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Es lebt! (STUZ 87, Feb 07)

Sie sind jung und brauchen kaum Geld: Organisierte Kunstbegeisterte aus Mainz und Wiesbaden stellen trotz räumlicher Not und knappen finanziellen Mitteln Beachtenswertes auf die Beine.

 

Ein Klo für möglicherweise zweihundert Leute, das ist eindeutig zu wenig. Soweit das Problem. Was also tun? Da hilft nur ein zusätzliches Dixi-Klo; die Variante für achtzig Personen kostet neunzig Euro und würde aus Flörsheim geliefert. Reinigung und Abholung inklusive. Klingt passabel. Außerdem: Wer übernimmt eine Thekenschicht? Soll ein DJ angeheuert werden? Diese und andere Fragen beschäftigen die gut zwanzig Leute, die an diesem Abend in der Flachsmarktstraße zusammengekommen sind, um die letzten Details für die anstehende Vernissage zu besprechen. Durch die Schaufensterfassade von außen gut sichtbar, verkünden große Blechlettern, wer in dem Raum, der gleichermaßen nach Renovierung, Konkurs und Hausbesetzung aussieht, tagt: PENG.
„Ich habe mal gegenüber von einem leer stehenden Laden gewohnt“, blickt Justin Peach, erster Vorsitzender, zurück, „und immer, wenn ich aus dem Fenster sah, dachte ich: Eigentlich müsste man mal was machen.“ Aus „eigentlich mal was machen“ wurde PENG, die Gesellschaft zur Förderung von Kunst, Kommunikation und Design e.V. Ein Jahr ist seitdem vergangen, und nun fürchten sich Justin und Co. sogar davor, die Veranstaltungen des Vereins in Terminkalendern anzukündigen oder gar zu bewerben. Es könnten zu viele Gäste kommen. Der Raum platze mitunter aus allen Nähten, ganz zu schweigen von den Auflagen des Vermieters hinsichtlich des Lautstärkepegels, die zu berücksichtigen bei zweihundert Gästen und Musik unmöglich sei.  Doch der Name ist Programm, PENG kommt an und erfreut sich neben den zahlreichen Partygästen, auch einer steigenden Mitgliederzahl. Drei Euro kostet die PENG-Zugehörigkeit monatlich, sechzig Mitglieder sind es derzeit, „die meisten aber eher passiv“, wie Vorstandsmitglied Tassilo Sack berichtet. Nichtsdestotrotz konnten alle bislang geplanten Aktionen umgesetzt werden: „Helfer finden sich immer, jeder bringt sich mal ein, wir sind da kolchosemäßig organisiert.“
Das Spektrum des Dargebotenen reicht bei PENG von Foto- und Gemäldeausstellungen über Filme und Filmfestivals, Installationen, Performances oder auch Livemusik und Lesungen. Viele Künstler finden hier eine dankbare Plattform, die ihnen ein größeres öffentliches Augenmerk beschert als etwa die Semester-Endpräsentationen der Kunsthochschulen. „Studenten, Rentner, Arbeitslose, egal, jeder kann kommen“, so Justin. „Was zählt, ist die Idee.“ Und wenn diese gut ankommt und umsetzbar ist, bekommt der Künstler freie Hand, eine Woche Zeit ab der vorangehenden Veranstaltung und sogar ein kleines Budget. Hinterher gilt: Verlassen wie vorgefunden. So musste auch Verena Becker ihre aufwendige Installation – eine mit 55 Lippenstiften in Nacht füllender Arbeit bemalte Tapetenwand – nach einer Woche wieder abbauen. Traurig stimmt sie das nicht. Teile des Werks können in signierten Holzrahmen nach der Präsentation erstanden werden. Verenas „These are the good old days“ folgt Daniela Colics „Warum weinst du, Totengräber?”; überhaupt steht für den Winter ein üppiges Programm an, denn: „Wahrscheinlich müssen wir Ende Februar hier raus.“
 Das Gebäude in der Flachsmarktstraße wird zwangsversteigert, die Chancen für PENG stehen schlecht. Doch das seien sie gewohnt, meint Justin. In seinem WG-Zimmer hatte einst alles begonnen, es folgte das Quartier Mayence als Treffpunkt, anschließend eine alte Bäckerei in der Gaustraße, nun sind sie hier. „Nomadentum“, so nennt es „Propagandaminister“ Melih Bilgil, der für Flyer und den Webauftritt zuständig ist, scherzhaft. Dennoch: „Wir würden gerne hier bleiben“, so der Tenor des Vorstands.

