Anzeige

Die Straße ist die neue Schiene

Fernbusse bieten seit dem Jahreswechsel günstigen, innerdeutschen Fernverkehr jenseits der Schiene und erfreuen sich gerade bei jüngeren Reisenden großer Beliebtheit.

 

Zwei oder vier Stunden Reisezeit, 65 oder 18 Euro, Bahn oder Bus?  Meike entscheidet sich für ihre Reise von Frankfurt nach Freiburg für den Bus und damit für die doppelte Reisezeit, aber auch für den deutlich geringeren Fahrpreis gegenüber der Bahn. „Hauptausschlaggebend ist natürlich der Preis. Aber auch die Pünktlichkeit der Busse, das freundliche Personal, die moderne Busflotte mit viel Beinfreiheit und die erschwinglichen Bordgetränke haben mich überzeugt.“ Die 25-jährige Studentin erzählt sich in einen kleinen Rausch, bemerkt dann ihre Euphorie und schließt ihre Aufzählung mit dem Satz: „Wie man sieht, ich bin begeistert.“
So wie Meike geht es vielen, gerade jüngeren Menschen. Sie profitieren von der politischen Novellierung des Personenbeförderungsgesetzes  (siehe Hintergrund-Infokasten). Seither drängen diverse private Fernbusunternehmen auf den Markt, die vor allem ein Ziel verfolgen: günstiger sein als die Bahn.
Ein Ziel, das erreicht scheint. Florian Rabe, Pressesprecher bei MeinFernbus,  einem privaten Fernbusunternehmen, berichtet, dass man mit der Auslastung der Busse sehr zufrieden sei, die Busse wirtschaftlich fahren und man mit Hochdruck daran arbeite, dass Netz weiter auszubauen. Aktuell bedient MeinFernbus knapp sechzig Städte in Deutschland, bis zum Jahresende sollen es doppelt so viele sein.
Pünktlich, sicher und umweltfreundlich sei die Fahrt mit dem Fernbus auch noch, sagt Rabe. „Bei mehreren tausend  Fahrten, die in diesem Jahr bereits gefahren wurden, gab es noch keinen ernsthaften Zwischenfall.“ Und er betont, dass die Fahrer, die über lokale Busunternehmen beschäftigt sind, nach den geltenden tariflichen Bestimmungen bezahlt werden.
Wer von Mainz oder Wiesbaden mit dem Bus durch Deutschland reisen möchte, muss derzeit noch den Umweg über Frankfurt in Kauf nehmen. In Mainz bietet lediglich das Busunternehmen DeLux-Express Fahrten in Richtung Trier an. Wiesbaden ist noch gar nicht ans Fernbusnetz angeschlossen. Zumindest in Mainz wird sich die Situation für Reisende im Verlaufe dieses Jahres verbessern. MeinFernbus kündigte bereits an, Mainz in der Netzerweiterung fest eingeplant zu haben.
Doch nicht nur Privatunternehmen rüsten mit Bussen und Fahrern auf. Auch die Bahn, selbst größter Fernbusanbieter für Inlandsreisen, investiert wieder stark in ihr Fernbusnetz und reaktiviert Strecken, die vor Jahren wegen Unwirtschaftlichkeit eingestellt wurden. So will die Bahntochter BerlinLinienBus die Strecke Hamburg-Köln ab dem Sommer viermal täglich bedienen.

 

Hochmoderne Busse, veraltete Infrastruktur
Wie sehr das Fernbuskonzept in den Kinderschuhen steckt, bemerken vor allem Reisende, die von der Bahn auf den Bus umsteigen und große Bahnhöfe sowie kurze Wege gewohnt sind. Zwar werben die unterschiedlichen Busunternehmen mit modernen Flotten, doch die Kunst besteht in vielen Städten schon darin, die Busse überhaupt zu finden. Die örtlichen Gegebenheiten sind oftmals noch überhaupt nicht auf den Fernbus ausgelegt. So kann die Suche nach der nicht überdachten Fernbushaltestelle am Frankfurter Hauptbahnhof zu einer Entdeckungstour werden. Elektronische Zielanzeiger oder Service Points sucht man vielerorts ebenfalls vergeblich.
Wer auf der Fahrt sein Fahrrad mitnehmen möchte, kann auf einzelnen Verbindungen Glück haben. Wer jedoch seinen Hund mitnehmen möchte, hat im Bus gänzlich Pech gehabt, muss auf die nicht gerade hundefreundliche Bahn ausweichen oder gänzlich andere Alternativen suchen.

