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Kotz-Veto bis zum Seniorenstudium (STUZ 94, Okt. 07)

Die Sportfreunde Stiller kennen seit der WM viele nur als stimmungsmachende Fußball-Band. Mit ihrem neuen Album „La Bum“ schlagen die Münchner jetzt aber ganz andere Saiten an. Sänger Peter Brugger über Banddemokratie und Zukunftsperspektiven.  

 

STUZ:  In eurer neuen Single „Alles Roger!“ geht es um den Gebrauch von Redewendungen und Wortspielen. Wir hätten da auch ein paar Fragen.
Müssen Marienkäfer mit zu wenig Punkten absteigen?

Peter: Nein, niemals. Sie dürfen nicht diskriminiert werden, nur ob ihres Äußeren. Das wäre unfair.

 

Kann es Zufall sein, dass im Wort Kaufrausch das Wort Frau schon drinsteckt?
Nein!

 

Ist es Körperverletzung, wenn der Chirurg seiner Frau mal ein Schnittchen macht?
Wahrscheinlich schon, weil er permanent am Arbeiten ist und keinerlei Erfahrung hat von kulinarischen Genüssen.

 

Hat es sich einfach so ergeben, dass ihr euch mit „La Bum“ dem Fußball abgewendet habt, oder waren die Themen um Zwischenmenschliches ein beschlossenes Konzept?
Unser Ziel war es einfach, mitreißende Lieder zu schreiben über Zeug, das uns selber was bedeutet. Wir stimmen über die Lieder per Mehrheitsentscheidung ab. Aber es gibt noch das Kotz-Veto. Wenn einer sagt: „Das geht überhaupt nicht, ich muss mich sonst übergeben“, dann versuchen wir darauf zu verzichten. Das sieht ja auch unschön aus!

 

Mehmet Scholl ist ja euer Praktikant. Was genau muss er bei euch machen?
Im Moment macht er noch gar nichts. Ich glaube, er möchte jetzt zwei Wochen lang auf die Wies’n gehen, was er zwanzig Jahre nicht machen durfte. Er wird dann später mit uns auf Tour gehen, das ist ein festes Vorhaben. Er hat auch schon Gitarre spielen gelernt. Der Akkord a-Moll liegt ihm sehr. Aber mal schauen, ob er jemals die Bühne entern wird.

 

Du hast mal in einem Interview gesagt: „Und nach dem WM-Boom ist inzwischen auch wieder alles wie davor.“…
Naja, die Erinnerung ist natürlich noch da, aber letztendlich sind Auszeichnungen und all dass, was wir auf Tour erleben, zwar echt feine Geschenke, haben aber mit dem normalen Leben nichts zu tun. Man kommt nach Hause, steht in seiner Wohnung und ist noch genau der Depp, der man vor zehn Jahren auch schon war.

 

Euer Schlagzeuger Flo sagte mal: „Unsere Ideen und Vorlieben haben wir in unseren Musikvideos immer gut getroffen.“ Im „Alles Roger“-Video steht ihr in Schlafsäcke gehüllt in einem Glaskasten und es fallen verschiedene Dinge auf Euch herab. Welche Vorliebe habt ihr denn da präsentiert?
Sich selber weh zu tun – und dabei aber Lust zu empfinden! Zu schwitzen, in Schlafsäcken bei 35 Grad. Ein bisschen auch Selbstgeißelung. Das ist wirklich so ein Nonsens und Nonsens macht uns sehr großen Spaß. Und Schlafsäcke mit völliger Bewegungsfreiheit sind  so was Geiles! Da kann man so lange laufen bis man müde ist und dann lässt man sich umfallen und schläft in den Dingern.

 

Was hat es mit dem Song „Antinazibund“ auf sich, der den Besucher auf eurer MySpace-Seite willkommen heißt?
Das ist ein Thema, das uns wirklich seit vielen Jahren beschäftigt. Wir haben das Lied nicht auf die Platte drauf getan, weil es irgendwie nicht gepasst hätte. Aber es ist uns trotzdem total wichtig, deshalb bringen wir es als kostenlosen Download unter die Leute. Wir sind keine politische Band im eigentlichen Sinne. Nur Rüde (Rüdiger Linhof, Bassist, Anm. d. Red.) ist sehr politisch interessiert.

 

Wann kann man euer spanisches Album hören? Kannst du schon mal die Tourdaten für Südamerika raushauen?
Das wollen wir erst angehen, wenn die jetzige Tour vorbei ist. Aber wir haben ja schon ein paar Konzerte in Spanien gespielt. Das hat so Spaß gemacht. Wir mit unserem schlechten Spanisch und noch schlechteren Ansagen. Das war so lustig! Zehn Songs sind schon mal übersetzt, der Rest ist noch ungewiss. Die Lieder hören sich teilweise echt schön an auf Spanisch.

 

Du hast Latein studiert. Hat das Studium Spaß gemacht?
Ja, und ich möchte auch irgendwann wieder studieren, als Opa. Für mein Studium musste ich das Graecum machen und da waren so viele Opas! Später wohne ich in der Seniorenresidenz, fahr mit dem Radl zur Uni oder lass mich von meinem Zivi schieben und einen schönen Schuss Heroin setzen. Natürlich nur feinste Ware. So ’ne Alters-Drogenabhängigkeit.

 

Wieso habt ihr nicht Musik studiert?
Wir können unsere Instrumente grad mal für den Rock‘n‘Roll-Gebrauch einigermaßen spielen, aber für Klassische Musik sind wir einfach zu schlecht. Es genügt, ein paar Akkorde zu kennen und dann kann man ein paar ganz feine Lieder auf der Gitarre schreiben.

 

Ende Juli habt ihr in der FH Wiesbaden exklusiv eure neuen Songs vorgestellt. Was waren eure Eindrücke?
Es hat echt Spaß gemacht. Wenn das auch echt komisch ist, da zu sitzen und die eigene Musik anzuhören und die Leute schauen einen dabei an.

 

Selbst eure Freunde hatten das Album bis dahin noch nicht gehört.
Der  intimste Kreis schon. Aber wirklich negativ an unserem Leben ist, dass man Freunde vernachlässigt. Als ich Zivi gemacht hab und mir eine Freundin gesagt hat: „Also, meine besten Freunde treffe ich vielleicht einmal im Monat.“, da hab ich die ausgelacht und gesagt: „Du blöde Kuh, dein Leben ist doch beschissen.“ Und jetzt ist es bei uns in manchen Phasen noch viel krasser. Dann sind wir dann zwei Monate weg vom Fenster. Das finde ich ein bisschen schade. Ich möchte mich nicht beschweren, aber wir haben halt jetzt keine Freunde mehr (lacht).

 

Stimmt es, dass du als einziger von euch dreien von Fremden erkannt wirst?
Nein, das stimmt so nicht. Aber ich glaube, ich werde eher erkannt, weil ich der Sänger bin. Die andren beiden sagen, das ist nur, weil ich immer meine „Hackfresse“ in jede Kamera halte.

Autor: 
Hanna Belz und Nathalie Klemm
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