Anzeige

Eine Tankstelle der anderen Art (STUZ 60, Juli. 04)

28 Autobahnkirchen gibt es in Deutschland. Sie wollen Reisende einladen, zwischen Überholspur und Tankstellen zur Ruhe zu kommen. Doch wird dieses Angebot auch genutzt?

 

Die Autobahnkirche Medenbach liegt auf der A3 zwischen Köln und Frankfurt, zwischen der Ausfahrt Wiesbaden-Niedernhausen und dem Wiesbadener Kreuz. Große Schilder weisen auf diese Einrichtung hin, und trotzdem ist sie zwischen Raststätte, Tankstelle und einer riesigen Baustelle zunächst kaum zu entdecken. Gerade mal fünf Jahre ist die Kirche alt und wirkt mit ihrem spitzwinkligen Dach und ihrem Betonvorbau recht modern - und nicht unbedingt einladend. In einer Art kleinem Vorhof plätschert Wasser, und seitlich führen zwei Eingänge in das quadratische Innere der Kirche. Ein monumentaler Altar aus

einem Steinblock, zwanzig schnörkellose Holzwürfelstühle und eine große Kerze. Seitlich gibt es Ständer mit Prospekten und Teelichtern, die man für fünfzig Cent anzünden darf. Es ist erstaunlich still, und durch das gläserne Dach scheint die Sonne herein.

 

Runter vom Gaspedal

 

„Ein Ort der der Einkehr und des Gebets“ möchte die Autobahnkirche Medenbach sein. Und obwohl sie mit ihrer brutalistischen Bauweise von außen eher abstoßend wirkt, kommen doch überraschend viele Besucher hierher. Meist sind sie allein, trauen sich nur langsam in den Innenhof, dann in die Kirche hinein. Sie schauen sich ein wenig um, blättern in den Prospekten, setzen sich auf einen der Holzstühle. Bleiben. Warten. Stehen wieder auf. Schauen. Manche blättern ein wenig in einer Bibel, andere gehen in den hinteren Bereich der Kirche und tragen sich dort in das so genannte „Anliegenbuch“ ein. Im Anliegenbuch können die Besucher alles niederschreiben, was ihnen gerade im Kopf herumgeht. Die meisten Kirchen besitzen ein solches Buch. „Herr, lass unseren Sohn gesund werden“, steht dann darin, oder „danke, dass du mir in solch schweren Zeiten beigestanden hast“. In der Autobahnkirche schreiben die Besucher: „Lieber Vater im Himmel, vielen Dank für die schöne Zeit an der See und lass uns heil und gesund wieder zurückkommen.“ Oder: „Danke, dass ich gerade diesem schrecklichen Unfall entkommen bin.“ Und: „Schenk uns schöne Tage im Tessin.“

Gerold, 40, leitet ein großes Hotel in Frankfurt und fährt in seiner Freizeit gern Motorrad. Er bezeichnet sich als „gläubigen Menschen“ und schaut gern in der Autobahnkirche vorbei, wenn er Zeit hat. „Wenn ich mit dem Auto unterwegs bin, würde mir das nie einfallen“, sagt er. „Da will ich immer nur schnell ankommen.“ Aber wenn er Motorrad fährt, schaut er, was er so am Wegesrand findet. „Ich gehe sonst nur in die Kirche, wenn ich bei meinen Eltern bin“, meint er. „Und eben in die Autobahnkirche.“

Nicht alle Besucher kommen hierher, um zu beten. Viele sind einfach neugierig, wollen sich ein bisschen umsehen. Andere nutzen die Autobahnkirche, um sich auf langen Autofahrten kurz zu entspannen und die Ruhe zu genießen. Und ruhig es in Medenbach wirklich: Obwohl die Autobahn nur wenige Meter entfernt ist, ist sie durch die dicken Betonwände und das plätschernde Wasser kaum zu hören.

