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(K)eine Fahrradstadt

An der Fahrradpolitik der Stadt scheiden sich die Geister.

 

Bewegt man sich dieser Tage durch Mainz – man könnte schnell den Eindruck gewinnen, die Stadt sei ein wahres Mekka für Fahrradfahrer: Zu den ohnehin zahlreich vorhandenen Pedalisten gesellen sich seit einigen Monaten die melonengelben Räder des Fahrradvermietsystems „MeinRad“ der Mainzer Verkehrsgesellschaft (MVG). Ob auf dem Campus der Universität, in der Neustadt oder im Bretzenheimer Ortskern: die stabilen Räder sind schon jetzt zum festen Bestandteil des Stadtbildes und zur beliebten Ergänzung des öffentlichen Nahverkehrs geworden.

 

Fahrradvermietsystem boomt

„Wir haben im Juli fast 20.000 Vermietvorgänge erreicht“, erklärt Michael Theurer, Sprecher der MVG, zufrieden: „Das ist deutlich mehr, als wir erwartet haben“. „MVGmeinRad“ sei demnach ein „voller Erfolg“. Ende August gab es bei über 400 Rädern und etwa achtzig Stationen schon 6500 registrierte Nutzer. Nach nur dreieinhalb Monaten, so Theurer, sei man bereits dort, wo „andere Vermietsysteme erst nach einem Jahr“ seien. Allein: es gibt kaum vergleichbare Vermietsysteme in Deutschland. Meist existiert in den Städten nur das von der Deutschen Bahn betriebene „Call a Bike“-System, bei dem man lose in der Stadt verteilte Räder per Handy anwählen und ausleihen kann. Stationsgebundenen und somit gewissermaßen institutionalisierten Zweiradverkehr sucht man in den meisten deutschen Städten vergebens – hier kommt Mainz eine Vorreiterrolle zu.

 

Als Tochtergesellschaft der Stadt investiert die MVG Millionen in ein Fahrradvermietsystem, ist damit ein Pionier in der ganzen Region und zudem auch noch extrem erfolgreich: Ist es da nicht die logische Konsequenz, Mainz als fahrradfreundliche Stadt zu bezeichnen? Mitunter. Einer Studie des Instituts für Soziologie an der Johannes Gutenberg-Universität zufolge beurteilen fünfzig Prozent der rund 250 befragten Mainzer das städtische Radnetz als nicht ausreichend und mit 47,9 Prozent zeigte sich fast die Hälfte der Befragten unzufrieden mit dem Zustand der städtischen Radwege. Hört man sich etwas um in der Stadt, bestätigt sich dieses Bild – die Liste der Unzulänglichkeiten ist lang: Neben maroden Radwegen, die einfach „entwidmet“, also aufgelöst, werden (Hindenburgstraße) und abrupt endenden Strecken (Große Bleiche) steht manch Hauptverkehrsader gar komplett ohne Radweg da (Kaiserstraße). Fast überall trifft man auf unebenen Bodenelag, schlechte Beschilderung und fehlende Abstellmöglichkeiten.

 

Ein Beispiel: Wer auf der Rheinallee aus der Neustadt kommend in Richtung Altstadt unterwegs ist und in die Große Bleiche einbiegt, der muss sich entscheiden: Lieber den holprigen Fußweg benutzen  oder doch eher die vielbefahrene Straße? Einen Radweg gibt es nicht, eine Beschilderung auch nicht. Auf Höhe des Café Blumen erscheint dann plötzlich ein Radweg, nur um ebenso schnell an der nächsten Bushaltestelle wieder zu verschwinden. Egal, was man tut: Sowohl Fußgänger als auch Autofahrer fühlen sich im Recht und schimpfen – und alle sind genervt. Ähnlich schaut es an Knotenpunkten wie dem Münsterplatz und am Hauptbahnhof aus. „Da hab ich regelmäßig Angst, von einem Bus überfahren zu werden“, erzählt eine Studentin. Ein Freund von ihr geriet kürzlich auf dem Weg zum Schillerplatz in die Tramschienen und fiel beinahe zu Boden – einen sicheren Radweg gibt es auch hier nicht: Busse, Trams, Autos und Räder benutzen die selbe Spur.

 

Rücksicht – eine Utopie?

