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Koksen ist bloß Attitude (STUZ 67, Apr. 05)

Mit „A-n-n-a“ brannte sich der „Freundeskreis“ in die Ohren einer ganzen HipHop Generation. Nach erfolgreichen, aber auch stilleren Jahren sprach die STUZ mit HipHop-Musiker Max Herre und dem etwas mitgenommenen, aber friedlichen „Reimemonster“ Afrob über neue Alben, Klingeltonpromotion und alte Zeiten.

 

STUZ: Nach langer Abwesenheit seid ihr endlich mit zwei neuen Alben am Start und rockt erstmals seit „Freundeskreis“-Zeiten wieder gemeinsam die deutschen Konzertbühnen. Was liegt hinter euch? Was kommt auf euch zu?

 

Max: Zunächst mal hat Afrob sein Album „Hammer“ gedroppt und ich erwarte, dass er ein Comeback hinlegt. Es gibt kaum einen Artist in Deutschland, der in den letzten Jahren soviel Output hatte wie er. Was mich angeht. Mein Album ist schon länger draußen. Das ist alles nicht mehr so aktuell. Aber momentan sitzen wir an ‘ner neuen Joy Denalane-Platte.

 

Wenn wir gerade bei deinem Album sind, Afrob. Auf dem Track „Soulmate“ rapst du, dass du darauf gewartet hast, dass der Knoten endlich platzt. War das der Grund für die lange Pause als Solokünstler oder warst du zu sehr mit anderen Projekten beschäftigt?

 

Afrob: Nach der Scheibe mit Samy

 

Deluxe war es so, dass ich gecheckt habe, dass ich jetzt alles wieder alleine machen muss. Ich habe schon Startschwierigkeiten gehabt, aber irgendwann war‘s wirklich so, dass der Knoten geplatzt ist und dann ging mir alles wieder leicht von der Hand.

 

Hattest du von Anfang an genaue Vorstellungen, wie das Album werden sollte und bestimmte Themen, die du unbedingt ansprechen wolltest?

 

Afrob: Ich habe erst mal geguckt, was mit den ersten drei, vier Tracks passiert, mich im Vorfeld auf nichts eingelassen und dann irgendwie selbst überrascht. Das, was ich konkret schreiben wollte, habe ich eigentlich erst beim Schreiben herausgefunden.

 

Max: Das Album ist extrem musikalisch. Das sind unsere Parallelen: Dass nämlich die Musik der Fokus ist. Zuerst ist die Musik da und die fordert dann den Text, der letztendlich dabei rauskommt. Bei unseren Alben geht es nicht darum, einen Themenkatalog abzuarbeiten; den hat man eh im Hintergrund. Man hört die Musik und merkt dann, was für ein Gefühl sie transportiert und welche Geschichte sich aufdrängt.

 

Afrobs neues Video wird nicht auf MTV gesendet. Aber den Klingelton wird es sicher bald im Jamba-Sparabo geben. Glaubt ihr, dass Künstler heute leichter durch Klingeltöne bekannter werden, als durch die eigentliche Musik?

 

Max: Es gibt zu wenige Slots, also Videosendeplätze. MTV und VIVA spielen fast nur noch Dating- oder Lifestyleshows und werden ihrem Ruf oder Auftrag als Musiksender nicht mehr gerecht. MTV hat viele Künstler, die internationale Sendeverträge abschließen. So beanspruchen sie die wenigen Slots, da sie in jedem Land gespielt werden müssen. Es ist immer ein Bangen, wenn man nicht „Die Ärzte“ oder die „Fantas“ ist. Aber für uns ist das nicht mehr wichtig. Wir spielen einfach live und suchen uns unser Publikum selbst. Wir vertrauen auf niemanden und fahren gut damit. Diese Sender werden eh irrelevant. Ich mein, schau‘s dir an auf VIVA: Eigentlich ist das ‘ne einzige Klingeltonverkaufssendung.

 

Afrob: Ich guck da schon gar nicht mehr hin.

 

Max: Die drehen sich selbst den Hahn zu. Klar ist es immer schade, wenn man der ist, der gerade nicht gespielt wird. Aber ich denke, wir sind so weit etabliert, dass man nicht mehr über diese Sender erfährt, ob unsere Platte schon draußen ist.

 

Der HipHop- Boom in seiner europäischen Ausprägung ist vorbei und es kommt einem vor, nicht mehr Teil einer einzigen großen Kulturbewegung zu sein, sondern vor eine Entscheidung gestellt zu werden: Beweg ich mich eher in die musikalisch - experimentelle Sparte oder ziehe ich mir ‘ne lustige Maske auf und gehe in Berliner Vorstadt-Ghettos ab. Wie denkt ihr darüber?

 

Max: Man muss einfach unterscheiden zwischen Musik und Attitüde. Ich bin Musiker und höre mir Musik an. Da gab’s immer ein paar Leute, die das gut gemacht haben. Was Rap angeht, liegt der Fokus heute weniger auf der Musik, sondern auf der bloßen Attitüde. Diese wollen wir nicht transportieren und konzentrieren uns eher auf die Musik.

 

Afrob: Genau! Wegen mir wird kein Teenager koksen.

 

Apropos Rausch. Was war die geilsteZeit eurer Karriere?

 

Max: Ich glaube, die geilste Zeit kommt noch. Wir sind zu jung, um in der Vergangenheit zu leben. Es war geil damals, aber es gab auch viele Schwierigkeiten, die wir heute nicht mehr haben. Wir hatten kein Geld und haben Musik nur so nebenher gemacht. Wenn ihr von den richtigen Anfängen redet, war es natürlich eine Energie, die ganz speziell war und was erschaffen hat. Wenn ein Künstler anfängt in der Vergangenheit zu existieren, entwickelt er sich nicht mehr weiter.

 

Wie ist es, wieder gemeinsam auf der Bühne zu stehen?

 

Afrob: Is’ geil.

 

Max: Das ist auf jeden Fall ein Flashback. Wenn wir heute wieder „Wenn der Vorhang fällt“ performen, kommen die Versprecher von damals wieder an der gleichen Stelle. Wir hatten wirklich eine gute Zeit mit Freundeskreis. Zusammen mit den anderen Künstlern: Massive Töne, Joy Denalane, Gentleman und so. Es war schon unglaublich.

Autor: 
Christina Eickhorn und Fabian Hartmann
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