihre Eltern nicht einlenken, bedeutet das in letzter Konsequenz, dass sie, um einer Zwangsheirat zu entgehen, mit der geliebten Familie brechen muss. Ein Schritt, der ihr Angst macht. Wie wichtig familiärer Zusammenhalt und Achtung gegenüber den Wertvorstellungen älterer Generationen für junge Erwachsene mit orientalischem Familienhintergrund sind, wird in westlichen Industriestaaten oft unterschätzt. Respekt vor dem Alter und der damit einhergehenden Lebenserfahrung steht im Zweifelsfall oft über den eigenen kritischen Denkansätzen. Von solchen Gewissenskonflikten wissen auch die Mitarbeiter von „Solwodi e.V.“ zu berichten. Das Kürzel steht für „Solidarity for Women in Distress“. Der Verein mit Sitz in Boppard hat diverse Regionalbüros in Deutschland und kümmert sich um die Belange bedrängter Frauen. Neben Zwangsprostitution und Menschenhandel ist man hier auch öfters mit drohenden Zwangsverheiratungen konfrontiert. „Um die Liebe ihrer Familie nicht zu verlieren, nehmen betroffene Frauen häufig keine Hilfe in Anspruch. Eine emotionale Erpressung, welche die Betroffenen oft innerlich zerreißt“, erzählt eine Mitarbeiterin von Solwodi Rheinland-Pfalz am Telefon. „Viele Frauen fügen sich in ihr Schicksal, doch sie isolieren sich innerlich und werden depressiv“. In drastischeren Fällen würden Frauen sogar von der eigenen Familie bedroht, wenn sie die Autorität, damit einhergehend die Ehre, ihres Vaters durch Widerspruch gegen die Ehe in Frage stellen.

Auch der türkischstämmige Erziehungswissenschaftler Ahmed Toprak hat sich mit der Entstehung verschiedener Vorstellungen von Ehre beschäftigt. „Die Ursachen für Moralvorstellungen und Konzepte von Ehre sind gruppendynamisch.“ Das Kollektiv entscheidet, was Ehre ist und was nicht. In alten Zeiten sei dies oft eine Überlebensstrategie gewesen. In hauptsächlich nomadisch-landwirtschaftlich geprägten Gebieten, wie sie heute noch in den

Herkunftsländern der meisten Migranten existieren, ist eine große Mitgift zur Hochzeit üblich. Bei arrangierten und erzwungenen Ehen innerhalb der Verwandtschaft bleibt so das familiäre Vermögen beisammen. Gleichzeitig ist die Familie soziales Netz. In diese Gesellschaft hinein hat sich der Islam entwickelt. Zu seiner Entstehung waren Blutrache und Vergewaltigungen zwischen verschiedenen Sippen an der Tagesordnung. Die alltägliche Gewalt im vorislamischen Arabien führte im Koran zu einem Menschenbild, welches das Individuum als schwach, unbeständig, ungerecht und unzuverlässig sieht. Deswegen entwickelte der Islam Wertvorstellungen, die diese Charaktereigenschaften kompensieren sollten. Dass sich der Ehrbegriff hauptsächlich auf die Jungfräulichkeit der Frau, nicht auf die Keuschheit des Mannes bezieht, wird in bestimmten Kreisen darauf zurückgeführt, dass dominante Männer zur damaligen Zeit ihre Freiheiten beibehalten wollten. Dieses patriarchale Denken steht im Widerspruch zu den demokratischen Wertvorstellungen, die ,beispielsweise in Deutschland, üblich sind. Daher sitzen junge Frauen wie Khurschiad, die in beiden Kulturkreisen aufgewachsen sind, oft zwischen den Stühlen, unfähig sich für eine der beiden Seiten zu entscheiden.
Auch im christlichen Kulturkreis gibt es ähnliche, historisch gewachsene Wertevorstellungen, wie Veras Beispiel zeigt. In West- und Mitteleuropa wurden Ehen bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts sowohl aus konfessionellen, als auch aus sozialen und wirtschaftlichen Gründen arrangiert. Bei schwangeren Mädchen in streng christlichen Familien fällt auch heute noch oft der Satz: „Die muss heiraten.“

Je ärmer das Umfeld, desto strenger die Werte
„Die Leute, die mich im Dorf mieden, hatten doch alle keine vernünftige Schulbildung. Die waren unzufrieden mit dem, was sie hatten. Aber in mir hatten sie ein Opfer, an dem sie ihre Frustration auslassen konnten“, erzählt Vera. Im nördlichen Rheinland-Pfalz herrscht eine vergleichsweise hohe Arbeitslosigkeit. Viele davon betroffene Familien besinnen sich auf Traditionen und Werte der Vergangenheit. Zum Beispiel sind viele Aussiedler stark religiös geprägt. Glaubensgemeinschaften wie die der Mennoniten in Neuwied leben streng nach der Bibel. „Heranwachsende Männer imitieren das Verhalten ihrer Väter nach, die oftmals Paschas sind“, erzählt Gisbert Liefke, der in seiner Zeit als Berufsberater beim Arbeitsamt Neuwied Einblick in die Schicksale junger Menschen aus diesem Umfeld hatte. Glücklich sei er darüber, dass sich viele junge Frauen immer mehr um gute Bildung und entsprechende Chancen auf dem Arbeitsmarkt bemühten. Jedoch seien alte Rollenbilder, nach welchen „die Frau hinter den Herd gehört und dem Manne untertan sein soll“, noch immer verbreitet. Ehen werden nach Möglichkeit nur innerhalb der Glaubensgemeinschaft arrangiert, manchmal auch unter psychischem Zwang.

Lösungsansätze und Hilfen
In Deutschland sind also fehlende oder unzureichende Sprachkenntnisse und schlechtere Bildungschancen oft der Grund für Zwangsehen. Die Familien ziehen sich zurück in ihren Mikrokosmos, zu einer, wie der Schweizer Zwangshochzeit-Experte Jey Aratnam es nennt, „Re-Ethnisierung und Idealisierung der eigenen Kultur und Religion.“ Unabhängig davon, welche es im Einzelfall ist. Der Europaabgeordnete Cem Özdemir ist überzeugt, dass bessere Chancen auf dem Bildungs- und Arbeitsmarkt die Zahl unter Zwang geschlossener Ehen merklich senken würde, deshalb fordert er „gemeinsame Anstrengungen, um die Bildungschancen zu erhöhen und damit Ghettobildung entgegenzuwirken.“
Diese Lösung wird auch immer häufiger: Die Mädchen lassen sich nach einem Jahr wieder scheiden. So sind sie jungfräulich verheiratet worden, und die Ehre der Familie ist gerettet, da der Koran die Scheidung zulässt. Danach sind sie frei.
Inzwischen hat sich auch Khurschiad um eine Fortbildung bemüht, der Missgunst ihres Verlobten zum Trotz. Soweit hat sie es geschafft. In Zukunft will sie sich an SOLWODI wenden, um gemeinsam mit einer Sozialpädagogin Auswege aus ihrer Lage zu suchen.

Autor: 
Michael Bernartz
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