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Fahrradmission impossible?

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Wiesbaden und Fahrradfreundlichkeit – voilà eine Antithese. Das muss doch aber auch anders gehen, oder? Wir haben mit dem Umwelt- und Verkehrsdezernenten Andreas Kowol (Bündnis 90/Die Grünen) über das Radfahren und die Zukunft des Verkehrs in der hessischen Landeshauptstadt gesprochen.

STUZ: Herr Kowol, wie kann man Menschen für das Fahrradfahren begeistern?
Andreas Kowol: Die Möglichkeit, sich mit dem Fahrrad fortzubewegen ist sehr vielfältig und vorteilhaft. Aber das Radfahren ist nicht so eingängig wie die Bequemlichkeit eines Autositzes. Sei es nun das eigene Auto, ein geliehenes oder gar ein Taxi. Man braucht einen Schritt heraus aus dieser Komfortzone, um sich auf andere Verkehrsmittel, unter anderem das Fahrrad, einzulassen. Das Fahrrad erscheint auf den ersten Blick nicht so komfortabel, besitzt aber besonders im Stadtverkehr viele Vorteile gegenüber dem Auto: Erstens kommt man sehr pünktlich an sein Ziel, da man weniger von Verkehrsbehinderungen betroffen ist. Zweitens interagiert man stärker mit seiner Umwelt und erlebt Stadträume ganz anders, als wenn man im Auto von seiner Außenwelt abgeschirmt ist. Hinzu kommt der Nutzen für die eigene Gesundheit und Fitness. Es gibt also eine Vielzahl von positiven Aspekten, die jedoch zunächst mit der Bemühung verbunden sind, sich bewegen zu müssen.

Was glauben Sie, weshalb die Wiesbadener weniger zum Fahrrad greifen?
Wenn ich es gewohnt bin meine Wege regelmäßig mit dem Auto zurückzulegen  – das ist bei den meisten Wiesbadenern der Fall: mehr als die Hälfte der Stadtbewohner nutzen regelmäßig ihr Auto –, ist die Entscheidung ein anderes Verkehrsmittel zu nutzen nicht leicht zu treffen. Viele kommen gar nicht auf den Gedanken beispielsweise auch Einkäufe mit dem Fahrrad oder Lastenfahrrad zu transportieren. Das Fahrrad muss als Verkehrsmittel und nicht nur als Sportgerät in der Freizeit ins Bewusstsein der Menschen rücken.

Nun gibt es auch viele Wiesbadener, die gerne Fahrrad fahren möchten, aber mit der Infrastruktur unzufrieden sind oder sich auf den Wiesbadener Straßen unsicher fühlen. Wie möchten Sie diese Menschen davon überzeugen wieder Rad zu fahren?
In Wiesbaden passieren – auch im Verhältnis zum Anteil des Radverkehrs – vergleichsweise wenige Unfälle. Die mangelnde Sicherheit ist so also objektiv nicht bestätigt. Trotzdem hält dieses Gefühl die Menschen davon ab, das Fahrrad zu benutzen. Hier versuchen wir über neue Angebote den Radverkehr zu fördern. Wir bauen eine Großzahl von Radwegen in der Wiesbadener Innenstadt und werden nächstes Jahr weiterhin mehr schaffen. Außerdem versuchen wir die Sicherheit durch kleine Hinweise wie Piktogramme oder Farbmarkierungen zu erhöhen. So nehmen auch Autofahrer mehr Rücksicht auf die Radfahrer. Wir schaffen viele neue Fahrradabstellmöglichkeiten und versuchen, sei es durch das Fahrradverleihsystem oder die Förderung von Lastenfahrrädern, dem Radverkehr mehr Raum zu bieten. Hinzu kommt die steigende Zahl an Radfahrern in Wiesbaden. Die positiven Erfahrungen dieser Menschen könnten auch andere Wiesbadener davon überzeugen, dass das Fahrrad ein sicheres und komfortables Verkehrsmittel ist. Wir möchten die Menschen informieren und beispielsweise auch Menschen, die mit der besonderen Topographie in Wiesbaden zu kämpfen haben, auf Möglichkeiten wie Elektrofahrräder aufmerksam machen.

Ab wann wird es ein flächendeckendes Fahrradwegesystem in Wiesbaden geben?
Wir werden Radwege auch in Nebenstraßen und über Kreuzungen hinweg, auch mit entsprechenden Ampelanlagen, ausbauen, sodass wir davon ausgehen, dass wir bis 2025 ein sehr gutes und leistungsfähiges Radnetz im Angebot haben. Dieses versuchen wir auch in alle Stadtteile auszudehnen, sodass ich davon ausgehe, dass 2025 nicht nur in der Innenstadt ein komfortables Radwegenetzwerk realisiert sein wird, sondern gleichermaßen auch insbesondere in die angrenzenden Stadtteile hinein.

Werden die breiten Mittelstreifen, die es in Wiesbaden zwischen den Autofahrbahnen gibt, für den Radverkehr ausgebaut werden?
Wir haben in der Tat einige Mittelstreifen, die derzeit als Grünstreifen ausgebildet sind. Dort sind wie auf dem 1. Ring Fußgängerwege vorhanden, die wir so ertüchtigen werden, dass sie auch von Radfahrern genutzt werden können. Das muss nicht immer mit einem Ausbau einhergehen.

