Anzeige

„Kiffen stoppt die revolutionäre Energie“ (STUZ 95, Nov. 07)

Tilmann Otto alias Gentleman ist mit neuem Album „Another Intensity“ am Start und beweist darauf erneut, dass auch ein Deutscher Reggae-Musik produzieren kann. Mit uns spricht er über Inspiration, den Sinn des Lebens und die Wirkung von Drogen.

 

STUZ: Es gibt viel oder wenig Intensität.
Warum „Another Intensity“?

Gentleman: Da habe ich mein Ziel ja schon erreicht – es wird darüber philosophiert. Und zugegeben: Der Titel klang einfach toll, so nach Sinn. Die Intensität in der westlichen Gesellschaft ist eine falsche. Was wir brauchen, ist mehr Spiritualität – wir müssen wegkommen von dieser Ignoranz, von dem Dasein als Spaßgesellschaft, von dieser ewigen Rastlosigkeit.
 

Was war ein prägendes Moment in deinem Leben?
Was inspiriert dich?

Jede Sekunde inspiriert mich. Überall gibt es Momente, die einen beeinflussen und bewegen. Ich erlebe sie, wenn ich aus dem Umfeld ausbreche – das ist selbst in Deutschland möglich. Nach jeder Tour bin ich ausgelaugt. Dann ist es wichtig, in eine andere Welt einzutauchen und dadurch mehr Objektivität zu erlangen. Visionen brauchen Zeit, man benötigt einen gewissen Abstand. In Gambia habe ich spirituelle Stimmung erlebt. Wichtig für mich ist, dass ich beispielsweise auf Jamaika Menschen kennen lerne, die diesen Spirit leben und sich weniger von materiellen Dingen beeinflussen lassen.

 

Sind die Menschen dort glücklicher? Wollen die sich keine finanzielle Existenzgrundlage schaffen, wie bei uns?
Glück ist schwierig zu definieren. Ich denke, dass sich manche Menschen weniger an materielle Dinge klammern und keine Angst vor der Zukunft haben. Arme Menschen wie die Jamaikaner sind Gott, der Quelle, verbundener. Wir hingegen jagen dem Sinn des Lebens stets hinterher. Unserer Gesellschaft fehlt der menschliche Aspekt: Das ist auch der Grund, weshalb Konzerne solch eine große Macht ausüben können. Aber Reichtum ist nicht immer negativ zu deuten: Bob Marley besaß vier nagelneue Mercedes und diverse Villen – doch er ist sich stets treu geblieben und hat sich nicht verändert. Reichtum bedeutet nicht zwangsweise, dass man weniger spirituell sein kann. Geld verdienen ist für arme Familien wichtig. Und wenn die Einfachheit, die unkomplizierte Weltanschauung erhalten bleibt, dann ist das gut so.

 

Du singst viel von Nächstenliebe – wie sieht Gott für dich aus?
Für mich ist Gott keine konkrete Person, ich glaube auch nicht, dass Jesus Gott in Person war oder der Heilige Geist Maria geschwängert hat. Ich glaube an den Spirit, eine universelle Kraft.

 

Also eher in Richtung Esoterik?
Nein, Esoterik ist mir zu fernab der realen Welt. Damit habe ich schlechte Erfahrungen gemacht. Mein Denken entspricht am ehesten dem Buddhismus, obwohl ich hierbei nicht die Ansicht teile, dass ein gutes Leben nur das leidlose ist.
 

Dein Vater ist evangelischer Priester. Wie stehst du der evangelischen Kirche gegenüber?
Mein Vater ist im Ruhestand und bedauert den mangelnden neuen Nachwuchs in der Kirche. Ich wende mich eher vom evangelischen Glauben ab, obwohl ich ein großer Fan von Luther bin. Doch die Kirche als Institution ist mir zu dogmatisch. Sie war nie ein Ort der Geborgenheit für mich und hat mir eher Angst gemacht. Es war immer kalt, ständig musste man knien, und ich habe auch die Musik nicht sonderlich gemocht. Ich habe Respekt vor Menschen, die ihre Glaubenskraft in der Kirche finden. Jedoch denke ich, dass das Christentum nicht so gewollt ist. Ein krasses Beispiel ist Amerika – dort gibt es zahlreiche „evangelische“ Sekten.

