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Mannsweiber? (STUZ 114, Jul./Aug. 09)

Wenn im Mutterleib was schief läuft, kann es zu Inter- oder Transsexualität kommen. Letztere ist kein psychisches, sondern nach neuesten Erkenntnissen ein körperliches Phänomen.

 

Wenn Tassia ihrem Job als Telefonverkäuferin für Printwerbung nachgeht, kommt es oft zu seltsamen Dialogen: „Da ist ein junger Herr am Telefon!“ Sie darauf:  „Jung ja, aber wenn Sie jetzt ´Dame´ gesagt hätten, wäre mir das lieber gewesen…“ Beim direkten Kundenkontakt ist die Überraschung dann noch etwas größer. Das liegt an der – trotz androgynen – doch irgendwie zierlich-weiblichen Erscheinung der Mainzer Medizinstudentin.

Therapiebedürftig?
Tassia ist eine von schätzungsweise 10.000 Transsexuellen in Deutschland. Dabei gibt es mehr Männer, die sich als Frau fühlen, als umgekehrt. Neueste entwicklungsbiologische Forschungsergebnisse werfen ein ganz neues Licht auf dieses Phänomen. Laut ICD-Klassifizierung (ein Codesystem, um über Krankheiten weltweit kommunizieren zu können) gilt das Gefühl, im falschen Körper zu stecken, als „therapierwürdige, psychische Störung“. Doch das scheint es nicht zu sein. In den letzten Jahren konzentriert sich die Forschung immer mehr auf das Gehirn. Das Stichwort, das dabei immer wieder fällt, ist der „Bed nucleus“ der „Stria terminalis“ (BSTc). „Dieser Bereich des Gehirns ist von zentraler Bedeutung beim geschlechtsbezogenen Verhalten und bei der Identitätsfindung“, so Dr. Michel Hofman vom Niederländischen Institut für Neurowissenschaften (NIN).
„Diese Struktur ist bei Frauen und Männern unterschiedlich ausgeprägt, unabhängig von ihrer sexuellen Orientierung“. Hofman und seine Kollegen fanden heraus, dass dieser BSTc sowohl bei heterosexuellen als auch bei homosexuellen Männern gleich groß ist, jedoch nicht bei Mann-zur-Frau-Transsexuellen. Zumindest hier – bei Männern die sich als Frau fühlen – haben die Niederländer somit einen Erklärungsansatz geliefert, wie es wohl zu diesen Empfindungen kommt.
Das weiß auch Tassia zu berichten: „Schon als Kind fühlte ich mich zwar immer mehr von Männern angezogen, aber nicht schwul. Deswegen biss ich mir lieber auf die Zunge, als zuzugeben, dass ich mich als Frau fühlte.“
Bei Transsexuellen kann man vereinfachend sagen, dass ein männliches Hirn in einem weiblichen Körper steckt oder ein weibliches Hirn in einem männlichen. Manfred Spitzer, Psychiater an den Unikliniken in Ulm, drückt es so aus: „Unser Gehirn ist das Haus unserer Seele.“

Das Y-Chromosom entscheidet
Aufgrund eines hormonellen Ungleichgewichts in der Embryonalphase kommt es zur Ausbildung eines „andersgeschlechtlichen“ BSTc, und diese Struktur ist unter anderem für die Ausschüttung von Geschlechtshormonen wie dem Gonadotropin verantwortlich. Bei Männern wird normalerweise mehr Gonadotropin ausgeschüttet, und im Mutterleib sorgen dieses und weitere Hormone, sogenannte SDFs, „Sexual-determinating Factors – geschlechtbestimmende Faktoren“, dafür, ob der Mensch Mann oder Frau wird.
SDFs sind auf dem Y-Chromosom des Mannes codiert, und auch der Unterschied zwischen weiblichen und männlichen Gehirnen ist damit vom Y-Chromosom abhängig. Ist es nicht vorhanden, wird das Individuum weiblich. Ist es fehlerhaft, können dabei inter- oder transsexuelle Wesen entstehen. Manchmal existieren Vagina und Penis nebeneinander, und Eierstöcke beinhalten Hodengewebe. Dieser Umstand hat sich auch in der medizinischen Betreuung niedergeschlagen: In Mainz, wie auch an den meisten anderen Universitäten, werden Transsexuelle nicht wie früher in der psychiatrischen Abteilung, sondern in der (Neuro-)Endokrinologie beraten und behandelt.