Dabei gingen dann auch Grünflächen verloren.
Da würden Grünflächen in kleinem Umfang wegfallen, allerdings soll die Zahl der Grünflächen in der Stadt deutlich erhöht werden, sodass wir diesen Wegfall mehr als kompensieren können.

Durch den Bau neuer Fahrradwege fallen Parkplätze für Anwohner in der Innenstadt weg, die als Arbeitnehmer auf ihr Auto angewiesen sind.
Wir versuchen den Parkbedarf vor allem in der Innenstadt und den dicht besiedelten Quartieren nach einer bestimmten Berechtigung zu strukturieren. Im Vordergrund steht der Bewohner, der einen Parkplatzbedarf in der Nähe seiner Wohnung hat. Das bedeutet aber nicht, dass man um die Ecke oder vor der Haustür parken kann. Es ist auch notwendig, diesen Parkbedarf mit gewissen Wegezeiten zu verbinden. Man kann also irgendwo in seinem Quartier parken, ist aber darauf angewiesen eine gewisse Distanz mit einem anderen Verkehrsmittel – zu Fuß, mit dem Fahrrad oder ÖPNV – zurückzulegen. Das ist geübte Praxis in Wiesbaden und lässt sich auch nicht ganz vermeiden.

Können Sie garantieren, dass Anwohner einen Parkplatz in der Umgebung ihres Quartiers finden?
Garantieren können wir da noch nichts, aber wir würden dieser Gruppe natürlich besonders gerne Parkraum zur Verfügung stellen. Hier gibt es mehrere Ansätze. Neben dem Bewohnerparkschein suchen wir nach weiteren Parkangeboten wie zum Beispiel Parkhäusern oder Tiefgaragen, die abends nicht so stark genutzt werden, um dort für Bewohner kostengünstigen Parkraum zur Verfügung zu stellen.

Die Stadt Wiesbaden fördert die Anschaffung von Lastenfahrrädern finanziell, jedoch müssen diese selbstverständlich außerhalb der Wohnung geparkt werden. Wo sollen Lastenfahrräder in der Innenstadt parken?
Wir müssen schauen, in welchen Straßen sich die Nutzung von Lastenfahrrädern anbietet und dort können wir dann gezielt Parkplätze für Lastenfahrräder anbieten. Das sind beispielsweise Einkaufsstraßen. In den Wohnquartieren gibt es einen Platzmangel, und außerdem muss der Schutz der Lastenfahrräder über Nacht gewährleistet werden. Denkbar sind hier Kleinstgaragen – auch in Zusammenarbeit mit privaten Grundstückbesitzern –, sodass wir gegen ein kleines Entgelt sichere Abstellmöglichkeiten anbieten. Auch in Randbereichen ließe sich der ein oder andere Parkplatz finden.

Wie soll der Autoverkehr in Wiesbaden reduziert werden?
Wir müssen die Angebote im ÖPNV stärken und die Kapazität und den Komfort erhöhen. Außerdem wollen wir über das 365-Euro-Ticket einen günstigen öffentlichen Nahverkehr für alle Wiesbadener anbieten. Darüber hinaus muss man auch restriktiv mit dem Autoverkehr umgehen, indem man die Durchlässigkeit durch die Innenstadt reduziert. Es werden also gewisse schnelle Verbindungen durch die Stadt nicht mehr angeboten.

Ein Projekt, mit dem Sie den ÖPNV stärken möchten, ist ja die Citybahn. Kritiker bemängeln, dass man mit dem vielen Geld (geschätzt 305 Mio. Euro) viele andere Maßnahmen ergreifen könnte. Warum sehen Sie Citybahn als die beste Verkehrsinvestition für dieses Geld an?
Alle Systeme, die wir anbieten, kosten viel Geld. Auch das Bussystem kostet sehr viel Geld und ist ausgelastet. Die Nachfrage in allen Verkehrsbereichen steigt jährlich und, um diese abzudecken, brauchen wir die Citybahn, die die entsprechende Kapazität liefert.

Wann wird es in Wiesbaden die autofreie Innenstadt geben?
Wenn wir es schaffen, einen nennenswerten Anteil der Verkehre in der Innenstadt auf die Peripherie verlagern, ist eine autofreie Innenstadt durchaus denkbar und erreichbar. Natürlich muss der Zugang der Anwohner und des Geschäftsverkehrs weiterhin ermöglicht werden, aber man kann eine große Zahl von Autofahrten aus der Innenstadt verbannen. Dies ist jedoch ein längerer Weg der Verkehrsplanung, der nicht von heute auf morgen geschieht. Die autofreie Innenstadt ist sicherlich ein mittelfristiges Ziel. Im ersten Schritt wäre es schon gut, wenn wir das historische Fünfeck autofrei bekämen. Das ist auch nicht ganz unrealistisch, da wir rund um das historische Fünfeck leistungsfähige Straßen haben, die den Verkehr aufnehmen können. Wir haben die Absicht, den Bereich für Fußgänger in der Innenstadt deutlich auszuweiten – 2020 ist hier beispielsweise die Mühlgasse  in der Umsetzung. Das gilt für viele Straßen, bei denen wir die Aufenthaltsqualität  für Fußgänger erhöhen und unter anderem  die gastronomische Außenbewirtung ermöglichen wollen, um dem Autoverkehr nach und nach Bereiche zu entziehen und den Fußgängern zurückzugeben.

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