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„Hier befiehlt das Volk, und die Regierung gehorcht“

So steht es am Eingang zu jedem autonomen Regierungssitz der Zapatisten. Marina Schilling war im Sommer für zwei Monate in Chiapas, Mexiko und hatte die Gelegenheit, die Organisation in zwei verschiedenen Gemeinden aus der Nähe kennenzulernen.

 

Bekannt geworden sind die Frauen und Männer, die mit Sturmhauben oder roten Tüchern ihr Gesicht verbergen, durch ihren bewaffneten Aufstand Mitte der Neunziger Jahre, als sie für die Rechte der indigenen Bevölkerung (also der Ureinwohner) Mexikos die Stimme erhoben. Weil sie in den darauffolgenden Verhandlungen mit der mexikanischen Regierung immer wieder enttäuscht und hintergangen wurden, haben sich die Zapatisten vom Staat unabhängig gemacht und autonom organisiert. Sie haben nach dem Prinzip der Basisdemokratie fünf eigene Regionalregierungen geformt, Schulen und ein Krankhaus gebaut.

Aber der Kampf ist nicht leicht. Der Zapatismus ist der mexikanischen Regierung  ein Dorn im Auge. Um ihn zu beseitigen, setzt sie auf eine Doppelstrategie: Neben Hilfsprogrammen, mit denen sie die Familien aus der Organisation „herauskaufen“ will, schüchtert sie die Mitglieder gezielt durch unberechtigte Verhaftungen ein oder hetzt benachbarte Familien auf, um die Dorfgemeinschaften zu entzweien. Selten kommen Waffen zum Einsatz, aber der psychische Druck zermürbt die Menschen. Hier konnte Marina Schilling ein wenig Unterstützung leisten. Sie war als Menschenrechtsbeobachterin vor Ort. Zusammen mit dem Menschenrechtszentrum FrayBa in San Cristóbal de las Casas, Chiapas laden die Zapatisten internationale Beobachter ein, damit das inakzeptable Verhalten der Regierung nicht ungesehen bleibt. „Die internationale Öffentlichkeit wirkt wie eine Art Schutzschild für die Menschen“, erklärt Schilling. „Es ist bewegend zu sehen, mit welcher Kraft die Familien kämpfen, um ihren Traum von der Selbstbestimmung zu verteidigen.“ Dies erlebte sie hautnah mit, als sie mit einer Familie Haus und Hof geteilte. Dabei hat sie auf Feuer gekocht, Tortillas gebacken und war sogar einmal zur Bohnenernte mit auf dem Feld. Es war eine ganz besondere Art zu reisen – so nah kann man sonst nicht die Lebenswirklichkeit der indigenen Landbevölkerung erleben und außerdem noch etwas Nützlicheres tun, als nur Geld in der Region auszugeben. Geld spielt bei den Zapatisten eine eher unterordnete Rolle. Sie leben weitestgehend von dem Anbau von Mais und Bohnen, Kürbis und anderem Gemüse. Aus diesem Grund ist die Landfrage von so großer Bedeutung und die immer wieder stattfindenden Vertreibungen oder Umsiedlungen ganzer Gemeinden besonders schlimm.

„Ich habe ganz viel von dem Aufenthalt mitgenommen. Man lernt Mexiko als Land ganz anders kennen und ist sehr inspiriert von der Überzeugung, mit der die Menschen dort an ihre Sache glauben.  An diesem Mut, die Dinge nicht als gegeben hinzunehmen, sondern selbst zu gestalten, ihre Utopie zu leben, sollten wir uns ein Beispiel nehmen.“
Und jetzt? Jetzt will Marina Schilling möglichst vielen Leuten von ihren Erlebnissen und der Situation der Menschen vor Ort erzählen. Dazu gibt sie Zeitungsinterviews und hält Fotovorträge. Der nächste findet am Mittwoch, 23.1. um 19 Uhr im Nelly‘s in der Neustadt statt. „Vielleicht kann ich ja jemanden begeistern, auch Menschenrechtsbeobachter zu werden“,  hofft sie. Dazu wendet man sich in Deutschland an Carea, eine ehrenamtliche Organisation, die die
Beobachter auf den Aufenthalt in den zapatistischen Gemeinden vorbereitet (siehe Infokasten).  
Aber auch ohne Menschenrechtsbeobachter vor Ort zu werden, kann man sich von Deutschland aus solidarisch mit der Bewegung zeigen, indem man sich informiert hält, an Unterschriftenaktionen im Internet teilnimmt oder zapatistischen Kaffee kauft (z.B. www.cafe-libertad.de).

Autor: 
Marina Schilling
Ressort:
Reise / Themen
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Galerie: 
In kleinen Dörfern lebt die indigene Bevölkerung. Als Zapatisten kämpfen Sie für ihre Rechte.
Um ihre Identität zu schützen und als ihr Markenzeichen verbergen Sie ihr Gesicht mit einer Sturmhaube oder einem roten Halstuch
Die 4 Volksgruppen, sind Nachfahren der Maya. Nach ihrer Schöpfungsgeschichte sind die Maya „Menschen aus Mais“.
Seid solidarisch indem Ihr zapatistischen Kaffee kauft.
In der Mitte die bekannteste Figur des Zapatismus, Subcomandante Marcos.
„Gerechtigkeit“, „Demokratie“, „Bildung“, „Gesundheit“. Die wichtigsten Forderungen der Zapatisten gegenüber dem Staat.
„Land und Freiheit“: Das Recht ihr Land selbstbestimmt zu bestellen ist die wichtigste Motivation für den Kampf der Zapatisten.
Mais ist das Grundnahrungsmittel in Chiapas. Lebensmittelsouveränität bedeutet für sie, von dem zu leben, was sie selbst anbauen
Mexikanische Maiskolben gibt es in verschiedenen Farbschattierungen.
Das vom Staat unabhängige Bildungssystem der Zapatisten lehrt die Kinder die Hintergründe und die Geschichte des Kampfes.
Das zentrale Anliegen der Menschenrechtszentren ist öffentliche Aufmerksamkeit für das Verhalten der Regierung.
Der Regenbogen als Brücke zwischen den Zapatisten und der Welt: Austausch mit internationalen Gruppen ist der Bewegung wichtig.
Links die Flagge der zapatistischen Befreiungsarmee EZLN. Rechts die mexikanische Nationalflagge.
Die Bevölkerung kocht in einem separaten Küchengebäude auf Feuer. Auf einer Eisenplatte werden die typischen Tortillas gebacken.
Die Errichtung dieser Schule vor 2 Jahren ließ den Konflikt zwischen Zapatisten und Parteianhängern in der Gemeinde eskalieren.
Durch die Anwesenheit von internationalen Beobachtern halten sich Aggressoren zurück und die Menschen fühlen sich etwas sicherer
Zweites Grundnahrungsmittel sind Bohnen, die mit Mais und Kürbis gemeinsam auf der sogenannten Milpa angebaut werden.
Die Bohnen werden aus der Schale genommen und können das ganze Jahr gelagert werden.
Zwei Mal habe ich für 2 Wochen in einer zapatistischen Gemeinde gelebt und den Alltag der Menschen aus der Nähe kennen gelernt.