Dieser Umstand, der viele Radfahrer regelmäßig zur Weißglut treibt, gehört zur offiziellen Verkehrsstrategie der Stadt. „Grundsätzlich“, so die Mainzer Verkehrsdezernentin Katrin Eder (Grüne), werde ein „Mitfahren auf der Fahrbahn“ bevorzugt. Benutzungspflichtige Radwege dürften ohnehin nur dann angelegt werden, wenn die Verkehrslage dies zur Sicherheit der Radfahrer erfordere.

 

Wolfgang Stallmann vom ADFC Mainz-Bingen schließt sich dieser Argumentation an. Während sich einer Umfrage des ADFC zufolge rund zwei Drittel der Bundesbürger für den Bau neuer Radwege aussprechen, sieht auch Stallmann die Zukunft in einer gemeinsamer Nutzung von Verkehrsflächen. „Das Argument der gemeinsamen Verkehrsfläche für Auto, Motorrad und Fahrrad“, so der Fahrrad-Lobbyist, sei „kein vorgeschobenes, sondern der Beginn eines Umdenkens“. Weniger Autos müssten langsamer durch die Städte fahren und alle Verkehrsteilnehmer verstärkt Rücksicht aufeinander nehmen.

 

Klingt gut – aber wie lässt sich eine solch utopisch klingende Idee in die Realität umsetzen? Erste Versuche, Tempo-30-Zonen auf städtischen Hauptverkehrsachsen durchzusetzen – wenn auch vorerst nur nachts – werden derzeit bundesweit torpediert. So könnte etwa die Einführung eines nächstlichen Tempolimits auf Hauptstraßen in Frankfurt an der fehlenden Zustimmung des hessischen Verkehrsministers Florian Rentsch (FDP) scheitern. Erst kürzlich hatte dieser angemahnt, dass sich die Städte „nicht selbst lahmlegen“ dürften.

 

Klamme Kassen, kaputte Radwege

Was also tun mit einer radweglosen Straße wie der Kaiserstraße, wo allenthalben die Autos entlang rasen, als befänden sie sich auf einer Autobahn? Eine „Sicherheit der Radfahrer“ besteht auf der gemeinsamen Fahrbahn wohl nicht. „Aufgrund von ganz besonderen Erschließungsfunktionen“, so Verkehsdezernentin Eder, falle der Boulevard in die Zuständigkeit des Landesbetriebes Mobilität (LBM). Eventuelle Maßnahmen müsse dieser genehmigen – und die Maßnahmen wären wohl teuer. „Eine wirklich sinnvolle Anlage eines Radweges in der Kaiserstraße würde eine gänzlich neue Spurenaufteilung voraussetzen“, so Eder. Und „mit geringen Mitteln und ohne große Umbaumaßnahmen“ sei es schwierig „zu einem allseits akzeptierten Entwurf zu gelangen“.

 

Es lässt sich nicht viel tun, denn das Geld ist knapp – so der Tenor der Stadt. Dabei ignoriert Eder die Unzulänglichkeiten nicht: „Aufgrund des leider sehr knappen Budgets“ seien „manche Radwege deutlich in die Jahre gekommen und präsentieren sich leider stellenweise in stark ausbesserungswürdigem Zustand“. Dem stimmt auch Stallmann zu:  Während Mainz der Stadt Wiesbaden „in Sachen Fahrradfreundlichkeit meilenweit voraus“ sei, müsse man auch hier durch „entsprechende Maßnahmen und bauliche Änderungen den Fahrradverkehr attraktiver“ machen.

 

Steigende Benzinpreise, Neuentwicklungen wie Pedelecs und ebensolche Systeme wie „MVGmeinRad“ steigern derzeit das Interesse am Radfahren. Gerade auf Grund des neuen und erfolgreichen Fahrradvermietsystems, so Stallmann, bedürfe „es eines optimalen Wegenetzes, um zügig und gefahrlos mit den Fahrrad voranzukommen“. In diesem Anspruch sieht er „den größten Gewinn des Fahrradverleihprojektes“ für die weitere Entwicklung des Fahrradverkehrs in der Stadt Mainz. Jetzt, so Stallmann, müsse „gehandelt werden“. Und „die Veränderung“, so ist er sich sicher, „beginnt in den Köpfen“.

 

 

Autor: 
Fabian Scheuermann
Ressort:
Magazin
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