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Sensation! Hund baut Weltwunder! (STUZ 61, Okt. 04)

Seit fünf Jahren belagert ein seltsamer Comic die STUZ. Nun ist es an der Zeit, die Protagonisten dieses kruden Treibens vorzustellen. Zeichner Uwe Neitzel stellte sich im Interview gar nicht so sehr als Kopf dieser subversiven Truppe heraus. Vielmehr zeigen sich Bauarbeiter Jim und sein Freund Hundi, der sogar den Doktortitel besitzt, als Köpfe im Hintergrund.

 

Herr Neitzel, wie haben sie Jim und Hundi kennen gelernt?

 

Neitzel: Ich kannte Hundi durch meinen Vater schon lange vor seiner Zeit bei Bauarbeiter Jim. Wir verloren uns aber aus den  Augen, da er ja auch viel im Ausland unterwegs war. Eines Tages standen die beiden dann bei mir vor der Tür mit einem großen Stapel Hefte, in denen Jim seine Erlebnisse aufgeschrieben hatte.

 

Jim: Hundi hat mir Neitzel als Zeichner empfohlen. Wir hatten all diese Abenteuer erlebt und ich war der Meinung wir sollten unsere Geschichten veröffentlichen. Zuerst sollte es ja ein Buch werden, aber ich mag Comics lieber. Anfangs war ich etwas skeptisch wegen Neitzels unmöglichem Zeichenstil…

 

Hundi: Uwe hatte einfach eine Chance verdient. Inzwischen zeichnet er auch ganz ordentlich, wie ich finde.

 

Neitzel: Danke.

 

Hundi: Ich muss jedoch anmerken, dass ich meine Person für nicht besonders gut getroffen halte. Auch das klischeehafte Wesen des treuen Baustellenhundes steht mir eigentlich nicht.

 

Neitzel: Naja, aber so erzählt mir Jim die Geschichten eben.

 

Bauarbeiter Jim, was halten sie von Neitzels Filmen?

 

Jim: Der Film mit den Pferden gefällt mir ganz gut. Ich freue mich, daß der Junge damit endlich ein bisschen Erfolg hat. Früher wollte den Murks ja überhaupt niemand sehen.

 

Hundi: Seine Musik ist weit ärgerlicher.

 

Neitzel: Ich fürchte, die beiden sind manchmal ein wenig eifersüchtig auf meine anderen Projekte. Sie haben wahrscheinlich Angst, ich vernachlässige ihre Geschichten.

 

Jim: Pass bloß auf Jungchen! Sonst müssen wir uns nach einem neuen Zeichner umsehen.

 

Schon lange hört man Gerüchte über einen Sammelband mit Bauarbeiter Jims und Hundis Abenteuern. Wann gibt es das Werk zu sehen?

 

Jim: Wenn der feine Herr sich auf die wichtigen Dinge im Leben konzentrieren könnte, wäre das Heft schon lange fertig.

 

Neitzel: In dem Sammelband gibt es eine 18 Seiten lange neue Geschichte mit vielen wilden Tieren und anderen gefährlichen Feinden; recht aufwendig gezeichnet. Das hat natürlich seine Zeit gedauert. Aber das Album ist so gut wie fertig und erscheint noch diesen Herbst. Es wird auch eine große Release-Party in Mainz geben.

 

Hundi: Womöglich mit Musik.

 

Neitzel: Ja, genau.

 

Hundi, sie haben vorhin die Darstellung ihrer Person in den Bauarbeiter Jim Geschichten beklagt. Was für ein Hund sind sie wirklich?

 

Hundi: Ich denke die vollständige Geschichte meiner Herkunft würde hier zu weit führen. Ich möchte nur bemerken, dass allein dem Wohlklang des Titels unserer Abenteuer zuliebe meinen Doktortitel verheimlicht haben. Auch viele meiner durchaus geistreichen Anmerkungen und Zitate, die mir während unserer abenteuerlichen Unternehmungen über die Lippen kamen, bleiben in der nunmehr auf Papier gebannten Version gänzlich unerwähnt.

 

Jim: Ich mag den Hundi wirklich. Aber dieses Gerede wäre einfach zuviel für eine ordentliche Comicstory. Die Schrift ist ja schon kompliziert genug.

