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"Es geht nicht um Siege, sondern um Hindernisse" (STUZ 93, Sep 07)

Egal ob Blumenbeete, Parkbänke oder Straßenmauern: Auf seinem Weg durch Mainz kann Adrian nichts stoppen. Denn der Student läuft Parkour – und funktioniert dabei die Stadt zu seinem ganz eigenen Spielplatz um.

 

Adrian atmet tief ein und aus, konzentriert, den Blick nach vorne gerichtet. Ein dünner Schweißfilm bedeckt seine Stirn, die Anstrengung des Laufens, doch Adrian bemerkt dies nicht. Da sind nur er und die circa zwei Meter hohe Wand in wenigen Metern Entfernung. Noch einmal tief Luft holen, noch einmal Tempo machen... und Absprung! Einen Augenblick später hängt Adrian senkrecht an der Wand und zieht sich in Sekundenbruchteilen an ihr hoch, um einen Moment später elegant und sicher auf der anderen Seite der Mauer auf dem Boden zu landen.
Der 24-jährige läuft „Parkour“ in den Straßen von Mainz, eine Trendsportart, die ihren Ursprung in Frankreich hat und bei der nach dem Willen des französischen Parkour-Pioniers und -Erfinders David Belle die Kunst der Fortbewegung im Mittelpunkt steht. „Es geht nicht darum, irgendwen mit irgendwelchen abgefahrenen Stunts zu beeindrucken und das eigene Leben damit womöglich noch zu gefährden“, so Adrian. Diese Tatsache ist dem Studenten wichtig. Viel mehr gehe es darum, sich die Stadt als öffentlichen Raum mit all seinen Hindernissen zum persönlichen Spielplatz zu machen. Ob Mauern, Wände, Bänke, Blumenbeete oder Häuserfassaden – kein Hindernis kann der Philosophie nach nicht überwunden werden. Der Weg ist dabei mit all seinen Hindernissen das Ziel. Ein Spiel, dem allein der eigene Körper und die eigene Kraft als Grenzen gesetzt sind.
Bei Adrian fing alles mit dem Internet an, wo er irgendwann ein paar Clips von französischen Kids sah, die wie wild über alle möglichen Hindernisse sprangen. Adrian war begeistert, knüpfte spontan online Kontakte nach Frankreich und informierte sich zunächst über die Theorie und die Philosophie des Sports, bevor er mit dem Training begann. Die praktische Umsetzung der Grundschritte wie die des so genannten Katzensprungs oder eines „Demi-Tours“, einer halbe Drehung, brachte ihm ein fortgeschrittener Trasseur bei, wie die Parkour-Sportler sich untereinander nennen.
„Parkour verlangt einem viel ab, es geht nicht ohne eine gute Fitness, die nötige Kondition, hartes Training und strenge Disziplin. Man muss außerdem Respekt haben, vor jedem Hindernis, auch wenn dies noch so klein sein mag“, so Adrian. Dafür gebe ihm der Sport aber auch viel zurück. Er schätze die Freiheiten des Parkour-Laufens, die Selbstbestimmtheit und die Tatsache, sich nach seinen eigenen Regeln austoben zu können, wann immer und wo immer er wolle, abseits jeglichen Drucks, gewinnen zu müssen. Denn auch das ist eine Besonderheit des Parkour-Laufens: Es geht nicht um den Wettbewerb, um einen Sieg. Das individuelle Können und die ganz eigene Auseinandersetzung mit den Hindernissen zählen.
Momentan ist Adrian mit seiner Kunst der Fortbewegung auch in der Mainzer Region noch ein Exot, die Sportart findet abseits von offiziellen Organisationen und Verbänden noch im Untergrund statt, obwohl die Medien längst auf sie aufmerksam geworden sind. Adrian fürchtet jedoch eine weitgehende Popularisierung des Sports. Er hat Angst davor, dass der eigentliche Kern des Spiels verloren gehen und die Sportart von zu vielen leichtsinnig als Akt der Profilierung missverstanden werden könnte. So betont der 24-Jährige immer wieder die Bedeutung des Grundgedankens, der hinter dem Parkourlaufen steht.
Doch letztlich, während Adrian die Schnürsenkel seiner Sportschuhe festzurrt und seine Arme ein letztes Mal ausschüttelt, gibt auch er zu: „All diese Punkte sind sehr wichtig und bedeuten die Grundphilosophie des Parkour-Laufens. Aber vielleicht spielt auch ein bisschen Eitelkeit und ein gewisser Kick eine Rolle.“ Dann setzt er seine Kapuze auf, atmet einmal tief ein und läuft los, das nächste Hindernis bereits fest im Blickfeld.

Autor: 
Esther Göbel
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