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#fiwisowhite – Bardot hat ihre Zeit gehabt

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Wo bislang zu viel (Schwarz-)Weiß war, bringt die Hochschulgruppe Aktion! Diversität und Kino jetzt mehr Farbe ins Mainzer Medienhaus.

Charlie Chaplin, Grace Kelly, James Dean & Co. schmückten seit Einzug des Fachbereichs Filmwissenschaft die Wände des Medienhauses in der Wallstraße (am Mainzer Bahnhof) – was fehlt? Die Abbildung all jener Filmschaffender, die nicht dem weißen, westlich-normativen Schema entsprechen. Einzig ein Background-Tänzer mit dunkler Haut hat es, in einer Ecke hinter Brigitte Bardot, in den Rahmen geschafft. Vor dem, worüber jahrelang scheinbar unkritisch hinweggeschaut wurde, will eine Gruppe Filmwissenschaftsstudierender nun nicht mehr länger die Augen verschließen: „Unser Vorhaben ist, uns mit diskriminierenden Strukturen im Bereich Film auseinander- und für mehr Diversität und Repräsentation in diesem Bereich einzusetzen,“ deklariert die im Dezember 2019 offiziell gegründete Hochschulgruppe Aktion! Diversität und Kino. „Diversität bedeutet für uns den Wunsch, aber auch ganz klar die Forderung nach mehr“, betont Gruppensprecherin Johanna Böther: „Wir wollen mehr Filme sehen und besprechen, bei denen vor und hinter der Kamera Themen und Menschen repräsentiert sind, die sonst oft entweder gar nicht oder nicht angemessen repräsentiert sind – zum Beispiel, weil sie nur als Stereotypen vorkommen.“ Gemeint sind damit unter anderem People of Color, genderqueere Personen, Frauen oder Menschen mit Behinderung – als „Minderheiten“ sollen diese Gruppen aber bewusst nicht bezeichnet werden, da dies einen Status als Minorität aufrechterhalte und zusätzlich zum „Othering“ jener Menschen beitrage. Insgesamt stellt der Sprachgebrauch, im alltäglichen wie wissenschaftlichen Diskurs, neben dem, was vor und hinter der Kamera passiert, ein zentrales Anliegen der Gruppe dar. Mit geschärftem Bewusstsein sollte etwa die Auswahl des universitären Kanons (generell, und in der Filmwissenschaft speziell) kritisch unter die Lupe genommen und aufgemischt werden: Denn „natürlich können weiße, heterosexuelle cis-Männer lesenswerte Texte schreiben, doch sie sind eben nicht die einzigen, die das können“.

Auf offene Augen und Ohren stoßen

Bei aller Kritik versteht sich die Aktion! Diversität und Kino trotzdem nicht als erhobene Faust, sondern vielmehr als ein Friendly Reminder, „dass an unserem Institut noch viel mehr gehen kann und auch noch viel mehr gehen muss“. So wurden zunächst die vorhandenen Schwarz-weiß-Porträts mit Sprechblasen versehen, auf denen Statements zu lesen waren wie „Eure Schönheitsideale kotzen mich an“ und „Warum hänge ich immer noch hier?“, außerdem (in Anlehnung an die Debatte vergangener Oscarverleihungen) der Hashtag #fiwisowhite und besonders schön auch die bezeichnende Provokation „Wenn Aliens besser repräsentiert sind als People of Color“. Das Institut reagierte einsichtig und hängte die überholten Bilder ab. Dass die Persönlichkeiten darauf eine gewisse Relevanz für die Filmgeschichte haben, will die Gruppe keineswegs leugnen: Marlene Dietrich und Brigitte Bardot zum Beispiel haben sicherlich auch gute Anstöße in Sachen Frauenbilder geliefert – „aber sie haben ihre Zeit gehabt.“ Nun müssen sie weichen und ihren Platz an der Wall of Fame freigeben für eine Wechselausstellung, die der Vielfalt der Filmindustrie besser gerecht werden soll. Bereits im Juli letzten Jahres hatte Gruppensprecherin Feven Haile damit begonnen, Bilder zu sammeln, die letztlich in einer von der gesamten Gruppe konzipierten Kollektion von sechzehn Filmplakaten am 5. Februar feierlich „enthüllt“ wurden. Nach umfangreichen Beleuchtungen und Diskussionen hat die Gruppe sich für eine bewusste erste Selektion an repräsentativen Filmen entschieden und diese Auswahl in kleinen Texten zu den jeweiligen Bildern begründet, aber auch kritisch reflektiert, was problematisch bleibt – etwa, wenn die Regie weiterhin in der Hand von Personen liegt, die nicht selbst Teil der von ihnen präsentierten Gruppen sind oder das Anerkennen der eigenen Eingeschränktheit – im Bewusstsein „dass unsere Gruppe hauptsächlich aus weißen Menschen besteht und auch die Menschen, die die Ausstellung sehen werden, hauptsächlich weiß sind.“ Letztlich ist das Ziel, Diskussionen und ein gewisses Bewusstsein unter den Betrachtenden der Ausstellung anzuregen. Damit wäre der erste, sicherlich aber nicht der letzte Schritt getan. So stehen als weitere Projekte etwa regelmäßige Screenings auf der Agenda der Aktion! Diversität und Kino. Auch über die Veranstaltung studentischer Seminare wurde nachgedacht – allerdings solle ein vielfältiger Seminarplan nicht die alleinige Aufgabe der Studierenden sein, sondern vielmehr müsse es in der Verantwortung der Dozierenden liegen, ein angemessenes Kursangebot zu gewährleisten. So ist es gut und wichtig, dass sich Studierende, zwar mit unterschiedlichsten (Fach-)Hintergründen aber einem gemeinsamen Anliegen, solidarisieren und organisieren – doch müssen sie auch auf offene Ohren in den Leitungspositionen stoßen, um nachhaltig etwas verändern zu können. Wenn es auch seine Zeit gebraucht hat, zeigte sich der Fachbereich kooperativ: „Dass es hier am Institut schon Bemühungen in Richtung mehr Diversität und Repräsentation gibt, erkennen wir an und finden wir gut“, räumen die Gruppensprecherinnen ein. Schließlich sollte gerade die Filmwissenschaft ein modernes Fach sein, mit dem Potenzial, Personen und Themen im wahrsten Sinne des Wortes auf die Bildfläche zu rücken. Zur Eröffnung der ersten Ausstellung der Aktion! kamen Studierende, Dozierende und Gäste im Medienhaus zusammen und Professorin Dr. Alexandra Schneider betonte in der offiziellen Begrüßung ihre Begeisterung über das Engagement der Gruppe – sie freue sich über den Druck, der nun auf das Institut ausgeübt werde. Der erste Schritt in Richtung #fiwinolongersowhite dürfte also getan sein. Nun kann es weitergehen. Und ACTION …

WTF

Die Hochschulgruppe Aktion! Diversität und Kino ist jederzeit offen für neue Mitglieder und freie Mitarbeiter*innen (ob studierend oder nicht-studierend), aber auch Anregungen, Kritik und Fragen jeder Art sind gerne Willkommen an aktion_diversitaet@uni-mainz.de

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