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Unter Strom gestellt

Bis 2030 will das Land Rheinland-Pfalz seine Bürger komplett mit erneuerbaren Energien versorgen. Doch wie nachhaltig ist das Konzept wirklich?

 

 

Großes hat die grüne Wirtschaftsministerin Evelin Lemke (Grüne) in Rheinland-Pfalz vor. Mit einen 6-Punkte-Papier will sie die Energiewende in Rheinland-Pfalz durchziehen.  Bis 2030 soll der Stromverbrauch zu hundert Prozent aus erneuerbaren Energien gedeckt werden. Dazu sollen vor allem Windkraft und Photovoltaik gefördert, technische Innovationen unterstützt und Stromnetze intelligent ausgebaut werden. Alles soweit sehr beachtlich.  Doch dann fällt dieser Satz: „Rheinland-Pfalz setzt auf den Aufbau einer dezentralen Energieversorgung.“

„Dezentrale Stromversorgung“ scheint zurzeit die ultima ratio in der Energiepolitik zu sein. Politiker aller Parteien schleudern mit dieser Phrase nur allzu gern um sich und wir Bürger klatschen Beifall. Weg von den bösen Öl-Multis, bei denen Menschenrechte so viel gelten wie Datenschutz bei facebook. Und auch so, wir wollen ein überschaubares Konzept: Solarzelle auf dem Dach und ein paar Windrädchen und dann wird schon alles gut werden. So weit, so naiv.

 

Wirkungskraft geht verloren, Strompreise gehen hoch

 

Der Versuch von fossilen Energieträgern wie Erdgas loszukommen ist richtig und unausweichlich. Er muss aber korrekt durchdacht werden. Der Ausbau einer dezentralen Stromversorgung  bringt einige Probleme mit sich „ Das ist Rückkehr zur Subsistenz-Wirtschaft. Jeder baut sich seine Kartoffeln selbst an, und das kann teuer werden“, kritisiert Dr. Gregor Czisch, Wissenschaftler am Institut für Elektrische Energietechnik/ Rationelle Energiewandlung der Uni Kassel. Denn die Solaranlagen der Einfamilienhaussiedlungen werden wohl kaum nachts den Fernseher zum Laufen bringen und im Winter ist das auch so eine Sache mit der Sonne. Zu anderen Zeiten wird Ökostrom überproduziert.  Dabei handelt es sich um die sogenannten saisonalen Effekte. Eine Lösung wäre es, die überschüssige gewonnene Energie zu speichern und zu produktionsarmen Zeiten aufzubrauchen. Und genau das ist der wunde Punkt in dem Konzept von Lemke.

 

Denn bei der Speicherung regenerativer Energien geht ein Großteil der Wirkungskraft verloren. Teilweise können nur 15 Prozent gespeichert werden, was wiederum die Strompreise ins Unermessliche treiben könnte. Denn wer will schon hundert Prozent bezahlen und nur 15 Prozent bekommen? Um dem entgegenzuwirken, sind derzeit zwei Pumpspeicherkraftwerke in Rheinlandpfalz in Planung. Diese könnten saisonale Effekte ausgleichen und eine kostengünstige Stromversorgung durch ihre hohe Wirkungskraft von 80 Prozent sichern. Allerdings wird noch einiges Wasser den Rhein hinab fließen, bis diese Kraftwerke in Betrieb genommen werden können.

 

„Wildwuchs“ droht

 

„Je dezentraler Stromverbraucher und -produzenten zusammenliegen, desto schlechter passen ihre Profile zusammen“, erklärt Energieexperte Czisch. „In diesem Fall ist es besser, groß zu denken. Wir brauchen viele Produzenten und Verbraucher mit unterschiedlichen Profilen“, fordert er. Auf diese Weise würde es zu jedem Verbraucher den passenden Erzeuger geben und die kostspielige Speicherung fiele aus. Generell wundert sich Czisch, warum die Aufgabe der Energieversorgung dezentral auf die Länder und Kommunen verteilt wird und nicht auf europäischer Ebene geregelt wird. Denn ein „Wildwuchs“ von Netzen, Produzenten und Speicher seien kein Garant für eine bezahlbare regenerative Stromversorgung. So könne zum Beispiel Windstrom aus Afrika problemlos saisonale Effekte in Deutschland ausgleichen. Und das wäre mit nur vier Cent pro Kilowattstunde auch noch um einiges günstiger. Czisch appelliert: „Wir sollten uns für eine kooperative und internationale Stromversorgung zu  einsetzen, anstatt Wege einzuschlagen, die sich nur besonders reiche Staaten leisten können.“

 

Autor: 
Miriam Gruber
Ressort:
Magazin
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