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Täter unerkannt enkommen (STUZ 76, Feb. 06)

Sexuelle Gewalt gegen Frauen ist ein Thema, das nie an Aktualität verliert. Der Mainzer Uni-Campus gilt zwar als relativ sicher, trotzdem kommt es auch hier immer wieder zu Belästigungen und Übergriffen. Die Psychotherapeutische Beratungsstelle der Uni steht den Opfern zur Seite.

 

Im Auftrag des Mainzer Uni-Präsidenten Jörg Michaelis wurde im November 2003 an alle Studierenden und Mitarbeiter folgende E-Mail versandt: „Innerhalb des Campus-Bereichs kam es aktuell zu einer sehr ernstzunehmenden Bedrohung der körperlichen und sexuellen Integrität einer Beschäftigten. Der Angriff erfolgte in einem öffentlich zugänglichen Gebäudebereich und unter Einsatz großer Gewalt. Der Täter konnte unerkannt entkommen.“
Trotz Vorfällen wie diesem gilt die Situation auf dem Uni-Gelände als nicht besonders gefährlich. „Aber jeder weiß zum Beispiel, wann die Muschelpartys sind, und da sollte man als junge Frau dann auch nicht nachts alleine nach Hause laufen“, rät die Mainzer Kriminalhauptkommissarin Ines Rose.  Denn Spanner oder Exhibitionisten tauchen immer wieder auf dem Campus auf. „Vor ein, zwei Jahren hat etwa ein Student immer wieder auf dieselbe Art versucht, Frauen zu küssen oder zu betatschen“, erinnert sich Rose, die im Kommissariat 2 beschäftigt ist, das sich mit Gewalt gegen Frauen und Kinder und Sexualdelikten befasst.
2004 kam es nahe beim Campus zu einem solchen Sexualdelikt. Eine Angestellte der Universität wurde auf dem Nachhauseweg das Opfer einer Vergewaltigung. „Wenn man merkt, dass man verfolgt wird, muss man so früh wie möglich versuchen, auf sich aufmerksam zu machen, am besten durch Schreien“, rät Rose. „Auch Wehren bringt etwas, wenn man körperlich angegangen wird. Nur wenn einer eine Waffe hat, dann hat man eigentlich keine Chance.“ Davon, sich selbst eine Waffe zu kaufen, rät die Mainzer Polizistin jedoch ab. „Ich bin eher dafür, sich im Waffengeschäft einen Schrillalarm anzuschaffen. Der Alarm ist schon für unter zehn Euro erhältlich.“ Für weitere Informationen bietet das Kommissariat 2 am 3. Mai von 10:00 Uhr bis 12:00 Uhr eine Veranstaltung im Polizeipräsidium Mainz an. Interessierte Frauen können sich noch bis zum 5. April über das Frauenbüro der Universität Mainz anmelden.
Auch Rainer Even vom Zentralen Dienst der Uni für Sicherheit auf dem Campus gibt Entwarnung: „Zwischen 22:00 Uhr und 6:00 Uhr fährt mindestens ein Wachmann das Gelände ab, der in Verbindung zur Hauptpforte steht. Bei einer verdächtigen Wahrnehmung sollte man nicht zögern, die Hauptpforte telefonisch zu verständigen. Der Wachmann ist dann binnen fünf Minuten zur Stelle.“
Obwohl die Sicherheitslage also als nicht bedenklich eingestuft wird, gibt es doch einige Studentinnen, die sich gerade aufgrund der stellenweise unzureichenden Beleuchtung an der Uni unsicher fühlen. Pedell Heinz Müller erinnert sich, dass die Beleuchtung vor circa sieben Jahren für 200.000 DM erweitert wurde. „Entsprechend dem Bedarf werden wir auch künftig neue Beleuchtung anbringen.“ Dass dieser Bedarf vielleicht schon vorhanden ist, macht die nebenstehende Umfrage deutlich.

Anlaufstelle an der Uni hilft den Opfern
Etwa sechs Frauen pro Jahr kommen in die Psychotherapeutische Beratungsstelle der Uni Mainz, weil sie Opfer sexueller Gewalt und Übergriffe geworden sind.  Durch den Faktor der Dunkelziffer und die weiteren Anlaufstellen für betroffene Studentinnen – wie etwa Praxen für Psychotherapie oder Netzwerke für Hilfesuchende – lässt diese Zahl allerdings nicht auf die Sicherheitslage für Mainzer Studentinnen auf dem Campus schließen.
Die Tatsache, dass sich Studentinnen mit diesem Thema konfrontiert sehen, ist jedoch Anlass genug, über die Arbeit der Psychotherapeutischen Beratungsstelle zu berichten. „Die Beratungsstelle steht jedem Studenten offen“, sagt Prof. Dr. Ursula Luka-Krausgrill, die Leiterin der Einrichtung. „Wir helfen unter anderem bei der Verbesserung studienrelevanter Kompetenzen und der Überwindung von Hemmnissen, wie zum Beispiel Prüfungsangst.“  Aber auch Studentinnen, die unter der Erfahrung eines sexuellen Missbrauchs oder einer Vergewaltigung leiden, finden hier Hilfe.  „Jeder Fall ist anders“, sagt Luka-Krausgrill, „doch die oft beträchtlichen Auswirkungen eines sexuellen Übergriffes auf die Opfer  ähneln sich.“
Ein Trauma, also ein Ereignis, das nahezu bei jedem tief greifende Verzweiflung auslösen würde, kann in eine so genannte posttraumatische Belastungsstörung  übergehen. Die Psychologin erläutert: „Eine posttraumatische Belastungsstörung beeinträchtigt das Studium auf jeden Fall sehr stark. Es kann beispielsweise sein, dass sich Studentinnen gar nicht mehr auf den Campus trauen.“ Betroffene berichten von wiederkehrenden Erinnerungsbruchstücken, die durch Schlüsselreize hervorgerufen werden oder in Alpträumen auftauchen. Um sich von der Erinnerung zu distanzieren, werden bestimmte Orte und Aktivitäten, aber auch Gefühle und Gedanken vermieden. Typisch sind auch ein Gefühl der Taubheit und ein Entfremdungsgefühl gegenüber den „Normalen“, also allen nicht traumatisierten Personen. Diese Probleme können oft nur mit viel Anteilnahme und kompetenter Unterstützung abgebaut werden. „Die Erfolgsprognosen bei uns in der Beratungsstelle sind allerdings sehr gut. Diejenigen, die hierher kommen, haben schon einen ganz wichtigen Schritt getan.“  Doch viele Betroffene fürchten eine starke Belastung durch die Erinnerung an das Geschehen. „Das Schildern der Erinnerung ist jedoch unumgänglich, um ihr den richtigen Platz zuzuweisen“, so Luka-Krausgrill. Sie veranschaulicht dieses Therapieziel mit einem Schrank, der mit  einem großen, unüberschaubaren Durcheinander angefüllt ist und aufgeräumt werden muss. Dies kann nur gelingen, wenn jede Schublade geleert und ihr Inhalt bewusst erfasst wird. Die Traumatisierung darf dabei nicht verharmlost werden, doch ebenso wenig darf man sie aufblähen. „Dann macht die Betroffene die Erfahrung, dass sich mit dem Erlebten leben lässt. Aus einem lähmend schweren Paket kann ein transportables Päckchen werden.“

Autor: 
Nathalie Klemm und Marius Wendling
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