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"Ich glaub, ich zieh hier ein ..."

Unsere vier Reisereporter merkten auf ihrem Fastnachtsausflug in die deutschen Partnerstädte von Mainz und Wiesbaden, dass manches Klischee dann eben doch stimmt. Aber auch nicht jedes.

 

“Im Osten haben die Leute schlechter gefärbte Haare!” Theresia muss es wissen. Sie ist in Erfurt geboren und aufgewachsen, studiert aber seit ein paar Jahren in Mainz. Trotzdem: “Erfurt ist einfach schöner. Ich habe Mainz zwar schätzen gelernt, aber Erfurt wurde im Krieg weniger zerstört. Und das merkt man.”

 

Knapp tausend Jahre, nachdem sich der Mainzer Bischof die heutige thüringische Landeshauptstadt einverleibt hatte, schickte die STUZ vier Redakteure in den Sonnenaufgang. Die Partnerstädte galt es zu erkunden, herauszufinden, was das rheinische Mainz-Baden mit Friedrichshain-Kreuzberg, dem niederschlesischen Görlitz und eben Erfurt verbindet.

Bei Erfurt ist das nicht schwer, die Spuren des fürstbischöflichen Einflusses sind – um sich historisch anzunähern – mannigfaltig: Dom, Petersbergzitadelle, selbst einen Obelisken zu Ehren des letzten Mainzer Statthalters Karl Theodor von Dalberg gibt es. Besonders schön und fast wie ein Empfangskomitee: Margit Sponheimer rockte mit ihrem Klassiker „Am Rosenmontag bin ich geboren“ den leeren, dafür aber ordnungsgemäß eingezäunten Erfurter Fischmarkt. Und erinnerte uns an den zweiten Grund unserer Reise, die Flucht vor Fastnacht.

 

Nun ist Erfurt eigentlich eine schöne Stadt, rund um Dom und Krämerbrücke zumindest. Aber der Auftrag wäre nicht erfüllt gewesen, wären wir nicht auch gen Norden gezogen, um die Mainzer Straße zu finden. Das Herz einer der größten Siedlungen des sozialistischen Wohnungsbaus mit waschbetonen Menschensilos – im Osten „die Platte“, im Westen bürokratisch korrekt „Plattenbau“. 50.000 Leute haben in Erfurt-Nord einmal gewohnt, heute sind es deutlich weniger, was seine Folgen hat. Nur ein heruntergekommenes Einkaufszentrum mit Aldi, Bowlingbahn, KiK und Dönerbude ist vom sozialistischen Traum geblieben. (Wie war das bei Brecht: die Revolution frisst ihre … aber lassen wir das). Zum Fressen gern hatte eine Rotte Eingeborener zumindest Matze, der fleißig an einer Tür zog, die gedrückt werden wollte. Mit „der macht doch Abitur“ lagen sie zwar nur zeitlich daneben, aber den Lesern sei verraten: Matze besuchte nur den Grundkurs „Flügeltüren“, es sei ihm also verziehen. Zu unserer Trauer war in der Mainzer Straße die „Bierbar Freundschaft“ schon über den Jordan und wir konnten nicht auf die Städtepartnerschaft anstoßen.

 

Surreales Berlin
Es war also an der Zeit, Erfurt zu verlassen und weiterzuziehen. Am gar nicht mehr so frühen Abend erreichten wir unser zweites Ziel: Den Berliner Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg. Wohl nirgendwo sonst in Deutschland - ach was: Europa - sieht man so viele junge, hippe Leute und so viele kleine, gemütliche, und manchmal auch ziemlich verranzte Bars und Clubs.

 

In einem solchen trafen wir uns mit Thang, Blogger aus Wiesbaden und mittlerweile Kreativer in einer Social-Media-Agentur in Berlin - womit er so ziemlich jedes Klischee bedient, das man über Neu-Berliner haben kann. Aber er führte uns ins Bohnengold in Kreuzberg, ein Lokal mit Tanzfläche aber ohne Putz an den Wänden und Waschbecken in der Toilette. “Ich mag solche Clubs - und die gibt es so in Mainz und Wiesbaden nicht,” begründete Thang die Wahl des Ladens, und wir verstanden in einem Gefühl plötzlicher Liebe zu Bier, Elektrobeats und gewickelten Wollschals in geschlossenen Räumen. Nur an die Kernzeiten des Berliner Tanzvergnügens muss sich der Zugereiste erst gewöhnen: “Neulich war ich bei einer Party, die fing nachts an, der DJ, den ich sehen wollte, legte aber erst irgendwann vormittags auf.” Ins Berghain, dem nicht erst seit Hegemanns Plagiatsroman angesagtesten Club Berlins, stand er schon zweimal vergeblich stundenlang an.  Er wird es nächsten Sonntag gegen 16 Uhr nochmal versuchen. Da sollen die Türsteher wohl gnädiger sein.

