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Sollte der ÖPNV kostenfrei sein?

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Der öffentliche Nahverkehr in Mainz und Wiesbaden verliert an Beliebtheit. Könnte eine kostenfreie Option eine mögliche Lösung sein?

von Sina Möhlenkamp

Am ersten Adventssamstag, dem 2. Dezember, war die Nutzung des öffentlichen Nahverkehrs in Mainz und Wiesbaden für alle kostenfrei. Auch an den folgenden Adventssamstagen brauchte man in Wiesbaden keinen Fahrschein. Ziel der Aktion war es, mehr Menschen zum Besuch der Weihnachtsmärkte oder zum Weihnachtsshopping zu animieren. Bereits im vergangenen Jahr hatten die Verkehrsgesellschaften an drei Adventssamstagen kostenlosen Nahverkehr angeboten.

Denn in den letzten Jahren ist die Nutzung des ÖPNV, trotz des 49-Euro-Tickets, zurückgegangen. Laut der Mainzer Mobilitätsbefragung 2023 nutzen lediglich 19 Prozent der Bürger:innen den öffentlichen Nahverkehr, was im Vergleich zu 2019 einem Rückgang um drei Prozent entspricht. Der Radverkehrsanteil nimmt um fünf Prozent zu. Das Auto bleibt weiterhin das dominierende Verkehrsmittel, außer auf dem Weg zur Schule oder Ausbildung, da überwiegt der ÖPNV. Ähnliche Trends zeigen sich in Wiesbaden. Laut einer Bürger:innenumfrage im Jahr 2022 nutzen nur 26 Prozent den ÖPNV, während das Auto mit 36 Prozent weiterhin an erster Stelle steht. Busse werden nur für Fahrten in die Innenstadt bevorzugt. Im Zeitvergleich ist damit die Nutzungshäufigkeit des Nahverkehrs relativ konstant, trotzdem wächst seit 2016 die Anzahl der Menschen in Wiesbaden, die den ÖPNV nie nutzen. Wie aus den Umfragen hervor geht, steckt vor allem Unzufriedenheit hinter dem Abwärtstrend. In Wiesbaden gaben im letzten Jahr 40 Prozent der Befragten an, dass sie unzufrieden sind; mehr als doppelt so viele wie im Jahr 2018. Die Mainzer:innen meiden den ÖPNV, weil dieser zu unflexibel und zu langsam ist, aber auch weil die Preise als zu hoch empfunden werden. Diese Unzufriedenheit könnte sich durch die nun anstehende Fahrpreiserhöhung im Januar 2024 noch verstärken.

Könnte kostenloser Nahverkehr eine Lösung sein? An anderen Orten wird dies bereits umgesetzt. In Europa hat Luxemburg im Jahr 2020 als erstes Land weltweit kostenlosen ÖPNV eingeführt. Auch einige deutsche Städte haben ähnliche Maßnahmen ergriffen. Augsburg bietet beispielsweise bereits seit 2020 in der Innenstadt kostenlosen Nahverkehr an und Erlangen plant dies ab 2024. Auch der Mainzer Oberbürgermeister Nino Haase spricht sich seit Beginn seiner Kandidatur für kostenlosen Nahverkehr zunächst an den Wochenenden aus. Die Idee dahinter: Mehr Menschen lassen ihr Auto stehen und es entsteht ein klimafreundlicherer Verkehr. Kritiker:innen sehen jedoch die Gefahr, dass kostenloser ÖPNV nicht zwangsläufig zu einer Reduzierung von Emissionen oder einem gesteigerten Nutzen von Bussen und Bahnen führt. So zeigten Ergebnisse einer Simulationsstudie der TU Dortmund aus dem Jahr 2018, dass die Kosten des Nahverkehrs keinen Einfluss haben; ein Rückgang des Auto-Verkehrs wäre nicht zu verzeichnen. In Heidelberg sank jedoch die Pkw- Frequenz an kostenlosen Samstagen im Nahverkehr im Durchschnitt um rund acht Prozent im Vergleich zu anderen Samstagen. Ähnliche Effekte könnten auch in Mainz und Wiesbaden erzielt werden. Nachdenken sollte man dabei auch über die Idee einer „City-Zone“ wie in Augsburg. Das könnte nicht nur helfen, die Umwelt zu schützen, sondern auch langfristig den Einzelhandel in der Innenstadt stärken und mehr Tourist:innen anziehen.

Konkrete Pläne für einen dauerhaften kostenlosen Nahverkehr in beiden Städten gibt es bislang noch nicht. Stattdessen werden Konzepte entwickelt, um den ÖPNV anderweitig attraktiver zu gestalten. In Mainz setzt Verkehrsdezernentin Janina Steinkrüger momentan auf den Ausbau des Straßenbahnnetzes, während in Wiesbaden seit Anfang Dezember ein neuer Fahrplan gilt. Auf bestimmten Linien können sich Fahrgäste hier über ein erweitertes Angebot freuen, wie beispielsweise auf die neue Linie 74, die wochentags eine direkte Verbindung zwischen Mainz und Wiesbaden ermöglicht. Jedoch gibt es auch Reduzierungen auf anderen Strecken. Mit den Anpassungen reagiert das Verkehrsunternehmen auf den neuen Haushalt der Stadt Wiesbaden und die aktuelle Wirtschaftsplanung für 2024. Klar ist: Damit der ÖPNV wieder mehr genutzt wird, muss sich etwas ändern.

Foto: Bildarchiv ETH-Bibliothek Zürich, Fotograf: Christof Sonderegger via WikiCommons (coloriert)

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