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Klospruch hat sich aus Mainz verpisst (STUZ 76, Feb. 06)

Jeder kennt die Sprüche, die man auf Toiletten findet, wie „Beware of Limbo dancers“ am unteren Rand einer Klotür. Viele wissen jedoch nicht, dass die Geschichte des Klospruchs fast so alt ist wie das stille Örtchen selbst und dass es Wissenschaftler gibt, die sich mit den Latrinenkritzeleien beschäftigen.

 

Den römischen Bürger Secundus rumort es im Magen. Vielleicht liegt es an dem Fisch, den er hier in Pompeji gegessen hat. Sein Darm meldet sich zu Wort und schlägt vor, eine öffentliche Bedürfnisanstalt aufzusuchen. Secundus geht auf den Vorschlag ein und verrichtet sein Geschäft. Dabei ist ihm anscheinend langweilig, denn er schreibt einen netten Spruch an die Wand der Toilette: „Secundus hic cacat.“ (Hier kackt Secundus.) Etwa zweitausend Jahre später fangen Archäologen in Pompeji dann mit ihren Ausgrabungen an und stoßen dabei unter anderem auch auf die besagte Kritzelei des Secundus. Doch dies ist nicht der einzige Klospruch, den die Wissenschaftler entdecken, denn die Römer waren offenbar sehr schreibfreudig. Wie sehr das Phänomen der Toilettenschmiererei schon im alten Rom um sich gegriffen hatte, beweist etwa folgender römischer Latrinenspruch: „Wand ich wundere mich, dass du noch nicht eingestürzt bist, da du so viel Unsinn von Schreibern aushalten musst.“ Wer also bisher glaubte, mit Sprüchen und Kritzeleien beschmierte Scheißhäuser seien ein Phänomen unserer Zeit, sieht sich getäuscht. Das stille Örtchen war schon vor der Erfindung des „Edding 3000“ nicht vor Latrinendichtern und Gelegenheitsphilosophen sicher.
Eine Koryphäe auf dem Gebiet der Klosprücheforschung ist der Psychologe und Kommunikationswissenschaftler Norbert Siegl, der seine Diplomarbeit „Über geschlechtsspezifisches Kommunikationsverhalten am Beispiel Toilettengraffiti“ geschrieben hat. Sein Buch „Kommunikation am Klo“ gilt als Standardwerk. „Es gab vor mir schon andere Leute, die sich ebenfalls mit diesem Bereich beschäftigt haben. Meist am Rande der Disziplinen Volkskunde, Altertumsforschung und Archäologie, doch im Wesentlichen ist das meine Entdeckung und Erfindung“, sagt Siegl, der in Wien das „Institut für Graffiti-Forschung“ mitbegründet hat, auf dessen Website (www.graffitieuropa.org) man über 40 000 Graffitis findet, darunter auch Toilettenschmierereien. Bei seinen Feldforschungen in den sanitären Anlagen fand der Österreicher beispielsweise heraus, dass Graffiti, die von Liebe handeln, auf Frauentoiletten etwa zwölf Prozent aller Klosprüche ausmachen, während es bei den Männern nur 0,42 Prozent sind. Können Männer also ganz nach dem Klischee selbst anonym nicht über Liebe reden? Darauf weiß auch Siegl keine Antwort, doch er erklärt, was die Besonderheit des Toilettenspruchs ausmacht: „Die Möglichkeit anonym zu bleiben führt dazu, dass Themen besonders breit und ausführlich behandelt werden, die sonst von öffentlichen Diskussionen ausgeschlossen sind.“ Was dies heißt, macht das Beispiel des amerikanischen Irakkriegsveteranen Jim Talib deutlich, der vor einiger Zeit berichtete, dass auf den Latrinen der US-GIs im Irak vermehrt Sprüche wie „Fuck Bush“ oder „No blood for oil“ zu finden seien. „So große weltbewegenden Themen wie der Krieg im Irak werden auch auf den Toiletten verschiedener Länder gleichermaßen behandelt, während ansonsten natürlich beispielsweise in Deutschland über die speziellen Probleme der deutschen Politik kommuniziert wird“, macht Siegl klar. Vor allem jüngere Leute sind auf den WCs literarisch und zeichnerisch aktiv, wobei sie nicht nur die Wände bemalen sondern auch das Inventar der Bedürfnisanstalten: „Bitte Knopf drücken. Sie hören eine Erklärung des Regierungssprechers“ (auf einem Heißluftautomaten zum Händetrocknen) oder „Für Geldrückgabe bitte Baby einwerfen“, „Mein Vater sagt, die funktionieren nicht“(beide auf Kondomautomaten). Daneben geht der Trend mittlerweile auch dazu über, besonders die Kacheln der Toiletten, auf denen sich bekanntlich schwer schreiben lässt, mit sogenannten „Stickern“ und „Cut-Outs“ zu bekleben. „Die sind stark im Vormarsch“, sagt der Wiener Klosprücheforscher. „Auf unserem Internationalen Street-Art- und Graffiti-Kongress vom 11. bis zum19. März in Wien werden diese Klebezettel auch eine Rolle spielen.“
Bei der STUZ-Recherche in Mainzer Kneipentoiletten kam dann jedoch die Enttäuschung. Vor Ort stellte sich heraus, dass es nur einige Kneipen gibt (Fiszbah, Good Time, Q-Kaff, Quartier Mayence), auf deren Scheißhaus man was zu lesen hat. Andere (Caveau, Red Cat) weisen nur sehr wenige Sprüche auf und bei vielen Locations (Lomo, L’Arcade, Ballplatzcafé, Sixties, Besitos) hat sich der Klospruch einfach verpisst. „Die Tendenz geht schon dazu, dass Toiletten immer graffitifreier werden“, erzählt Siegl. „Zum Beispiel, weil die Kneipenbesitzer ihre Toiletten renovieren lassen. Bis so eine weiße Wand dann wieder Graffiti trägt, kann es manchmal sogar bis zu zehn Jahre dauern. Schade eigentlich.“

 

MAINZER KLOSPRÜCHE

„Sagt der kleine Mann zu der Fee: Bück dich, Wunsch ist Wunsch!“
(Fiszbah, Herren-
toilette)

„Wurst wird aus Tier gemacht.“
 – „Aber sie hat keine Augen – und schaut einen deshalb nicht so anklagend an.“
– „Außer Mortadella.“
(Fiszbah, Herren-
toilette)

„Da na na na na na na na, Da na na na na na naaa – Tequila”
(Quartier Mayence, Damentoilette)

„Muss man die Dinge nüchtern betrachten?“ (Caveau, Herren-
toilette)

„It‘s a known fact, that sheep, that give us steel wool, don‘t have any natural enemies.“ – „Reißwolf?“
(Fiszbah, Herren-
toilette)

Autor: 
Marius Wendling
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