 

Ein bisschen surreal wurde der Abend, als wir das Bohnengold wieder verließen, zumindest für einen von uns: Während die anderen drei zur Stärkung in eine Fast Food-Bude einkehrten und anschließend in den kurdischen Szeneschuppen Café Kotti am Kottbusser Tor weiterstolperten, bekam Matze einen Anruf von einer Bekannten. Die saß gar nicht weit entfernt auch in einer Kneipe, und zwar mit seinem ehemaligen Gastschüler aus Australien. Matze und James hatten sich seit über 10 Jahren nicht gesehen und dementsprechend einiges zu bequatschen. Anderthalb Stunden später traf sich die Gruppe wieder - schließlich sollte in der Nacht wenigstens ein paar Stunden geschlafen werden. Nach unserer Abfahrt um 4.32 Uhr machte sich die Müdigkeit trotz literweise Kaffee und Bier langsam bemerkbar. Und am Sonntagmorgen sollte es ja weiter gehen zur dritten Station unserer Tour: Görlitz.

 

Niemand auf den Straßen
In Kreuzberg waren wir an der U-Bahnhaltestelle “Görlitzer Bahnhof” ausgestiegen, und an dieser Station kommen mit Sicherheit zigmal so viele Passagiere vorbei wie am echten Bahnhof von Görlitz. Schließlich ist das Städtchen, das immerhin eine Fachhochschule hat, nicht besonders groß, 55.000 Menschen leben dort. Dass das vor allem Rentner sein sollen, können wir weder bestätigen noch widerlegen: Es war einfach niemand auf den Straßen zu sehen am Sonntag - weder alt noch jung. Görlitz ist die östlichste Stadt Deutschlands, und seine geographische Lage könnte der ernüchternde Grund sein, wieso es Partnerstadt Wiesbadens wurde: “Wiesbaden hat ja eine Partnerstadt in Polen (Wrocław /Breslau; Anm. d. Red.), und auf dem Weg kamen die Verantwortlichen immer an Görlitz vorbei”, erklärte uns Renate Schwarze, von 1990 bis 1994 Bürgermeisterin der Stadt.

 

Wir trafen uns mit ihr im erstbesten (und irgendwie einzigen) Café, das wir im Nieselregen entdeckten, und sie erzählte von der Zeit nach der Wende: “Es war wahnsinnig spannend. Ganz schnell ging dann der Austausch los: Es kamen Leute aus Wiesbaden, die uns unterstützten, und Hilfslieferungen gab es auch. Damals war eine wahnsinnige Spontaneität da, eine Freude am neuen Vorhaben, von dem keiner wusste, in welcher Zeit, mit welchem Ergebnis das enden würde.” Heute sei zwar vieles davon vorbei, aber die Partnerschaft lebe weiter, versicherte sie uns: “Nicht unbedingt offiziell, aber auf Vereins- und persönlicher, auf menschlicher Ebene.”

 

Seien wir ehrlich, wir haben nicht schrecklich viel Mainz und Wiesbaden in ihren Partnerstädten entdeckt. Vielleicht ist das aber auch gut so, denn Frau Schwarze brachte es auf den Punkt: „Was soll es bringen, wenn sich die Bürgermeister die Hände schütteln.“

 

Die Bahnfahrt

Auch wenn es diesmal nicht der Hauptgrund der Reise war, saßen wir wieder einen großen Teil des Wochenendes im Zug. Wie schon bei unserer Tour vor eineinhalb Jahren strengte sich die Deutsche Bahn an und brachte uns fast immer pünktlich ans Ziel. Nur leider scheint man im Unternehmen eine große Liebe für die Sauna entwickelt zu haben, zumindest deuteten die Temperaturen einiger Züge darauf hin.

 

Besonders positiv überraschte dafür der Zug, mit dem wir nach Görlitz fuhren: Die Ostdeutsche Eisenbahngesellschaft (ODEG), die die Strecke zwischen Cottbus und eben Görlitz bedient, versteht wirklich etwas von dem, was sie tut: Getränke werden für vernünftige Preise an den Platz gebracht, jeder Vierer hat eine Steckdose und sogar Tageszeitungen liegen im Zug aus. Dass die Schaffnerin auch noch viel netter war, als die meisten im ehemaligen Staatsunternehmen, versteht sich da von selbst.

 

Aber auch lernen konnten wir einiges auf den langen Zugfahrten: Die Wildecker Herzbuben stammen nicht etwa aus den Alpen, sondern aus Wildeck nahe der hessischthüringischen Grenze, Amerikaner mit Ed Hardy-Hose und Pelzkapuze lesen gerne Philip Roth, in Thüringen steht man auf Heavy Metal-Umlaute in Städtenamen ("Sättelstädt") und Willy Brandt ist sehr beliebt als Namensgeber von ostdeutschen Bahnhofsvorplätzen.

 

Ach ja, die im Zug ausgetragene Maumau-Meisterschaft sicherte sich Lars Reusch.

Autor: 
Marius Meiß, Lars Reusch, Matthias Schmidt, Jonas Trautner
Ressort:
Reise / Serien
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Galerie: 
Mut ist, dahin zu gehen, wo andere fliehen.
Und los.
Einkaufszentrum in Erfurt Nord.
Theresia in Erfurt Mitte.
In manchen Zügen herrschte Dampfbad-Klima. Und Matzes Haare kräuseln sich immer so bei hoher Luftfeuchtigkeit.
Blogger Thang in Kreuzberg.
Mhhh. Frühstück.
Und später Kaffee und Kuchen mit Renate Schwarzer, frühere Bürgermeisterin von Görlitz.
Der triumphierende Mau-Mau-Meister.