 

Neitzel: Wir fanden „…und sein Freund Dr. Hundi“ klingt irgendwie seltsam. Es sollte kein „Schlaubi-Hund“ sein in den Geschichten. Deshalb ist er als Freund Hundi eben ein bisschen einfacher gestrikkt als der echte Dr. Hundi. Hundi: So hab ich mir das vorgestellt, einfach nur runter putzen. Ich habe die Sache nicht angefangen, um als tumber Straßenköter mit dem Schwanz zu wedeln. Mich nerven die Klischees, aber das scheint heute ja ein Muss zu sein. Ich empfinde das als eine Art Faschismus gegenüber der Kraft des Kreativen.

 

Doktor Hundi, entnehme ich Ihrer Stellungnahme etwa Kulturkritik?

 

Hundi: Hören Sie, sie reden hier nicht mit Micky Mouse oder diesem senilen Goofy. Die Eigendefinition unserer Existenz als Comicfiguren halte ich schon lange für sklavischen Positivismus. Das so genannte ungeschriebene Gesetz sagt: Es darf nichts selbst existieren, außer es ist sterblich, und ich sage lieber, lasst uns sterblich sein und dafür selbst existieren!

 

Aber sie sind doch nur eine Figur?

 

Hundi: Nein wir sind real, echt, anfassbar und keineswegs ohne Eigenleben. Und ich behaupte, die gesamte Menschheit ist eine Fiktion! Zu belanglos, sehen doch alle gleich aus. Und die paar Geistesblitze, die sie über ihr Niveau hinaus gebracht haben, verdanken sie uns. In unserer Welt seid ihr die Figuren, mit denen wir spielen. Ihr seid sterblich und nur deswegen erträglich. Das habt ihr uns zweifelsfrei voraus, das absolut Ungewisse. Wir können höchstens auf Vergessenheit spekulieren.

 

Das klingt kryptisch, können Sie mir das genauer erklären?

 

Hundi: Aber natürlich. Die Pyramiden, Albrecht Dürers Bilder, Max und Moritz... Alles auf meinem Mist gewachsen.

 

Wollen Sie behaupten die Pyramiden gebaut zu haben?

 

Jim: Die Pyramiden waren eigentlich meine Idee, wie du dich sicher noch erinnerst, Hundi. Schließlich bin ich leidenschaftlicher Bauarbeiter.

 

Hundi: Von mir aus, aber berechnet hab ich sie. Zunächst wollten wir eigentlich die Tetraeder von Gizeh bauen, das war uns dann aber doch zu kompliziert. Außerdem kamen uns dauernd Asterix, Obelix und die Ägypter in die Quere, die sich das unbedingt selbst anheften wollten.

 

Unfassbar. Ich kann es kaum glauben. Herr Neitzel können Sie das bitte erklären?

 

Neitzel: Mit den Pyramiden hab ich aber nichts zu tun…

 

Hundi: Ägypter, Phönizier, Griechen, Römer und so weiter. Michelangelo bat ich um die Erfindung des Hubschraubers, also die Umsetzung in den menschlichen Realismus. Hätte auch geklappt, aber Jesus war dagegen.

 

Jesus?

 

Hundi: Ja, Jesus. Er meinte damals: „Nö du, lass das mal noch ne Weile warten und dann erledigt das der Daniel Düsentrieb.“

 

Aber Jesus ist doch der Sohn Gottes?

 

Hundi: Stimmt, und das lässt er auch nur zu gerne raushängen, aber das ist eine ganz andere Geschichte. Ich hab gerade zufällig ein Polaroid von Ihm dabei, wollen Sie es mal sehen?

 

Ach, das ist Jesus, ich dachte der hätte lange Haare.

 

Neitzel: Moment mal, den kenn ich doch…

 

Jim: Hundi, Neitzel! Das geht wirklich zu weit. Wir waren uns einig, gewisse Dinge für uns zu behalten, um uns hier rollenkonform präsentieren zu können. Denkt doch an unsere Mission!

 

Hundi: Ertis sicut deus scientes bonum etmalum – was soll’s also…

 

Meine Herren, ich danke Ihnen für dieses aufschlussreiche Gespräch.

Autor: 
Calpo Salmrohr
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