 

Der Preis macht die Musik
Die Stimmung der Reisenden, die wir im und rund um die Fernbusse aufgreifen, ist, ganz im Gegensatz zu der von Bahnkunden, fast durchweg positiv (siehe Umfrage nächste Seite). Gerade junge Menschen mit limitiertem Reisebudget zählen auf den Bus und sind zum Wohle des Geldbeutels auch bereit, Abstriche beim Fahrkomfort zu machen. Die schlagen sich in erster Linie in der deutlich längeren Reisezeit nieder. Maria etwa fährt für zehn Euro von Bochum nach Stuttgart und freut sich nach einer langen Fahrt durchs Ruhrgebiet auch noch über den zweistündigen Aufenthalt in Frankfurt. „Die Zeit kann man doch für eine Stadtbesichtigung nutzen“,  freut sie sich. Was der Bahnkunde in der Regel als lästige Wartezeit wahrnimmt, ist für Fernbuskunden also Freizeit. Samuel (29), den wir ebenfalls in Frankfurt an der Bushaltestelle treffen, erzählt von seiner letzten Fahrt von Leipzig in die Bankenmetropole, die er inmitten einer Fußballmannschaft auf Abschlussfahrt verbrachte. Bietet die Bahn in diesen Fällen noch die Möglichkeit des Abteilwechsels, gilt es im Bus, die fünfeinhalb Stunden auszusitzen. „Fernbusfahren ist eben immer ein bisschen Roulette“, sagt Johannes (27) der bisher nur gute Erfahrungen gemacht, aber auch schon Negatives von Freunden und Bekannten gehört hat, etwa von nicht möglichen Sitzplatzreservierungen und wüstem Gedränge an den Türen. Dafür aber auch zu einem schier unschlagbaren Preis.

 

HINTERGRUND
Durch den Wegfall der Monopolstellung  der Deutschen Bahn im Personenbeförderungsgesetz können seit dem 1. Januar 2013 auf innerdeutschen Strecken auch Fernbusverbindungen angeboten werden. Bis dato lag das Beförderungsmonopol im nationalen Fernverkehr bis auf wenige Ausnahmen bei der Bahn. Fernbuslinien wurden zum Schutz des bundeseigenen Unternehmens grundsätzlich nicht genehmigt. Die wenigen, bis dahin bestehenden Fernbusverbindungen konnten nur mit juristischen Kniffen angeboten werden. Konkret bedeutete dies, keinen genehmigungspflichtigen Linienverkehr, sondern spontane Gelegenheitsfahrten anzubieten. Hierzu konnten potentielle Reisende beispielsweise auf der Internetpräsenz von deinbus.de Interesse an einer Verbindung anmelden. Fanden sich innerhalb der nächsten Tage genug Mitreisende, führte deinbus.de die innerdeutsche Fahrt mit einem Fernbus durch. Gegen diese Gelegenheitsfahrten klagte die Deutsche Bahn letztlich erfolglos.

Autor: 
Daniel Roth
Ressort:
Reise / Themen
Facebook:
Artikel bewerten:

Dies bewerten

Eigene Bewertung: Keine Durchschnitt: 2 (1 Bewertung)

Flattr

Galerie: 
Joana hofft auf dem Weg nach Köln eine Mütze Schlaf tanken zu können.
Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin!
Als Student muss Tobias sehen wo er bleibt und hat sich nach günstigen Möglichkeiten nach Stuttgart zu reisen informiert.
Für Koffer ist natürlich auch Platz. Wer sein Fahrrad mitnehmen will hat auf manchen Strecken auch Glück.
Maria kanns kaum erwarten mit dem Bus nach Stuttgart zu düsen.
Auch Lukas testet die günstige Alternative zur Bahn.
Karid fährt zum ersten Mal mit dem Fernbus. Er erwartet eine wesentlich angenehmere Fahrt als in überfüllten Zügen.