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Ein Tag auf der Straße (STUZ 84, Nov. 06)

Günther ist einer von vielen Obdachlosen in Mainz. Die STUZ hat ihn einen Tag lang begleitet.

 

Günther sitzt mit seinen zwei Hunden auf einer Decke in der Fußgängerzone und „macht Sitzung“. Vor ihm steht eine kleine Dose mit etwas Kleingeld. Einige der Passanten kennen ihn bereits und grüßen im Vorbeigehen. Andere schauen demonstrativ weg.
Ein paar Meter weiter hören wir jemanden Flöte spielen. „Ich hätte besser auch als Kind ein Instrument gelernt, statt eine Ausbildung zum Chemiefacharbeiter zu machen. Dann würde ich jetzt mehr verdienen“, sagt Günther grinsend. Seinen Humor hat er nicht verloren. Als er meinen skeptischen Blick auf die fast leere Dose bemerkt, erzählt er, dass es auch bessere Tage gebe, an denen die Leute mehr spenden würden. In Mainz sei man Obdachlosen gegenüber allgemein humaner eingestellt als in anderen Städten, in denen er war.
Vorher war Günther in verschiedenen Firmen beschäftigt, bis er sich selbständig gemacht hat. Nach dem Konkurs hat er diverse andere Jobs angenommen,  auf einer Kerb oder als LKW-Fahrer. gearbeitet. Günther lebt seit drei Jahren auf und von der Straße. Allerdings nicht am Stück. Zwischendurch hat er in Obdachlosenheimen und einer Wohngemeinschaft gelebt. „Meine Eltern wollten, dass ich wieder bei ihnen wohne, aber ich will mit Mitte Vierzig nicht auf ihre Kosten leben.“ Daher habe es ihn nach Mainz verschlagen.
Mich interessiert, wovon Günther lebt, wenn er keine Unterstützung von seinen Eltern annehmen möchte.
„Eigentlich müsste ich in Mainz einen neuen Antrag auf Hartz IV stellen, aber bis jetzt bin noch nicht dazu gekommen, denn ich hatte mein Portemonnaie samt Personalausweis verloren.“
Das Arbeitslosengeld II muss neu beantragt werden, wenn man umzieht – jedesmal bedeutet es Papierkram.  Die „Start-Hilfe“ habe Günther sehr bei der Neubeantragung geholfen. Seit sie 1987 auf Initiative der Pfarrer-Landvogt-Hilfe gegründet wurde, leistet die „Start-Hilfe“ Streetwork und berät mittellose Menschen. Bis der Antrag auf Arbeitslosengeld II bewilligt ist, können Wohnungs- und Arbeitslose wie Günther einen Tagessatz von 11, 50 Euro sowie einen Wochenendsatz von 34, 50 Euro beziehen. Eine Behausung für rund sieben Euro pro Quadratmeter wird ebenfalls staatlich unterstützt. Warum also auf der Straße sitzen und betteln?

„Niemand sitzt hier gerne“
 „Man möchte ja auch Geld auf die Seite legen für Kleidung und noch wichtiger: Arztbesuche. Du ahnst ja nicht, wie leicht man sich auf der Straße etwas einfängt.“
Neben der Kälte sei auch mangelnde Hygiene ein Problem. „Hier haben einige Hepatitis“, sagt Günther.
 Ein Mann bleibt genau vor uns stehen, räuspert sich angewidert und studiert die Frauenbekleidung hinter uns im Schaufenster. Kein Gruß, kein Lächeln, kein höfliches Nicken. Erst als Günthers Hunde die Schnauze heben, um an ihm zu schnuppern, geht er weiter.
Endlich traue ich mich zu fragen, ob es nicht manchmal erniedrigend ist, sein Geld als Bettler zu verdienen. „Doch. Niemand findet das schön“, sagt Günther sofort. „Ich bekomme immer einen Hals, wenn Leute sagen ‚Such dir doch einen Job’ – das ist nicht leicht ohne Wohnung.“ Jeden Morgen pünktlich zur Arbeit zu kommen sei zum Beispiel schwer möglich ohne festen Wohnsitz.
Dazu kämen die abschätzigen Blicke und Bemerkungen der Kollegen. Betteln sei immer noch besser, als den ganzen Tag herum zu liegen, Alkohol zu trinken oder alleine in der Wohnung zu sitzen. „Hier sitzen auch Leute, die es gar nicht nötig hätten – weil es ihre einzige Möglichkeit ist, selbst Geld zu verdienen und unter Menschen zu kommen.“ Günther erzählt mir nicht nur seine Geschichte, sondern auch die von Bekannten, die auf der Straße gelandet sind. Bei den Meisten ist Alkohol- und Drogenmissbrauch im Spiel. Auch Günther hatte ein Alkoholproblem. Er ist jedoch seit Jahren trocken.

