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Die Dorfkneipe ist heute das Netz

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Die Sozialpsychologin Pia Lamberty von der Uni Mainz befasst sich mit Verschwörungstheorien. Wir haben mit ihr über Impfgegner und 9/11 gesprochen und welche Rolle Youtube und Co. spielen.

STUZ: Sie gelten als Expertin im Bereich Verschwörungstheorien. Wie sind Sie dazu gekommen, sich mit diesem Thema so intensiv zu beschäftigen?

Pia Lamberty: Verschwörungserzählungen können sehr gewalttätig sein. Menschen mit dieser ideologischen Weltsicht schrecken im Äußersten auch vor Gewalt nicht zurück oder begehen sogar Terroranschläge. Dennoch ist es aber kein Phänomen, das sich nur in extremistischen Gruppen findet, sie sind Teil des Mainstreams. Jeder kennt Menschen, die meinen, dass die USA bei den Anschlägen auf das World Trade Center ihre Finger mit im Spiel hatte oder dass Impfen zu Autismus führen würde. Verschwörungserzählungen sind dadurch besonders gefährlich, dass sie Menschen in ihrer Weltsicht in eine düstere, apokalyptische Welt radikalisieren können, in der es nur noch klare Freund-Feind-Bilder gibt und demokratische Diskurse nicht mehr vorkommen.

Das Internet ist voll mit Videos, die „alternative“ Erklärungen zu 9/11, der Mondlandung oder Kondensstreifen bieten. Was ist der Grund dafür, dass Verschwörungstheorien im Netz so viele Anhänger finden?

Ich gehe davon aus, dass die Menschen, die jetzt im Internet aktiv Verschwörungserzählungen verbreiten, das auch ohne soziale Medien getan hätten – allerdings mit einer deutlich geringeren Zuhörerschaft. Noch vor wenigen Jahrzehnten hat man seine Ansichten in der Dorfkneipe oder bei Freunden geteilt und dann vielleicht sogar Widerworte geerntet. Heute kann man jede noch so abstruse Idee auf verschiedenen Plattformen verbreiten und das in Gruppen, die so hoch spezialisiert sind auf das eigene Weltbild, dass es kaum noch Widerspruch gibt. Man bewegt sich in seinen ganz eigenen Filterblasen. Das macht es natürlich deutlich bequemer als eine echte kritische Auseinandersetzung.

Kann man sagen, dass das Internet eine Art Katalysator ist, was die Verbreitung von Verschwörungstheorien angeht?

Prinzipiell muss man sagen, dass es den Glauben an Verschwörungen schon immer gab. Auch ältere Studien zeigen, dass das Thema kein Problem von Sozialen Medien alleine ist. Dennoch haben Soziale Medien das Potential, verstärkend auf den Verschwörungsglauben zu wirken. Eine Studienreihe aus Großbritannien konnte beispielsweise zeigen, dass allein die Konfrontation mit Impf-Verschwörungserzählungen dazu führte, dass Menschen weniger bereit waren, ihr Kind impfen zu lassen. Auch die Impfexpertin Prof. Dr. Cornelia Betsch konnte diese Ergebnisse bestätigen. Nicht ohne Grund hat die WHO Impfgegner als globale Bedrohung benannt. Aber nicht nur beim Thema Impfen spielen Soziale Medien eine Rolle. Eine erste Studie zum Thema Flat Earther zeigte, dass fast alle der Interviewten über YouTube das erste Mal mit dem Thema in Berührung gekommen sind. Wir können also davon ausgehen, dass YouTube, Facebook und Co den Glauben an Verschwörungen verstärken können.

Alles hat bekanntlich seinen Anfang. Was treibt Menschen an, Verschwörungstheorien in die Welt zu setzen?

Da kommen unterschiedliche Motivationen zusammen. Manchmal können es auch ganz triviale Gründe sein. Eine Studie hat beispielsweise gezeigt, dass gelangweilte Menschen eher an Verschwörungserzählungen glauben. Gemeinsam mit Roland Imhoff habe ich mich noch in einem Forschungsprojekt mit einem anderen Grund auseinandergesetzt. Wir konnten zeigen, dass der Glaube an Verschwörungen auch mit einem gesteigerten Bedürfnis nach Einzigartigkeit zusammenhängt. Menschen, die aus der Masse hervorstechen möchten, können dieses Bedürfnis durch die Verbreitung von Verschwörungserzählungen befriedigen. Man selbst kennt die Wahrheit, während alle anderen nur „dem System“ hinterherrennen.

Was macht Menschen für solche Ideologien empfänglich?

