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Kultur

Mit Glück zur Klassenübergängerin

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In „Einfache Leute“ werden die inneren Konflikte einer Klassenübergängerin auf die Bühne geholt. Autorin und Dramaturgin Anna Gschnitzer über Klassismus, Scham und Systemkritik.

Interview Princesha Salihi

Klasse ist kein verstauber Kampfbegriff, sondern gesellschaftlich tief verwurzelt. Sie manifestiert sich im Zugang zu Bildung und Gesundheit, in Sprache, Kleidung, Vermögen und im Machtanspruch. Anna Gschnitzer verhandelt in „Einfache Leute“ den Identitätsverlust im sozialen Aufstieg der Protagonistin Alex und schafft dabei dringend notwendige Sichtbarkeit und Bewusstsein für Klasse. In der Zerrissenheit zwischen Hochstaplerin und Verräterin ist die Protagonistin auch gefangen in einem Meta-Gefühl. Zur mitgebrachten Scham für das Herkunftsmilieu und der ständigen Sorge als nicht zugehörig entlarvt zu werden, fügt sich eine zweite Ebene: Sich für seine Scham zu schämen. So viel Alex auch vermeintlich zurück lässt, so viel Prägung und Sehnsucht nach Zugehörigkeit nimmt sie mit in die neue Welt.

STUZ: Die Scham der Protagonistin Alex kommt in Deinem Stück sehr deutlich zum Ausdruck. Ist man als Fühlende*r selbst für das eigene Gefühl verantwortlich oder entsteht es durch eine Konfrontation mit einem Außen?
Anna Gschnitzer: Das bekommt man so beigebracht: Wenn du dich einer Situation nicht gewachsen fühlst, dann liegt das an einem selbst und man war in dem Moment nicht gut genug. Dann wird man noch mal über Los geschickt und soll nochmal anfangen. Ich glaube aber, dass wir geprägt sind durch die Erfahrungen, die wir machen und dass es unterschiedliche Anfänge gibt, weil man ganz unterschiedlich in dieses System hineingeworfen wird. Es gibt also ein Referenzsystem, in dem man sehr komplex mit der Welt in Verbindung steht. Man kann ein Gefühl nicht so isoliert auf eine einzelne Situation hin betrachten.

Um im Bild dieses Referenzsystems zu bleiben: Diese Scham zu sehen, löst auch auf der „anderen Seite“ ein Unwohlsein aus. Wie würdest Du das einordnen?
Ich kann natürlich nicht genau sagen, was es in den Zuschauer*innen ausgelöst hat. Die Scham, mit der ich da umgehe, ist eine Scham in mehrere Richtungen. Einerseits schämt man sich, weil man als Klassenübergänger*in nicht der Klasse der Akademiker*innen angehört. Man glaubt nicht zu genügen und auch, das nicht aufholen zu können. Auf der anderen Seite schämt man sich vielleicht seiner Privilegien. Man schämt sich nach oben und nach unten.

Im Klassen- und Aufstiegsgedanken schwingt häufig eine Wertung mit. Ist es besser am Abend ins Theater zu gehen als Trash-TV zu schauen?
Ich glaube, das wird in unterschiedlichen Kreisen und Milieus unterschiedlich bewertet. Mittlerweile gibt es Kunstinstitutionen, die sich nicht nur mit klassischen hochkulturellen Themen beschäftigen. In dem Stück geht es auch um Kunsträume. Es gibt eine Figur, die sich von diesem piefigem Kunstbegriff befreien möchte. Je nachdem, wer gerade spricht und in welchem Kontext man sich gerade befindet, gibt es unterschiedliche Wertungen. Es gibt auch eine Form von Aneignung dieser Räume, in denen bis vor kurzem keine Themen von Arbeiter*innen oder Arbeiterästhetik behandelt wurden. Man kann das gar nicht mehr so eindeutig sagen, dass die Pop-Kultur das Trashige nur abwertet. Zu oft ist diese Aneignung aber prekär, es geht dann nur um Labeling und Verwertung.

Ist uns das Klassenbewusstsein abhandengekommen?
Es ist unsichtbarer geworden, weil bestimmte Güter zugänglicher geworden sind. Man kauft Kleidung bei Ketten wie H&M und kann damit kaschieren, dass man nicht bei Peek&Cloppenburg einkauft. Auf den zweiten Blick sieht man es dann doch. Es gibt immer noch Klassenunterschiede, die sich darin manifestieren, welche Bildung man genossen hat und ob man das Austauschjahr in Frankreich machen konnte oder nicht. Es hat also immer noch sehr stark mit den Voraussetzungen zu tun, mit denen man startet.

Wie kommt dieser Identitätsverlust, dieses Gefühl der Entfremdung zustande, das Alex durchlebt, aber für die Figur Martin gar nicht sichtbar ist?
Genau durch diese Unsichtbarkeit. Alex fühlt sich nicht zugehörig in dieser Kunstblase, performt es aber so gut, dass sie nicht sichtbar wird als Arbeiterkind oder jemand, der sich unterscheidet. Ich denke, das ist dieses fast schizophrene Gefühl der Entfremdung. Einerseits dazugehören zu wollen und andererseits immer diesen Unterschied zu spüren. Außerdem die Wut über das Selbstverständnis des Umfelds. Dass davon ausgegangen wird, niemand anderes und nur die immergleichen könnten am Tisch dabeisitzen. Damit ist Sichtbarkeit von vorherein nicht möglich.

Alex Schicksal hängt sehr von dem Wohlwollen eines Individuums ab, das sich für ihre Versetzung aufs Gymnasium einsetzt. Ist Klassenkritik auch immer Systemkritik?
Es war mir sehr wichtig, dass die Geschichte von Alex nicht als Musterbeispiel für Aufstieg gesehen wird, sondern als Ausnahme und etwas, das aus Zufall passiert. Es braucht immer jemanden, der einem hilft. Es stimmt nämlich nicht, dass man es schafft, wenn man nur gut genug ist, sondern man muss Glück haben und im richtigen Moment die richtigen Leute um sich haben. In gewisser Weise implementiert das System, in dem wir leben, Klassen und Klassenunterschiede. Wenn man das sichtbar macht, macht man auch ein System sichtbar, das in dieser Hinsicht marode ist. Von daher würde ich sagen: Ja, es hat auch damit zu tun, in welchen Verhältnissen wir insgesamt leben.

Gibt es Lebensbereiche, die von Klassismus befreit sind? Wie ist das am Theater?
Ich glaube, es durchzieht unsere Gesellschaft. Es schreibt sich auch in einem selbst fort. Das ist vielleicht der Bogen zum Anfang. Ist es das System oder sind es die eigenen Gefühle? Man hat seine Prägung und die läuft wie eine Schallplatte immer mit. Und man kann sich selbst so schnell nicht davon lossagen, auch wenn dieser utopische Zustand erreicht würde. Das ist dann eine Wechselwirkung von Innen und Außen. Das Theater beschäftigt sich viel mit gesellschaftlichen Themen. Klassismus wird gerade als Thema entdeckt und das ist toll. Es wird damit aber noch viel auf der repräsentativen Ebene gearbeitet. Größtenteils bestimmen Menschen über diese Inhalte, die nicht selbst davon betroffen sind. Auf der personellen und systemischen Ebene fehlt häufig noch ein Bewusstsein dafür.

WTF:
Zu sehen ist „Einfache Leute“ im Staattheater Mainz.
Aktuelle Termine im STUZ-Kalender und unter: staatstheater-mainz.com

Bild: Andreas Etter

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