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Essen ist eine politische Handlung

Die Lebensmittelaktivistin Talley Hoban feiert eine große Schnippelparty im Peng. Heraus kommt Suppe, dazu wird Musik serviert. Wir sprechen mit Talley über das Partykonzept und was die Gäste erwartet.

STUZ: Talley, was muss ein Schnippelparty-Besucher zur Schnippelparty mitbringen?
Talley: Eigentlich nichts, höchstens einen Schäler, davon habe ich nur fünf. Es muss ja auch nicht jeder schnippeln. Die Leute sollen sich vor allem kennenlernen, sich austauschen. Es legen DJs auf, später gibt es auch Livemusik. Und wer mag, kann natürlich Gemüse oder auch andere Lebensmittel von daheim mitbringen. Wir haben Kühlschränke vom Foodsharing vor Ort. Wenn hinterher was übrig geblieben ist, können die Leute es gerne mit nach Hause nehmen.

 

Du bist ja vor allem durch das Containern bekannt. Stammt denn das Gemüse, das du zur Schnippelparty stellst, aus Supermarktmülltonnen?
Nein, das habe ich von Bauern aus der Region. Es ist Gemüse mit Schönheitsfehlern, zum Beispiel Karotten mit mehreren Beinen, unförmige Kürbisse und zu kleine Kartoffeln. Das entspricht halt nicht den Schönheitsidealen des Handels oder der Verbraucher. Brot und Brötchen kommen von einer Wiesbadener Bäckerei, da bleibt immer was übrig.

 

Und aus dem ganzen Gemüse machst du dann eine Suppe?
Ich achte natürlich darauf, dass nicht zu viel geschnippelt wird. Vielleicht landet dann auch Gemüse bei Gästen im heimischen Kühlschrank. Ich kann immer fünfzig Liter Suppe auf einmal machen, das dauert eineinhalb Stunden und die Suppe reicht für ungefähr hundert Portionen. Es geht vor allem darum, dass Lebensmitteln mehr Wertschätzung entgegengebracht wird, das ist der Grundgedanke. Heute geht alles schnell, schnell, schnell, die Leute essen oft alleine. Ich erwische mich selbst oft dabei, wie ich alleine vorm Computer sitze und dort esse. Ich hoffe, dass ich die Leute dazu motivieren kann, mehr gemeinsam zu kochen. In Frankreich und anderen Ländern funktioniert das Schnippelparty-Konzept schon sehr gut, in Deutschland kommt es langsam an.

 

Du bist die Schnippelparty-Erfinderin?
Ich hatte die Idee, dass man gemeinsam gerettetes Gemüse schnippelt und dazu Musik läuft, schon 2008 im Kopf und habe der Organisation Slowfood davon erzählt. Die haben dann eine Schnippeldisco in Berlin gemacht, wo fünfhundert Leute kamen. Leute aus Frankreich haben die Idee dann mitgenommen und acht Veranstaltungen mit dem Namen Disco Soup organisiert. Da kamen vier-, fünftausend Menschen insgesamt. Es hat sich dann schnell in ganz Frankreich verbreitet und auch in andere europäische Länder. Außerdem hat vor kurzem eine Disco Soup in New York City stattgefunden, eine in Kanada, und, was mich sehr überrascht, auch in Südkorea.

Warum jetzt, in Mainz, der Name Schnippelparty statt -disco?
Ich war etwas irritiert, weil Slowfood irgendwann behauptet haben, es wäre ihre Idee gewesen. Das hat mich enttäuscht, aber okay, dann habe ich halt den Namen geändert. Außerdem bin ich von dem Begriff Disco weg, weil es viele ältere Leute abgeschreckt hat. Ich will aber gerne die Ressourcen, die gerade bei älteren Leuten im Kopf sind, retten und den Austausch zwischen verschiedenen Generationen fördern. Ich möchte ganz unterschiedliche Leute an die Tische bringen, also unterschiedlich in Alter, Herkunft, Religion und auch Ansichten. Denn Essen ist für uns alle wichtig und jeder hat dazu etwas zu sagen, auch die, die wenig kochen. Essen ist auch eine politische Handlung, wir wählen jeden Tag, was wir gut finden. Nicht wie bei der Bundestagswahl, wo wir nur alle  vier Jahre hingehen. Beim Essen können wir jeden Tag überlegen: Was kann ich durch meinen Konsum ändern? Ich appelliere, weniger zu konsumieren und vor allem regional und saisonal, um allein schon die langen Transporte zu vermeiden.

 

Kostet es was, mitzuschnippeln?
Es gilt das Spendenprinzip. Man gibt, was es einem Wert ist.

 

Ist die Schnippel-Party eine vegane Veranstaltung?
Ja, denn dann können alle mitessen.

 

Bist du Veganerin?
Nein, ich bin Allesesserin und Freeganerin, kaufe also so wenig wie möglich ein und wenn, dann fair. Was Fleisch angeht, denke ich allerdings gerade um und versuche, weniger Fleisch zu essen. Ich will mich weiter von der Massentierhaltung distanzieren. Das fängt mit Gerichten an, zu denen ich früher immer Speck gegeben habe, wo ich jetzt den Speck weglasse und einfach etwas besser würze. Aber wenn ich bei einem Supermarkt Sachen abhole, die nicht mehr verkauft werden können, ist auch Fleisch dabei, und das esse ich dann. Freeganer leben vom Überfluss, den unsere Gesellschaft produziert.

 

Finale „Back to the Roots“ Schnippel-Party
23. November, 16 Uhr Pengland, Mainz
www.Schnippelparty.eu

Autor: 
Ingo Bartsch
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