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Blinde Verkehrspolitik

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In Mainz gibt es viele Gefahrenpunkte für Menschen mit Sehbehinderung. Nina Becker wohnt an einer solchen Stelle in der Oberstadt und kämpft für Veränderungen.

Ihren Weg in die Innenstadt oder in die Universität startet Nina Becker an der Straßenbahnstation Berliner Straße in der Mainzer Oberstadt und stößt dabei auf ein großes Problem. Die 22-Jährige ist von Geburt an blind und mehr als viele andere auf Hilfe in ihrem Alltag angewiesen. Kritisch wird es für sie, wenn es diese Hilfen nicht gibt, obwohl es sie geben sollte. Denn anders als es üblich sein sollte, sind akustische Signale am Bahnübergang Berliner Straße nicht vorhanden. „Jedes Mal, wenn ich über die Gleise möchte, muss ich hören, ob eine Straßenbahn kommt oder nicht“, berichtet die Studentin der Erziehungswissenschaft und Soziologie. Dumm nur, dass die Gleise inmitten der vierspurigen, stark befahren Geschwister-Scholl-Straße verlaufen. Viele PKWs und LKWs erzeugen hier so viel Lärm, dass eine heranfahrende Straßenbahn schlichtweg nicht zu hören ist. Das ist eine Abwägung zwischen Leben und Tod für Becker: „Ich habe immer im Hinterkopf, dass ich gleich überfahren werden könnte.“

Seit August 2019 wohnt sie im nahegelegenen Studentenwohnheim und setzt sich seitdem für eine akustische Signalanlage an der Berliner Straße ein. Nicht immer ohne Gegenwind. „Meine erste Anfrage an die Stadt war wenig erfolgreich. Man sagte mir, die Technik sei veraltet und deshalb ein Umbau nicht möglich“, berichtet Becker. Kurios: Der Überweg von der Haltestelle über die  Geschwister-Scholl-Straße ist mit einem akustischen Signal ausgestattet, zu hören war allerdings lange nichts. „Anfang dachte ich, das Ding ist kaputt“, berichtet sie. Nach einer Beschwerde testeten Sachverständige die Anlage und kamen zum Ergebnis, die Signalanlage war schlicht zu leise eingestellt. Ein kleiner Erfolg für die Studentin, aber noch lange keine völlige Sicherheit.

Ihre Mühen scheinen dennoch langsam, aber sicher Früchte zu tragen. So macht sich beispielsweise Georg Schumacher von den Linken im Ortsbeirat Oberstadt für eine akustische Signalanlage an besagter Stelle stark. Gemeinsam mit Ortsbereitskolleg*innen der Grünen und der SPD hat er einen Antrag verfasst, um das Problem an der Haltestelle Berliner Straße zu lösen. „Wir haben in Mainz mit der Mainzelbahn eine Möglichkeit geschaffen, dass viele Menschen nun mobil sind, die es vorher nicht sein konnten. Leider scheitert diese Mobilität nun an Stellen wie dieser“, sagt Schumacher.

Gefahrenstelle Hauptbahnhof, Verwirrung am Münsterplatz

An vielen, häufig veralteten Haltestellen im Stadtgebiet fehlen akustische Signale. So sind nach Angaben der Stadt von den insgesamt 255 Lichtsignalanlagen (LSA) nur 65 Prozent mit akustischen Signalen ausgestattet. Für Nina Becker bringt nicht nur die Haltestelle vor ihrer Haustür Probleme mit sich: „Auch am Pariser Tor und an vielen anderen Haltestellen kann ich mich nicht an akustischen Signalen orientieren.“ Nicht besser ist die Lage am Mainzer Hauptbahnhof. Das Gewirr aus Schienen und Buslinien ist immer wieder aufs Neue eine Gefahr für Becker und andere Menschen mit Sehbehinderung. Orientierungshilfen: Fehlanzeige. „Es ist Zeit, dass sich etwas tut“, mahnt Schumacher an. „Wir müssen die Integration von behinderten Menschen endlich Wirklichkeit werden lassen.“ Am Münsterplatz bereitet der lange Bahnsteig Probleme. Häufig stehen Busse und Bahnen zu dritt hintereinander. „Wie soll ein Mensch mit Sehbehinderung herausfinden, in welchen Bus oder in welche Bahn er einsteigen soll?“, fragt sich Schumacher.

Anfang Juni dann ein weiterer kleiner Fortschritt. Mit einer Anfrage der SPD-Stadtratsfraktion kam die Causa Berliner Straße in den Stadtrat. Aus der Antwort der Stadt geht hervor, dass seit 20 Jahren Gespräche zwischen der Stadt und Behindertenvertretung stattfinden. So sei ein Prioritätenliste aufgestellt worden, die sukzessive abgearbeitet wird. Mit dem Green City Masterplan M3 sollen bis 2024 130 LSAs erneuert werden. Bis dahin wird Nina Becker jedoch noch häufig die gefährliche Stelle passieren müssen, der Bau einer neuen Anlage kann sich noch Jahre hinziehen. Doch die Stadt versichert, eine Vibrationsanlage am Signalmast anbringen zu wollen, die dann als Hilfe für Menschen mit Sehbehinderung dienen soll. Bis wann das geschehen soll, ist aber weiterhin offen.