Eine soziale Plastik wird 10

Die erforderliche Suche nach einem Raum, die wie ein Damoklesschwert über den PENGlern hängt, ist beim Kunstverein Walpodenstraße 21 e.V. tagesaktuell. Den Raum, auf den das Geonym zurückgeht, nutzen die Künstler um den ersten Vorsitzenden Stefan Brand, besser bekannt unter seinem Pseudonym Brandstifter, schon lange nicht mehr. Noch in den Neunzigern kam es zu Konflikten, die so weit gingen, dass eines Abends, während eines Konzertes diverser Berliner Bands, darunter Stereo Total, der betrunkene Hausmeister den Strom abschaltete.  Als schließlich noch der Rauswurf des Hauptmieters erfolgte, zogen auch die Künstler aus. Zum Erliegen kamen die Aktivitäten jedoch bei weitem nicht. Stattdessen gab und gibt es auch heute noch Veranstaltungen in den alten Kellerräumen sowie zahlreiche Kooperationen mit der örtlichen Gastronomie, darunter das Haus Mainusch, das Hafeneck, das KUZ und bis zu seiner Schließung auch das Schick & Schön.  Auch außerhalb von Mainz fanden Aktionen statt wie „Raus aufs Land“ in Zweibrücken oder „Kunst ist im Verein am schönsten II“ im Möbelhaus Schwaab in Ingelheim.
„Wir begreifen uns als soziale Plastik“, umschreibt Brandstifter, der von seiner Kunst lebt, den Verein, der im Mai sein zehnjähriges Bestehen feiert. „Ein Kunstprojekt von und mit Menschen, ein Netzwerk. Wichtig ist immer der Ideenaustausch, das gegenseitige Beflügeln“, oder, wie er es anders ausdrückt „die Synergieeffekte nutzen.“ Das klingt schon ein wenig betriebswirtschaftlich, doch von unternehmerischen Strukturen oder Profitstreben ist der Kunstverein Walpodenstraße weit entfernt. „Kein Kommerz“, betont Brandstifter, und das gelte auch beim Sponsoring. „Kulturförderung sollte von den Kommunen kommen, ´Stadt-Land-Fluss` darf sich nicht einfach raushalten. Die haben einen Kulturauftrag.“ Kämen Förderer aus der freien Wirtschaft ins Gespräch, führe dies nur zu Grundsatzdiskussionen. Sowohl Mitgliedsbeitrag (30 Euro jährlich) als auch Eintrittspreise seien „moderat“, mitunter gibt es Fördergelder, zuletzt beispielsweise im Rahmen der Kultursommerförderung für das vergangene KunstZwergFestival, und da eingedenk der derzeitigen Obdachlosigkeit des Vereins auch keine Mietzahlungen anfallen, kommt man über die Runden. Sparsam gewirtschaftet werden muss trotzdem. So werden etwa auch namhaftere Bands oder Künstler, die die Walpodenstraßler buchen, nicht in Hotels einquartiert, sondern – soweit möglich – privat untergebracht. Künstler, die sich für oder im Verein engagieren, dürfen keine generöse Gage erwarten. Der maßgebliche Vorzug im „Kunst-Underground“ bestünde in den Kontakten innerhalb des „mäandernden, wandernden Netzwerkes“, so Brandstifter, und darüber hinaus im „Testen von Grenzen“. Hauptsächlich konzentriere man sich zwar auf bildende Kunst, doch auch experimentelle Wagnisse gehörten zum Programm, so zum Beispiel ein Auftritt der „Nasenflöten“ 2005, der auf ein geteiltes Echo stieß.
Das Jubiläum soll standesgemäß begangen werden. „In Mainz ist man ja immer auf Tradition aus“, meint Brandstifter, „und wir haben definitiv Tradition.“ Steht der Landeshauptstadt im Mai eine Überdosis Kunst, gar ein Kulturschock bevor? Wir dürfen gespannt sein.

