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Kultur

(K)Eine Zeit zu Sterben

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Immer wieder ist von Traditionskinos die Rede, die durch Corona für immer schließen. Doch ist das die ganze Wahrheit? Ein Blick auf eine Kulturbranche im Wandel.

Von Inken Paletta

Fakt ist: Die Corona-Krise hat alle Kinobetreiber kalt erwischt. Insgesamt entgingen deutschen Kinobetreibern nach Aussagen der Kinobilanz 2020 der Filmförderungsanstalt (FFA) seit dem Lockdown im März 2020 bis heute rund 706 Millionen Euro Umsatz. Das sind 80,5 Millionen verkaufte Tickets weniger. Im Sommer und Herbst 2020 durften die Kinos nur unter strengen Hygienebedingungen und einer Auslastung von 20 bis 25 Prozent öffnen. Doch viele Plätze blieben leer. Auto- und Freiluftkinos, Streamingangebote und Heimkino waren gefragter denn je. Ursache ist aber nicht nur die Angst vor Ansteckung, sondern auch, dass Streaming im Trend liegt und dass die Kinoticketpreise in den letzten Jahren stetig gestiegen sind. Für eine vierköpfige Familie ist ein Kinobesuch oft ein teures Unterfangen.
Die Lage der Kinos in Coronazeiten
Wie sieht also die finanzielle Situation der Kinobetreiber aus? Durch den zweiten Lockdown im November 2020 sind bei vielen Kinobetreibern die Reserven nahezu aufgebraucht, denn Kosten für Miete, Wartung, Leasing für Filmprojektoren und Personal laufen weiter. „Oft kommen die staatlichen Hilfen nicht so schnell wie versprochen“, erzählt Jochen Seehuber, Betreiber des Programmkinos Capitol und Palatin in Mainz. „In unserem Fall waren sie aber noch rechtzeitig, sodass wir Dank der Förderung nicht in akuter Gefahr schweben.“ Für Oliver Fock, Geschäftsführer der Cinestar-Gruppe, sind die staatlichen Coronahilfen eher unbefriedigend: „Wir haben als Unternehmen mit 2.500 Mitarbeitern bislang vom Bund nur eine fünfstellige Abschlagszahlung erhalten.“ Noch schlimmer steht es offensichtlich um das Berger Kino in Frankfurt, das nach dem ersten Lockdown nicht wieder öffnete. „Doch das ist nur die halbe Wahrheit“, verrät Inhaber Harald Metz: „Wir haben uns bereits lange vor Corona Gedanken über ein neues Konzept für unser Kino gemacht, weil ein gewerbliches Kino in der heutigen Zeit nur noch mit enorm viel Aufwand rentabel ist.“ Die Schließung bedeute aber nicht grundsätzlich das Ende des Kulturstandortes. Denn Harald Metz hat dem Kulturausschuss der Stadt Frankfurt sowie dem Ortsbeirat Bornheim/Ostend bereits ein neues Konzept für ein BERGER KINO Kultur und Kommunikationszentrum vorgestellt. Nun hofft er auf kulturelle Förderung von Bund, Land und Kommune.
Coronakrise stärkt Streaminganbieter
Die Kinobranche habe sich in den letzten Jahren stark verändert, erzählt Metz. Der Netflix-Blockbuster „Roma“ gewann zum Beispiel 2019 drei Oscars, obwohl er nie im Kino lief. Für viele US-amerikanische Produktionsfirmen seien Streamingdienste mittlerweile eine gute Alternative zur Kinoleinwand. Die Coronakrise habe den Trend verstärkt. Und Disney verzichtete in der Coronakrise sogar ganz auf den Kinostart von Mulan und zeigte den Film auf seinem eigenen Streamingportal Disney+. Auch der Kinostart des neuen Bond-Filmes „Keine Zeit zu sterben“ wurde mehrfach verschoben. Ob der Film im Oktober 2021 in die Kinos kommt, hänge auch davon ab, ob sich die Produktionsfirmen vorab mit einem der Streaminganbieter wie Netflix oder Apple auf einen guten Deal einigen könne.
Das Kino muss neue Wege gehen
So dramatisch wie Harald Metz sieht Uwe Stellberger, Leiter des Wiesbadener Caligari, die Situation nicht: „Ich bin mir sicher, dass die Leute auch nach dem Lockdown wieder gerne ins Kino gehen.“ Um sich im Kampf gegen Online-Riesen wie Netflix oder Amazon Prime zu behaupten, sei allerdings ein gutes Gesamtkonzept entscheidend: „Das Kino muss wieder zu einem attraktiven Ort werden, an dem die Leute gerne ihre Zeit verbringen.“ Deutsche Programmkinos und große Kinoketten sind derzeit viel zu abhängig von US-Produktionen. Eine bessere Strategie haben Kinos in Frankreich, die auf ein buntes Filmangebot und die Zusammenarbeit mit kleinen, regionalen Filmverleihern setzen. Sinnvoll sei auch, die Filmförderung in Deutschland neu zu strukturieren und wieder mehr kleinen Filmprojekten die Ausstrahlung auf großer Leinwand zu ermöglichen, meint Harald Metz. Das gäbe den Kinobetreibern die Macht über den gezeigten Content zurück. Auch Jochen Seehuber vom Capitol und Palatin in Mainz bestätigt: „Das Kinosterben wurde schon vor der Pandemie recht übertrieben dargestellt. Dabei gab es viele gut laufende Filmtheater. Unsere zählen dazu.“ Die Anzahl der Kinounternehmen hat sich in 2020 im Vergleich zu 2019 mit 1.227 tatsächlich nicht verändert. Lediglich die Zahl der Spielstätten ist um sechs auf 1.728 zurückgegangen. Ein Kinosterben wie in den USA oder Großbritannien ist in Deutschland also derzeit nicht zu erwarten. Weitere Insolvenzen sind in Zukunft dennoch nicht auszuschließen, weil die Insolvenzanmeldefrist seit März 2020 ausgesetzt ist.

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