Probleme im Alltag
Maria, eine andere Transsexuelle aus Mainz-Kastel, hat schlimmere Erfahrungen gemacht: „Ich stamme von den Philippinen. Als Transsexuelle bist du da Freiwild.“ Von der Mehrheit der Gesellschaft als „pervers“ verschrien, üben Transsexuelle doch eine gewisse Faszination aus. Das ruft die Mafia auf den Plan: Transsexuelle sind häufig Opfer von Zwangsprostitution. Nachdem Maria den Ausstieg schaffte, sucht sie nun einen männlichen Partner, der sie so nimmt wie sie ist. „Ich weiß, dass meine Stimme dunkel ist, ich weiß es! Trotzdem bin ich doch eine Frau!“ Sie fühlt sich ganz als Frau, nicht als schwuler Mann. Trotzdem begeben sich die meisten „Transgenders“, so der internationale Begriff, in Homosexuellen-Foren auf Partnersuche. Die Akzeptanz der heterosexuellen Bevölkerungsmehrheit lässt zu wünschen übrig. Die Selbstmordrate ist mit zehn Prozent unter Transgendern sehr hoch.  

Körperliche Veränderungen
Tassia bemerkte an sich seit Beginn der Hormontherapie kuriose Veränderungen: „Meine Stimme verweiblichte. Sie ist dunkel, klar. Aber sie erinnert nun doch irgendwie an die Knef. Und, das heftigste: Nicht nur der Busen wuchs. Meine Füße wurden kleiner!“ Als Tassilo noch nicht Tassia war, hatte er Schuhgröße 44. Tassia hat heute Größe 41.
Maria war auch als Mann schon immer kleiner. „Wir Asiaten haben es vergleichsweise leicht. Ich bin einsvierundsechzig und habe Schuhgröße 40. Normalerweise falle ich da als Transfrau nicht auf.“ Sie trägt Konfektionsgröße 38 und einen BH mit C-Cup.
In Deutschland kommt eine neuere Entwicklung den Betroffenen sehr entgegen: Der Durchschnittsdeutsche – Frauen und Männer – wird größer. Damit einher geht eine Verschmälerung des weiblichen Beckens: Breitere, „weiblichere“ Beckenknochen sind heute eher die Ausnahme und fallen auf. Und auch die Gesichterformen sind weniger geschlechtsspezifisch. Für Transsexuelle hat das ganz praktische Vorteile. „Hier falle ich mit meinem teils männlichen Gesicht nicht auf. In meiner Heimat aber sicherlich“, freut sich Maria.

Wünsche für die Zukunft
Tassia geht offensiv und selbstbewusst mit ihrer individuellen Geschlechterrolle um: „Ich stehe dazu, wer und was ich bin. Je mehr sich offen dazu bekennen, wie sie fühlen, desto mehr wird es zur Normalität werden.“ Hier an der Uni pflegt sie Freundschaften. „Die kennen mich, die wissen, was Transsexualität bedeutet. Und um die, die vielleicht hinter meinem Rücken lästern, kümmere ich mich erst gar nicht.“ Ihr Ziel ist der Abschluss ihres Medizinstudiums. „Vielleicht werde ich mich als Ärztin dem Transgender-Thema widmen – als Humangenetikerin oder auch als Psychiaterin. Schließlich weiß ich, wovon ich rede.“
Maria weiß nicht, was die Zukunft ihr bringt: „Meine Wünsche sind eigentlich ganz einfach: Ein Partner, der mich so nimmt, wie ich bin. Kinder adoptieren vielleicht. Mal schauen, was das Leben so für mich bereithält.“ Vielleicht bringt die Zukunft für beide mehr Akzeptanz und weniger Vorurteile. Nicht zuletzt auch Dank universitärer Forschung wie der von Dr. Michel Hofman am NIN in Amsterdam und seinen Kollegen.

Autor: 
Michael Bernartz
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