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Nimm mein Mixtape, Babe (STUZ 115, Sep. 09)

Seit über vierzig Jahren gibt es nun schon die Kassette und damit das Mixtape. In unserer hochmodernen Welt spielt es vielleicht nicht mehr die Rolle, die es einmal gespielt hat, ganz ausgestorben ist es jedoch nicht.

 

Als Philips im August 1963 die Compact Cassette einführte, brach für viele Musikfans eine neue Zeitrechnung an. Zwar waren die entsprechenden Geräte anfangs sehr teuer, aber schon bald setzte sich das neue Medium durch. Einer der Gründe war, dass man fortan selbst Musik aufnehmen konnte: Sowohl das Überspielen von Schallplatten als auch das Mitschneiden von Radiosendungen war nun möglich. Das Mixtape war geboren.
In den 80er Jahren erreichte dieses Musikmedium mit der Einführung des Walkmans dann seinen endgültigen Höhepunkt. Zwar wurde es in den letzten zwei Jahrzehnten durch modernere Medien wie CD und mp3 verdrängt, aber nicht nur die Idee des Mixtapes lebt in der heutigen Zeit fort. Auch die Kassette an sich ist noch nicht ganz ausgestorben.
Viele alte – und einige wenige neue – Autos besitzen noch ein Kassettendeck, und auch viele moderne Kompakt-HiFi-Anlagen können das vermeintlich überholte Tape noch abspielen. Zu Recht – schließlich hat die Kassette entscheidende Vorteile vor allem gegenüber der CD. So wurde zwar lange Zeit immer wieder behauptet, dass die Daten auf CDs länger halten als auf den alten Magnetbändern, in der Realität sieht es jedoch häufig anders aus: Wie oft hat man schon zerkratzte CDs weggeschmissen, während das zehn Jahre alte Tape zwar an Tonqualität eingebüßt hat, aber immer noch ohne Probleme abspielbar ist.
Diese lange Haltbarkeit erhöht dabei auch den Wert eines selbst zusammengestellten Mixtapes. Aber nicht nur sie. Um ein echtes Mixtape, und keine Mix-CD, aufzunehmen, benötigt man vor allem eins: Zeit. Es dauert, selbst wenn man sich schon eine Songliste zusammengestellt hat, mindestens die doppelte Spielzeit eines Tapes, um es aufzunehmen. Bei einer Mix-CD, oder, noch moderner, einer mp3-Playliste auf einem Musikportal, dauert es hingegen oft nicht einmal fünf Minuten.
Auch der Hörer muss Zeit mitbringen. Bei Kassetten kann man schließlich nicht von Lied zu Lied springen. Ein perfektes Tape erzählt deshalb eine Art Geschichte oder hat zumindest einen bestimmten Spannungsbogen. Bei einer CD, die ja häufig auch im Zufallsmodus abgespielt wird, ist so etwas völlig egal.
So ist es kein Wunder, dass Musiker, Filmemacher und Autoren das Thema immer wieder aufgreifen. Von Olli Schulz zum Beispiel gibt es den Song  „Nimm mein Mixtape, Babe“, in dem es genau um das Kompilieren einer solchen Kassette für die Traumfrau geht. Ähnlich sieht es in der wohl bekanntesten Mixtape-Referenz aus: „High Fidelity". In Nick Hornbys Roman, der auch erfolgreich verfilmt wurde, wird unter anderem auch erklärt, wie das perfekte Mixtape gemacht wird. Aber auch in der jüngsten filmischen Vergangenheit spielte das Mixtape eine Rolle, zum Beispiel im in Deutschland völlig untergegangenen Film „Nick and Norah's Infinite Playlist“. Hier verliebt sich ein Mädchen aufgrund von eigentlich nicht an sie gerichteten Mixen (allerdings auf CD) in die männliche Hauptperson.
All diese fiktionalen Beispiele haben dabei eines gemeinsam: Mixtapes scheinen der perfekte Ersatz für Liebesbriefe zu sein. Besonders für Leute, die ihre Gefühle nicht besonders gut selbst ausdrücken können, ist es wohl auch in der Realität so, dass es einfacher erscheint, jemanden anderes für sich sprechen (bzw. singen) zu lassen. Das kann zwar auch kleinere Probleme oder Missverständnisse mit sich bringen – aber der Einsatz und die Idee dahinter zählen.
Oder man macht ein Tape einfach für sich selbst – zum Entspannen, zum Autofahren, zum Musikhören.

 

Wie mache ich das perfekte Mixtape?
„Now, the making of a good compilation tape is a very subtle art. Many do's and don'ts.“ So heißt es bei „High Fidelity“. Auch sonst finden sich in der Literatur und im Internet jede Menge Anleitungen zum Erstellen eines Mixtapes. Diese sind sich zwar nicht immer einig, aber eine Regel findet sich fast überall: Der erste Song muss direkt die Aufmerksamkeit des Hörers erreichen. Ob es danach erst einmal wieder ruhiger wird oder es mit noch mehr Power weitergeht, bleibt einem selbst überlassen. Die wichtigste Regel ist aber, dass man in einem guten Tape auch immer etwas von der eigenen Persönlichkeit erkennen kann.

Autor: 
Matthias Schmidt
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