Auch Anja, 29, Kunstgeschichte- und Theologiestudentin aus Frankfurt, schaut auf Reisen gern mal in einer Autobahnkirche vorbei. „Ich glaube, viele Leute fühlen sich hier einfach nicht so beobachtet. In der Kirche zuhause gucken immer gleich die Nachbarn, ob man auch regelmäßig hingeht und der Pfarrer, ob man das Kreuzzeichen richtig macht. Hier ist man viel anonymer.“ Sie glaubt, dass sich die Menschen immer mehr nach solchen Orten der Ruhe und der Entspannung sehnen, Orte, an denen sie zu sich selbst kommen können – und zwar ohne Verpflichtungen. Bereits 1958 wurde in Deutschland die erste Autobahnkirche errichtet: Die Autobahnkirche „Maria, Schutz der Reisenden“ in Adelsried, auf der A8 westlich von Augsburg, sollte ein Kontrast zu der „Hetze des Verkehrsflusses auf der Autobahn“ sein und Autofahrer mahnen, vorsichtig zu fahren. Ein Papierfabrikant stiftete damals dieses Stück Land und den Rohbau der Kirche, nachdem sich in seiner Familie ein tödlicher Unfall ereignet hatte. Aber der Gedanke, Reisenden einen Raum der Ruhe und der Besinnung zu geben, ist nicht neu: Schon im Mittelalter wollte man Pilgern und Wanderern mit Kreuzen und Kapellen eine Andachtsmöglichkeit am Wegesrand bieten – damit die Seele „auf solch weiten Wegen auch hinterherkommt“. Aus dem gleichen Grund entstanden später auch Bahnhofs- oder Flughafenkirchen. Heute gibt es 28 Autobahnkirchen in Deutschland. Sie alle werden von der jeweiligen Gemeinde getragen und zumeist mit Spendengeldern finanziert. Einige Autobahnkirchen bieten sogar Gottesdienste an.

 

Ein sinnvoller Ort?

 

Hundert Meter weiter, auf dem Parkplatz neben der Tankstelle, interessiert sich kaum jemand für die nah gelegene Ruhestätte. „Keine Zeit“, haben die meisten Reisenden für einen Besuch in der Autobahnkirche, und ein junger Mann aus Regensburg meint: „Das müsste man ja vorher einplanen.“ Auch eine Familie aus München hält den Sinn für zweifelhaft. „Autobahnkirchen sind doch Schmarrn“, meint

Tochter Alexandra, „wenn ich in eine  Kirche gehen will, dann gehe ich doch in meine eigene!“ Ihre Mutter pflichtet ihr bei: „Vielleicht für die Leute hier im Ort, wenn sie mal was anderes sehen wollen.“ Ein weit verbreitetes Vorurteil ist auch, dass Autobahnkirchen nur für

LKW-Fahrer gedacht sind. Tatsächlich gibt es in Medenbach eine so genannte „Truckerbibel“, die sich von einer normalen

Bibel allerdings nur dadurch unterscheidet, dass vor dem Alten Testament Bilder vom Truckerfest in Rheinböllen eingefügt sind.

Natürlich kann man einer Zeit, wo es in vielen Kirchen Mitglieder-, Personal- und Geldprobleme gibt, die Frage stellen, ob Autobahnkirchen überhaupt Sinn machen. Eine Antwort darauf gibt es wohl nicht - allein die erstaunliche Anzahl an Besuchern lässt das Gegenteil vermuten. Medenbach - ein Ort der Bekehrung? Im Innenhof haben es sich mittlerweile drei Jugendliche gemütlich gemacht. Mit zwei kleinen Fässern Bier und Zigaretten im Gepäck sind sie extra hierher gekommen. Die Kirche

allerdings interessiert sie dabei gar nicht. Warum sie trotzdem hierher kommen? „Hier ist es eben so schön ruhig.“

Autor: 
Chris Tomas
Facebook:
Artikel bewerten:

Dies bewerten

Eigene Bewertung: Keine Durchschnitt: 1.3 (56 Bewertungen)

Flattr