Verschwörungserzählungen können Menschen Struktur und Halt geben in Zeiten, die als chaotisch erlebt werden. Die Psychologen Whitson und Galinsky haben 2008 in einer Reihe von Experimenten beispielsweise gezeigt, dass in Momenten, in denen Menschen einen Kontrollverlust erleben, sie eher überall Verschwörungen gesehen haben. Wir gehen davon aus, dass es sich hier um eine Art Kompensationsstrategie handelt, da Kontrollverlust bei Menschen Stress erzeugt. Auch wenn das erst einmal abstrakt klingen mag, kennt jeder Mensch solche Situationen. Plötzliche Trennungen, Arbeitslosigkeit, oder andere Lebenskrisen können alle Beispiele sein für Kontrollverlust. Diese Menschen sehen dann überall Muster – auch dort, wo keine sind. Das geht sogar so weit, dass Menschen, die stark an Verschwörungen glauben, auch eher Muster in abstrakten Gemälden sehen.

Inwiefern sind Verschwörungstheorien salonfähig?

Auch wenn man oft denkt, es würde sich vor allem um ein Internetphänomen handeln sind Verschwörungserzählungen in der Gesellschaft extrem weit verbreitet. Wir sprechen hier nicht von einem Randphänomen. Nach der Mitte-Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung von 2019 meinen 46 Prozent der Befragten, es gäbe geheime Organisationen, die Einfluss auf politische Entscheidungen haben. Über 32 Prozent sind der Überzeugung, dass Politiker und andere Führungspersonen nur Marionetten der dahinterstehenden Mächte seien. Laut einer Studie aus dem Jahr 2014 glaubt jeder zweite US-Amerikaner mindestens an eine konkrete Verschwörungserzählung.

Was kann man zur historischen Entwicklung dieser Theorien sagen?

Teilweise wird in der Psychologie sogar mittlerweile davon ausgegangen, dass der Verschwörungsglaube eine evolutionäre Verankerung hat. Verschwörungserzählungen gibt es schon seitdem Menschen in sozialen Gefügen zusammenleben. Die Ritualmordlegende gab es schon im 12. Jahrhundert. Im Mittelalter wurden dann Juden während der Zeit der Schwarzen Pest bezichtigt, die Brunnen vergiftet und so die Epidemie ausgelöst zu haben. Diese Verschwörungserzählung endete in zahlreichen Pogromen. Im 19. Jahrhundert hieß es dann, dass das Findelkind Kaspar Hauser eigentlich der 1812 geborene Erbprinz vom Großherzogtum Baden gewesen sei.

Was bedeuten Verschwörungstheorien für die Demokratie?

Der Verschwörungsglauben ist alles andere als ungefährlich für eine Gesellschaft. Er kann schnell zum Radikalisierungsbeschleuniger werden. Wer überall nur böse Mächte am Werk sieht, schottet sich von der Gesellschaft ab, agiert weniger demokratisch und lässt auch keine anderen Meinungen zu. Wer widerspricht ist dann entweder Teil der Verschwörung oder ein naives Schlafschaf. In Studien konnten wir zeigen, dass Menschen, die eine starke Verschwörungsmentalität haben, misstrauischer gegen Medien, der Politik oder dem Gesundheitssystem sind. Auch ist Antisemitismus in diesem Weltbild inhärent. Sowohl der Terroranschlag auf zwei Moscheen in Christchurch als auch der Terroranschlag auf eine Synagoge in Halle wurden durch Verschwörungsideologien legitimiert.

Wo verläuft die Grenze zwischen begründeten Misstrauen gegenüber politischen und wirtschaftlichen Institutionen und einer Verschwörungstheorie?
Die Grenze ist nicht immer leicht zu ziehen. Manche Dinge sind offenkundig falsch und nur ideologisch motiviert – wie beispielsweise der Glaube an eine jüdische Weltverschwörung. Bei anderen Annahmen ist die Einordnung teilweise schwieriger. Prinzipiell würde ich sagen, dass ein begründetes Misstrauen eben begründet ist. Es gibt solide Fakten und vertrauenswürdige Quellen. Anders beim Verschwörungsideologen: Hier wird dann zum Beleg für die Richtigkeit der eigenen Annahme, dass die Türme am 11. September gesprengt worden seien, dass Quellen von Wissenschaft und Politik ignoriert werden. Da gibt es dann keinen kritischen Blick mehr, dass die Quellen vielleicht einfach falsch sein könnten.

Was sagen Sie Leuten, die der Meinung sind, dass Ihre Verschwörungstheorien keine bloßen Theorien sind?

Prinzipiell bewerte ich in meiner Forschung nicht den Wahrheitswert von Aussagen, mir geht es mehr darum, die Verschwörungsmentalität dahinter zu verstehen, die den Glauben an einzelne Verschwörungserzählungen erklärt. Natürlich gibt es zahlreiche Beispiele für reale Verschwörungen. Das ist ja auch allgemein bekannt. Was ich untersuche sind aber nicht konkrete Verschwörungserzählungen, sondern das Weltbild hinter diesem Glauben und seine Konsequenzen.

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