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Herzensangelegenheit Musik (STUZ 110, Mär.09)

Der 1981 in Aachen geborene Geiger David Garrett verbindet Klassik mit Pop und lockt so seine Generation scharenweise in die Konzertsäle. Seine Markenzeichen: Der Weltrekord im Schnellfiedeln und seine betont legere Kleidung. Die STUZ fand heraus: Das ist kein Image - der Mann ist wirklich so locker.

 

STUZ:  In einem Werbespot für Sony sagen Sie: „Wunderkind? Ich glaube, ich war eher wundersam.“ Waren Sie wirklich so schlimm?
David Garrett: Ich glaube, wenn man etwas macht, was nicht so der Norm entspricht, und die Geige ist ja etwas was im Kindesalter als nicht so selbstverständlich wahrgenommen wird, dann fühlt man sich schon als Außenseiter. Das ist eben ein sehr wundersames Gefühl.

 

Ihr Bild von Ihrem Elternhaus scheint gespalten zu sein. Einerseits sprechen Sie von tiefer Dankbarkeit für die Förderung, andererseits hatten Sie es nötig dem Druck zu entweichen und nach New York zu gehen. Was sagen Ihre Eltern dazu, wenn sie Sie in Interviews so reden hören?  
Das ein oder andere Mal haben sie sich sicherlich beschwert, aber ich muss das dann auch verteidigen. Sie wissen ja, dass ich nicht fantasiere. Es ist ja ein großer Teil meines Lebens und da müssen sie jetzt durch, so wie ich da durch musste.

 

Neben klassischen Stücken spielen Sie auch Interpretationen von AC/DC und Queen. Ist es Ihr Talent, das Ihnen die Freiheit gibt, sich auch in anderen Musikrichtungen auszutoben?
Toben, austoben… Der Ausdruck gefällt mir. Das Wichtigste ist doch, dass ich Spaß habe, an dem was ich mache. Ich finde Klassik wunderbar, und sie legt ja auch den Grundstein zu der Musik, die man heute im Radio hört, ob das nun R’n’B oder Rock oder Pop ist. Man sollte die Verbindung halten zu dem, was um einen herum geschieht, und man sollte die heutige Musik einbinden.

 

Warum spielen Sie als Musikliebhaber den Hummelflug auf Rekordzeit? Wem müssen Sie etwas beweisen? Oder handelt es sich doch um einen Mediencoup?
Och, das ist nicht auf meinem Mist gewachsen, mich hat einfach jemand gefragt. Ich hab seit meiner Kindheit diese ganzen Perpetuum Mobiles* zum Beispiel von Paganini gerne und oft gespielt, da war ich auch in jungen Jahren schon sehr gut darin. Die Veranlagung war also da, dann wurde ich gefragt und das war so eine kleine Herausforderung. Das hat nichts damit zu tun, dass die ganze Geschichte jetzt sehr medientauglich ist.

 

Ihr Erfolg führte Sie unter anderem auf Stefan Raabs Studio-Couch. Gibt es unter Ihren Kollegen Stimmen, die sagen, dass Sie Ihr Talent missbrauchen und sich der Unterhaltungsbranche anbiedern?
Grundsätzlich zeigen sich meine Kollegen begeistert von dem ganzen Zeug, das muss man wirklich sagen. Ich mache ja Musik nicht für die zehn Kritiker in Deutschland, ich mache Musik für die hundert Tausend Besucher meiner Konzerte.

 

Sie sind letztes Jahr über Ihre Stradivari gestürzt, die dabei zerbrach. Was hat das in Ihnen ausgelöst?  
Das geht richtig tief. Ein paar Stunden später war ich wieder etwas gelassener. Ich trauere Dingen nicht unendlich lange nach, aber es war sicherlich ein Schock. Die Ironie war ja auch, dass ich genau in diesem Monat die Geige nach vielen Jahren abbezahlt hatte. Es ist ein großer Wertverlust, aber wenn so ne Geige richtig zerhauen aussieht, bekommt man da psychologisch einen Knick.

 

Was ist rückblickend der größte Erfolg Ihres Lebens? Schnellster Geiger? Größter Geiger seiner Generation? Schönster Musiker? Oder trotz allem bodenständiger Mann?
Joah, jetzt lass mich mal überlegen. (längere Pause) Ich glaube, dass ich viel arbeite. Dass ich die Arbeit liebe. Das kann man als Erfolg bezeichnen. Du kannst auch einen Beruf ausüben, den du wirklich nicht gerne machst und das tun ja relativ viele Leute. Mir ist es eine Herzensangelegenheit Musik zu machen. Ich glaube, dass Leidenschaft die Leute fasziniert, ob man nun Geiger, Anwalt oder Bauarbeiter ist, so was merken die Leute.

 

Ihre Mutter ist Amerikanerin. In welcher Nation fühlen Sie sich zu Hause?
Überall. Ob das jetzt Tel Aviv ist oder Hong Kong. Ich reise viel und habe auch inzwischen in vielen Städten Freunde, so dass ich immer ein paar Telefonnummern mit mir herumtrage und dann überall übernachten kann.

Autor: 
Nathalie Klemm
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