 

Jamaika ist hinsichtlich Themen wie Homosexualität immer noch sehr konservativ eingestellt. Was denkst du darüber, da duch auch mit Künstlern wie Sizzla arbeitest, denen ebenfalls eine schwulenfeindliche Einstellung nachgesagt wird?
Ich bin nicht schwulenfeindlich, doch Schwulendiskriminierung ist in der jamaikanischen Gesellschaft tatsächlich stark verankert. An diesen Punkten merke ich, dass ich an Grenzen stoße, dass ich die Welt nicht verändern kann. Aber ich akzeptiere Sizzlas Einstellung, denn sonst könnte ich mit ihm und anderen Künstlern nicht mehr ins Studio gehen. Und dann könnten wir auch nicht mehr Miles Davis hören, der seine Frau dreimal schmerzhaft ins Koma geschlagen hat.

 

Was war die schmerzhafteste Erfahrung in deinem Leben?
Die krankhafte, ungerechte Verteilung auf der Welt. Ich hatte zum Beispiel in Gambia ein Konzert, und die Menschen dort haben wenig oder oft gar nichts zu essen. Dann komme ich zurück nach Deutschland, mein Sohn sieht fern, auf MTV läuft „JackAss“ und es geht darum, wer am schnellsten so viel Burger wie möglich isst und dadurch als erster kotzt. Es ist diese Perspektive: Vielen Menschen fehlt die Feinfühligkeit. Es ist wichtig, wach, sensibel und empfindsam zu sein. Ich nehme mir jeden Morgen vor, ein besserer Mensch zu werden. Manche Menschen brauchen Rituale oder Dogmen – ich für meinen Teil brauche das nicht. Ich entspanne mich in der Natur, manchmal wandere ich nachts alleine durch den Wald. Oder ich fahre mit meinem Sohn an die Nordsee und baue Sandburgen mit ihm. Fasziniert beobachte ich, wie er einer Taube beim Kacken zuschaut. Solche Momente nehmen wir oftmals gar nicht mehr wahr.
 

Ist es nicht weiser, sich mit all seinen Fehlern und Schwächen akzeptieren zu können, anstatt sich jeden Morgen aufs Neue vorzunehmen, ein besserer Mensch zu werden? Nur wer sich selbst liebt, kann auch seinen Nächsten lieben.
Das stimmt eigentlich. Jedoch sollte man auch nicht so ignorant sein und behaupten, gut zu sein, ohne es wirklich zu empfinden. Wir müssen zu uns selbst zurückfinden, können dies aber nur, wenn das Bewusstsein dafür vorhanden ist. Wir müssen zur Ursprünglichkeit zurückkehren. (Rollt einen Joint)

 

Inspirieren dich Drogen?
Nein, ich mache das eher aus Bequemlichkeit. Mir fehlt die eben umschriebene Bewusstheit, um davon loszukommen. Eigentlich ist Rauch das Gegenteil von Klarheit und somit unspirituell. Ich habe Grasrauchen jedoch anders kennen gelernt, denn in Jamaika ist das so: Dort wird Gras von vielen Leuten auch als Ritus konsumiert und daher als bewusstseinserweiternd erlebt. Natürlich habe ich aber auch den Wunsch, dass meine Kinder später einmal nicht kiffen. Denn wie sagte Daniel Brühl in „Die fetten Jahre sind vorbei“ so schön: Kiffen stoppt die revolutionäre Energie der Jugend!

Autor: 
Johanna Ganitta und Jana Baurmann
Facebook:
Artikel bewerten:

Dies bewerten

Eigene Bewertung: Keine Durchschnitt: 5 (1 Bewertung)

Flattr