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Pia in Granada – die STUZ-Kolumne aus dem sonnigen Süden.

 

„Zeig deinen Unmut!“ Für die junge Bevölkerung Spaniens hat die Revolution begonnen. Ausgang ungewiss, aber die Spanier sind mit Herzblut dabei.

Seit dem 15. Mai ist die seit wenigen Monaten existierende Bewegung „Democracia real ya“ (echte Demokratie jetzt) in aller Munde. An diesem Tag wurde in gut fünfzig Städten Spaniens zu Demonstrationen aufgerufen. Und die Beteiligung war enorm. Schon an diesem Tag war unübersehbar, wie viel Energie die Spanier in die Bewegung und ihre Ziele stecken, es wurde getrommelt und getanzt – trotzdem verlief hier in Granada alles unchaotisch und ohne größere Probleme mit der Polizei, obwohl tausende Teilnehmer sich zusammengefunden hatten.

Eine Jugendarbeitslosigkeit von fast 50 Prozent, die Anhebung des Rentenalters auf 67 und deutliche Kürzungen der Sozialleistungen und Bildungsförderung sind einige Fakten, die die neu gegründete Organisation so nicht hinnehmen will: „Esta crisis, no lo pagamos!“ (Diese Krise bezahlen wir nicht!). Die Kluft zwischen Politik und Volk ist hier einfach zu groß geworden.

Um möglichst viele Menschen zur gemeinsamen Diskussion und Lösungsfindung zu bewegen, werden in vielen Städten Versammlungen gebildet, hier in Granada auf dem Rathausplatz. Seit ungefähr einer Woche ist dieser Platz belagert, und obwohl am letzten Wochenende ein landesweites Versammlungsverbot herrschte, um einer Gefährdung der Kommunalwahlen vorzubeugen, schritt die Polizei nicht gegen die – natürlich – weiter andauernden Belagerungen ein. Dazu gibt es auch keinen Grund: Alles verläuft überaus friedlich, die Versammlungsteilnehmer selbst weisen immer wieder deutlich darauf hin, dass nur ein gewaltloser Protest etwas ausrichten kann. Bei den Wahlen am vergangenen Sonntag wurde zum Nullvotum aufgerufen, um so den beiden großen Parteien Spaniens das Misstrauen der jungen Generation deutlich zu machen. Und auch nach den Wahlen dauern die Versammlungen an. Auf den Plätzen gibt es Informationsstände, Essensausgaben, Workshops und Arbeitsgruppen zu Themen wie Wirtschaft und Ökonomie, sogar eine Spielecke für Kinder wurde aufgebaut. Den Mittag über wird aufgeräumt und gegessen, die Tagesordnung festgelegt. Ab dem frühen Abend wird dann in der großen Versammlung das Mikrofon herumgereicht: Jeder darf hier seine Meinung und Vorschläge äußern, wie weiter vorgegangen werden kann, um die derzeitige Situation insbesondere der jungen Bevölkerung zu verbessern. Wer nicht zum Rathausplatz kommt, dem steht die Beteiligung im Internet offen: Es wird getwittert und auch auf Facebook ist inzwischen eine eigene Seite zur Diskussion eingerichtet.

Noch bis zum 12. Juni sollen die Versammlungen andauern, die bisher hier in Granada täglich mehrere hundert Menschen angezogen haben.

Ich ziehe den Hut vor den Spaniern, die hier wirklich eine friedliche, top- organisierte und hoffentlich am Ende auch effektive Bewegung ins Leben gerufen haben. Eins ist schon mal klar: Unbemerkt wird ihr Unmut gegenüber der spanischen Politik nicht bleiben.
 

Autor: 
Pia Ditscher
Ressort:
Reise / Serien
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Galerie: 
"Die Veränderung hat begonnen. Wir hören nicht auf, bis wir unsere Rechte bekommen!"
Die Demo am 15. Mai.
Versammlung in Granada.