In der Teestube
Um kurz nach sechs packt Günther seine Sachen zusammen und wir machen uns auf den Weg zur Teestube der Pfarrer-Landvogt-Hilfe. Hier können Wohnungslose sich umziehen, rasieren, duschen und ihre Wäsche waschen lassen. Günthers Hunde lassen wir bei seinem Freund Juri. Dieser ärgert sich, als die Hunde seine frisch gewaschene Jeans schmutzig machen: Auf eine freie Waschmaschine musste er drei Tage warten. „In der Teestube waschen nicht nur Obdachlose ihre Kleidung, sondern auch Leute, die eine Wohnung haben und Sozialhilfe bekommen, aber Strom sparen wollen“, erzählt er. Außerdem verbrächten manche vier Stunden am Tag da. Er tue das nicht. Er gehe nur morgens für eine Viertelstunde vorbei, um zu frühstücken und sich zu waschen. „Außer, wenn ich die ganze Nacht einen Schlafplatz suche oder sehr lange Sitzung mache und morgens zu müde bin.“ In dem Fall gehe er abends hin, wie heute.
In der Teestube besteht Günther darauf, mir einen Kaffee auszugeben, obwohl er während seiner Sitzung nicht mal sechs Euro verdient hat. Die Gäste trinken Kaffee, essen eine Kleinigkeit, wärmen sich auf. Es herrscht eine angenehme Atmosphäre. Fast alle kennen sich. Ich lerne noch eine Freundin von Günther kennen, Karin. Sie hat nach einem Schlaganfall Beruf und sozialen Anschluss verloren. Seit neunzehn Jahren lebt sie auf der Straße.

Zusammenhalt und Lichtblicke
Wieder auf der Straße, setzen wir uns zu Juri und Karin auf eine Bank und beobachten die Schiffe auf dem Rhein. Die Dämmerung ist bereits eingebrochen. Es wird kühler.Günther spendiert Karin von seinem frisch verdienten Geld eine Schachtel Zigaretten. „Wir sind füreinander da. Sonst käme keiner hier zurecht.“
Karin selbst läuft nicht in die Stadt, um „Sitzung zu machen,“ da ihre ganze linke Körperseite ist seit dem Schlaganfall gelähmt ist. Sie lebt von ihrer Rente. Aber in ein Pflegeheim will sie nicht. „Die behalten beinahe mein ganzes Geld und geben mir fünf Euro Taschengeld am Tag. Dafür habe ich nicht jahrelang gearbeitet.“
Dass es gefährlich sein kann auf der Straße zu leben, wissen die drei jedoch. „Es gibt immer wieder Leute, die sich einen Spaß daraus machen, Obdachlose zu verprügeln, um ihren Frust los zu werden“, so Günther. „Zum Glück haben wir Hunde.“
Ein junger Mann, der auch in der Teestube war, stellt sich kurz zu uns. Er hat es geschafft: Nach zwei Jahren auf der Straße, hat er wieder Arbeit und eine Wohnung. So etwas macht Hoffnung.

Autor: 
Sarah Marzouk
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