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Kultur Stadt

Von Pflanzen lernen

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Die Kunsthalle Mainz zeigt die erste umfangreiche Ausstellung des schweizerischen Künstlers Uriel Orlow, der in seinen Werken Pflanzen mittels Fotografien, Videos, Soundarbeiten und Diaprojektionen, in den Mittelpunkt stellt.

Orlows Anliegen ist es, komplexe Themen leicht konsumierbar für den Betrachter zu machen und ihn zu involvieren. Der rote Faden der Ausstellung ist die Verstrickung von Mensch und Natur, die Wechselwirkung beider und laut Orlow „das, was um uns rumgeistert, das Übriggebliebene“, erkennbar zu machen. Vielmehr versucht er den Echos der Geschichte und ihrem Nachwirken in der Gegenwart nachzugehen. Die Ausstellung soll dabei nicht belehrend oder didaktisch sein, sie soll vielmehr den Betrachter für einen kritischen Umgang mit Geschichte sensibilisieren.

Bäume als Protagonisten

Die Ausstellung „Conversing with Leaves“ beginnt mit dem Werkekomplex „Theatrum Botanicum“, der das Thema Kolonialisierung, also die Verstrickung Afrikas und Europas und die Fremdherrschaft der Europäer beinhaltet. In „The Memory of Trees“, einer Serie von Schwarz-Weiß-Fotografien, treten Bäume als Gedächtnis, Akteure und Zeitzeugen von Geschichte und Migration auf. Alles begann mit einem Garten. Als die ersten holländischen Kolonialisten sich in Kapstadt niederließen, pflanzten sie wilde Mandelbäume als Hecken für ihre Gärten an, um diese vor Tieren zu schützen, aber auch um sich von den einheimischen Khoikhoi abzugrenzen. Das Pflanzen der Bäume, die bis heute überdauert haben, war somit der erste Gewaltakt der Kolonialherren. Bäume können aber auch eine monumentale Funktion haben, wie beispielsweise die Fotografie des Fisher-Tree, eine Pappel, die den Apartheidgegnern als Wegmerkmal diente für den Wohnort von Bram Fisher, Bürgerrechtler und unter anderem Anwalt von Nelson Mandela, und des dort befindlichen sicheren Unterschlupfs.
Im nächsten Saal mit dem Thema „Wishing-Trees“ werden Abbilder von Bäumen gezeigt, mit denen man in Dialog treten kann beziehungsweise soll, und es wird die Frage aufgeworfen: „Wie kann man überhaupt mit einem Baum in Dialog treten?“ Eine Video-Installation zeigt einen Olivenbaum vor einem Wohngebäude in Palermo. In diesem Haus lebte der von der Mafia ermordete italienische Richter Giovanni Falcone. Nach dessen Tötung wurde der Baum von der Bevölkerung als Ort des Protestes gegen die Mafia bestimmt und mit zahlreichen Plakaten und Bannern, die sich gegen die Mafia richteten, geschmückt. Ein Baum als Mahnmal.

In Holzkisten nach Afrika

Der dritte Saal widmet sich Pflanzen der Landwirtschaft und deren Auswirkungen. Der Werkekomplex „Soil Affinities“ besteht aus Fotografien und Videos, eingebettet in Holzkisten, die Zwiebeln zeigen und deren Zuchtprozess als Nutzpflanze und Wirtschaftspflanze. Die Zwiebelsamen wurden vor der industriellen Revolution in den Laboratoires d’Aubervilliers außerhalb von Paris gezüchtet und in genau diesen Holzkisten nach Afrika, vorwiegend in den Senegal, verschifft, um dort angepflanzt und als fertiges Produkt zurück nach Europa verfrachtet zu werden.
Im Turm sind Videos und Bilder ausgestellt, die sich mit Pflanzen und deren Wirkstoffen auseinandersetzen. Die dritte Ebene widmet sich nur einer Pflanze und deren Wirkung. Die Artemesia Arfa beugt nachweislich Malaria vor, wird aber von der WHO nicht gefördert. In zwei Videos wird ihr Anbau gezeigt und ihre Wirkung besungen. Dazu wird Tee aus dieser Pflanze bereitgestellt. Nachdem die Ausstellung mit der Kolonialisierung beginnt, den Betrachter dann nach Europa und schließlich wieder nach Afrika führt, fühlt sich der Tee wie ein Versöhnungsangebot an: Er tut einem gut, ist aber im Nachgeschmack ein wenig bitter.

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