Bewegung auch in Wiesbaden

„Ich kenne das aus meinem eigenen Bekanntenkreis“, sagt die 20-jährige Mira Müller. „Junge Leute haben einfach keine Chance auszustellen.“ Auch in Wiesbaden hat sich das inzwischen geändert. Seit April 2006 bietet Mira Künstlern zwischen 15 und 20 Jahren die Möglichkeit, ihre Arbeit der Öffentlichkeit zu präsentieren. „Kunstsplitter“ nennt sich das Projekt und ist im BauHof in Wiesbaden-Biebrich angesiedelt. Auf die Idee wurde Mira von Rüdiger Steiner, ihrem Vater, gebracht. Er leitet seit Jahren die Kunstwerkstatt auf dem BauHof und steht den Problemen junger Künstler offen gegenüber.
Im Kunstsplitter darf jeder ausstellen. Dass Künstler aus Gründen der Qualität abgelehnt werden, kann sich Mira nicht vorstellen: „Wenn sich jemand entschließt auszustellen, dann hat er sich auch ausreichend mit seiner Arbeit beschäftigt.“ Daraus ergibt sich ein außerordentlich abwechslungsreiches Programm. Von Fotoausstellungen über Installationen bis hin zur Performancekunst war im Jahr 2006 alles zu sehen.   
Konzept und Gestaltung jeder Ausstellung bestimmt der Künstler selbst. Der Kunstsplitter leistet Hilfe wo er kann. So werden die Künstler mit 200 Euro für Materialkosten unterstützt oder können eine ihrer Arbeiten an den Kunstsplitter verkaufen. Einen Rundumservice bietet das Projekt aber nicht. Als Künstler muss man selbst Hand anlegen und zum Beispiel die Aufsicht für die eigene Ausstellung übernehmen. Diese erstreckt sich dann über jeweils ein Wochenende im Monat. Samstagabends findet eine Vernissage statt und sonntagnachmittags können sich die Besucher die Arbeiten noch einmal in Ruhe betrachten.
Langsam aber sicher entwickelt sich aus dem „Selbsthilfeprojekt“ Kunstsplitter eine feste Institution. Künstler, die bereits ausgestellt haben, bleiben dem Projekt weiterhin treu. Und seitdem Mira mit dem Kunstsplitter den Jugendideenwettbewerb (LUI) der Jusos Wiesbaden gewonnen hat, bekommt das Projekt immer mehr Beachtung in der Öffentlichkeit und die Besucherzahlen steigen.
Natürlich steckt der Kunstsplitter nach etwas mehr als einem halben Jahr noch in den Kinderschuhen. In erster Linie wünscht sich Mira mehr Besucher, aber auch engagierte Mitarbeiter sind willkommen. Selbst bei den Künstlern hapere es manchmal. Zwar sind die meisten Termine in der Saison 2007 bereits belegt, aber für die Eröffnung des Kunstsplitters 2007 konnte Mira bis zum Redaktionsschluss noch keinen Künstler nennen.
Finanziell lebt man von der Hand in den Mund. Von den 3.600 Euro für das geplante Budget des laufenden Jahres kamen bis jetzt 2.350 Euro zusammen. Öffentliche Mittel fließen auch in Hessen spärlich. Das Sozialministerium stellt 250 Euro zur Verfügung und die Stadt Wiesbaden hat sich bereit erklärt, Druckkosten für Flyer zu übernehmen. Der Kunstsplitter ist also auf Sponsoren aus Wirtschaft und Gesellschaft, wie dem Lions Club Wiesbaden-Kochbrunnen, angewiesen. Ihr Preisgeld über 500 Euro vom LUI 2006 hat Mira in die kommende Saison gesteckt.      
Der Zukunft des Projektes sieht Mira Müller hoffnungsvoll entgegen. Auf die Frage, ob man auf dem Weg zu einer eigenen kleinen Szene sei, sagt sie: „Seit dem LUI würde ich das bejahen.“ Künstler, die 2007 ausstellen werden, habe sie bei dieser Gelegenheit kennen gelernt.  Am 31. März fällt der Startschuss für den Kunstsplitter 2007.

Autor: 
Ingo Bartsch und Andreas Schröder
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