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Popstars aus Bruchbuden (STUZ 87, Feb 07)

Juli haben den Status der peinlichen Lieblingsband, der eigentlich nur Teenager und Mütter etwas abgewinnen können. Aus ihrem Pop-Appeal machen sie keinen Hehl. Schlagzeuger Marcel Römer und Gitarrist Simon Triebel wollen gar nicht erst so tun, als würden sie lieber noch in kleinen Clubs spielen.

 

STUZ: Was sind die nervigsten Fragen, die ihr gestellt bekommt?
Simon: „Wie kamt ihr auf euren Bandnamen? Mögt ihr Silbermond? Warum singt ihr auf Deutsch?...“
Marcel: Die Journalisten scheinen immer prüfen zu wollen, ob wir kredibel sind. Wenn ich mir angucke, mit welchem Anspruch uns manche Reporter begegnen, kann ich die Frage eigentlich nur an sie zurückgeben.
 

 

Gestern fand euer Tour-Auftakt statt. Inwiefern plant ihr selbst an euren Konzerten mit? Welche Aufgaben übernehmt ihr neben dem eigentlichen Spielen der Songs?
Marcel: Jeder von uns hat irgendwo sein Steckenpferd. Ich zum Beispiel bin Boulevard-Unterhalter und Perfektionist. Simon ist der Promotion-Chef. Es gibt also innerhalb der Band in jede Richtung eine treibende Kraft.
Simon: Was die Konzerte angeht reden wir natürlich immer noch mit. Im Vorfeld der Tour haben wir uns vor allem Gedanken um das Licht gemacht und einiges ausprobiert. Früher kamen wir mit unserem Equipment am Konzertort an, haben kurz aufgebaut und dann gespielt. Heute ist das alles etwas anders.

 

Macht es euch denn Spaß, an diesen Äußerlichkeiten zu arbeiten?
Marcel: Mir ist es bewusst, dass die Leute gerade bei der aktuellen Tour etwas anderes erwarten als früher. Ich hab immer das Gefühl, dass es noch Luft nach oben hin gibt. Dass Dinge da sind, die es zu verbessern gilt. Letztes Jahr gab es noch einen Hype um uns. Jetzt müssen wir uns etablieren und dazu zählt, die Leute weiterhin für uns zu begeistern. Natürlich ist es anstrengender auf diese Weise an unsere Konzerte ranzugehen. Aber es gilt eben, keine schlechten Shows abzuliefern.
 

 

Apropos gestiegene Erwartungen: Eure Sängerin Eva schreibt in eurem Bandinfo, dass ihr euch von Anfang an keinem Erfolgsdruck für das zweite Album stellen wolltet. Inwiefern konntet ihr das realisieren?
Simon: Erfolgsdruck war und ist auf jeden Fall da, die Frage ist nur wie man damit umgeht. Für uns war es wichtig, uns nicht von äußeren Faktoren in unsere Musik pfuschen zu lassen. Nach den letzten Festival-Konzerten haben wir uns für zehn Monate komplett zurückgezogen und keine Interviews mehr gegeben, um dem ganzen Medien-Rummel auszuweichen. Dadurch war es leichter, sich nicht mehr von außen beeinflussen zu lassen.

 

Habt ihr untereinander klar formulierte Richtlinien und Ziele für Juli?
Marcel: Die sind bei jedem von uns verschieden. Ich finde Bands krass, die nie diesen Identitätskonflikt austragen müssen. Bei denen innerhalb der Band geklärt wird, was man nach außen tragen will und dabei versucht, die Meinungen aller Mitglieder zu berücksichtigen. Es ist zwar totaler Luxus in einer Gruppe wie Juli zu spielen, aber manchmal wünsche ich mir ich wäre nur ein angeheuerter Statist, der kein Mitsprachrecht hat, keine Widerworte geben darf und sich auch nicht mit der Band identifizieren muss. Sich selbst gerecht werden zu müssen ist manchmal extrem kompliziert.

 

Wie war die Band eigentlich ursprünglich angelegt? Wolltet ihr von Anfang an so groß werden wie ihr es seid?
Marcel: Das besondere an Juli war für mich schon immer, dass sie einen Pop-Anspruch hatten. Und jemand der solche Musik macht, möchte eigentlich nicht im Domizil (Spielunke in Gießen, Anm. d. Red.) spielen, sondern mindestens hier in der Phönix-Halle. Unser Glück war, dass uns unsere Managerin schon immer so verkauft hat, als wären wir der heißeste Scheiß (allgemeines Gelächter). Man muss einfach sagen, dass wir keine Indie-Band sind, der es egal ist, ob sie Erfolg hat oder nicht. Es würde uns schwer fallen von unserem Standard wieder zurückzutreten.

 

Was für ein Standard ist das genau?
Marcel: Ein Standard, der es uns ermöglicht, nicht mehr in Kellerclubs spielen zu müssen. Trotzdem ist es geil, dass wir uns für unseren Erfolg nie anbiedern mussten und uns die Leute und die meisten Magazine auch so immer gut fanden. Um uns herum gibt es keine Promo-Maschinerie wie um „Tokio Hotel“. Unsere Wohnungen sehen aus wie deine, bloß vielleicht ein bisschen schlechter.

 

Glaub ich nicht.
Marcel: Doch. Mein WG-Zimmer hat 19 Quadratmeter und die Decke zieht mir genau über den Scheitel – ein Esszimmer haben wir auch nicht. Die Leute vermuten hinter Juli komplett andere Menschen, als sie selbst es sind. Aber das ist einfach nicht so.

 

Ich habe übrigens die Erfahrung gemacht, dass euch gerade die Leute gut finden, die euch gar nicht gut finden „dürften“, gemessen an ihrem sonstigen Musikgeschmack.
Marcel: Den Fall kennen wir zwar, aber es ist auch oft genug andersrum. Zum Beispiel war ich letztens auf dem „Melt“ (Indie/Techno-Festival, Anm. d. Red.) und habe da ein Pärchen kennen gelernt. Neulich hab ich die beiden in Berlin wieder getroffen, was anfangs sehr nett war. Als sie aber von meiner Freundin gehört haben, bei welcher Band ich spiele, haben sie nicht mehr mit mir geredet (Gelächter).

Autor: 
Peter Nowak
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