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Quickies versus lange Nummer (STUZ 128, Nov. 10)

Der Tonträger ist tot, es lebe der Tonträger! Neu ist das nicht. Diesmal ist es der panischen Musikindustrie mit ihren Weltuntergangsfantasien aber ernst. Bedeutet der Wechsel von CD auf mp3 das Sterben der Musikkultur zum Anfassen? Eine Analyse.

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Die Musikwirtschaft ist in der Krise! So schrieb es Der Spiegel – allerdings bereits 1977. Grund zur Panik war damals die Audiokassette, die die Schallplatte ablösen sollte. Eine wirkliche Gefahr für die LP erschufen 1982 Polygram und Sony: Die Compact Disk, deren Daten man per optischer Lesemethode gewinnen konnte. Ihr handliches Format wurde fester Bestandteil der Alltagskultur, viele Hörer stellten im Glauben an eine neue Zeitrechnung ihre Plattensammlungen zum Sperrmüll. Mit der Wanderung ins Internet in den 2000er Jahren musste aber auch die CD Platz machen. Der Musikindustrie tat die Digitalisierung weh: Musikklau löste sich in Downloadportalen vom Tonträgerklau, wie sich die Musik vom Tonträger gelöst hatte. Sie stand für sich, nackt, ohne Cover und Hülle, wurde eigenständiger und flexibler als je zuvor. Beim Komprimieren der Musik auf das mp3-Format wurde aber auch der Sound mies.
Schlechte Zeiten für Musiker also: Vor allem das illegale Herunterladen von Dateien brachte enorme Verkaufseinbrüche. Nur wenige, vor allem unbekannte Künstler, erkannten auch positive Aspekte an der Digitalisierung: Kostenlos konnten die ihre Musik ganz ohne Plattenfirma im Web 2.0 der Öffentlichkeit zugänglich machen. Das sorgte für eine deutliche Demokratisierung des Musikgeschehens, wie Internet-Entdeckungen à la Arctic Monkeys beweisen. Aber auch bekanntere Künstler nutzen das Internet längst für sich – Radiohead etwa, die ihr Album „In Rainbows“ 2007 für einen vom User selbst bestimmten Betrag zum legalen Download anboten, oder Portugal. The Man, die das böse Downloaden sogar praktisch finden, weil Leute erst so auf sie aufmerksam werden und zu ihren Konzerten kommen.
Die Silberschicht der CD blättert nach 28 Jahren also langsam ab. Jetzt, da handfeste Musikmedien zunehmend Liebhabern vorbehalten sind, wird verstärkt auf die Oma der Musikmedien zurückgegriffen, die schon 1977 totgesagt war: die olle Schallplatte. Seit 2003 ist der Verkauf von Plattenspielern wieder um 36 Prozent gestiegen. In England wurden 2007 mehr als eine Million 7-Inch-Platten abgesetzt, das sind zwei Drittel aller insgesamt verkauften Singles. Dass Panasonic jüngst die Produktion der legendären Technics-Plattenspieler eingestellt hat, ist noch kein Indiz für das Abebben dieses Trends: So vertreibt etwa der österreichische Weltmarktführer Project Audio Systems jährlich rund 50.000 Schallplattenspieler.
Im Indie- oder Alternative-Rock wird mittlerweile so gut wie jedes Album auch auf Vinyl aufgelegt – aber auch für Mega-Stars wie Christina Aguilera greifen Majorlabels wieder zur Vinylpresse. Die Schallplatte 2.0 gibt es als Doppelvinyl, Picturevinyl oder in knallig bunten Farben. Jack White ließ sich die „Triple-Decker-LP“ patentieren – eine Platte, in die eine zweite Platte integriert ist – und Die Ärzte veröffentlichten ihre Dreifachsingle „Himmelblauperfektbreit“ als 12-Inch-Picture-Disc mit Triple-A-Seite, bei der durch drei parallel verlaufende Rillen mit je einem Song immer der Zufall entscheidet, welches Lied angestimmt wird. Der eigentliche Clou: Den Scheiben liegen oft Codes bei, mit denen man sich das Album zusätzlich als mp3 runterladen kann, eine Fusion von Alt und Neu also. Selbst ohne diesen Service gibt es Möglichkeiten, Vinyls zu digitalisieren. Das Programm „RIP Vinyl” etwa wandelt Musik von Kassette oder Schallplatte in WAV oder mp3 um.
Finstere Prognose: Die CD wird sterben. Die Zukunft gehört dem völlig losgelösten mp3-Format, das soundtechnisch noch an sich arbeiten wird. Wer es schnell braucht, greift darauf zurück. Liebhaber hingegen, die mehr als einen Quickie wollen, genießen es, ihre Platte langsam von den Hüllen zu befreien, sie sanft hinzulegen, zärtlich mit der Carbonbürste zu streicheln und schließlich die Nadel in der Rille zu versenken. Den Majorlabels, die auf Mainstream statt Klasse angewiesen sind, wird das wehtun. Alle anderen blicken trotz Apokalypse noch immer in eine klangvolle Zukunft.

Autor: 
Eva Szulkowski und Dorothée Arneth
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