Wenn Blut nicht dicker ist
Familie gilt als Inbegriff von Liebe, Geborgenheit und Rückhalt. Doch was, wenn sie genau das Gegenteil bedeutet? Im Gespräch mit sieben Personen unterschiedlichen Alters und unterschiedlicher Herkunft wird deutlich, dass Entfremdung von der eigenen Familie viele Gründe haben kann. Doch immer ist sie ein Schritt, um sich selbst zu schützen.
von Caroline Alberta Glabacs
Wir scheinen in einer Zeit zu leben, in der Selbstfürsorge fast zur Pflicht geworden ist: Yoga, Mood-Tracking-Apps, Therapie, körperlicher und mentaler Detox. Doch wenn Menschen den radikalen Schritt wagen und sich von der eigenen Familie distanzieren, kippt das Verständnis oft. Als könne Herkunft alles heilen. Dabei wird selten darüber gesprochen, dass genau dort, wo man Liebe und Zusammenhalt erwartet, die tiefsten Wunden entstehen können. Meistens beginnt es nicht mit einem lauten Knall, sondern mit einem leisen Zweifel. Mit immer mehr Momenten, in denen man merkt, dass das, was sich „Familie“ nennt, sich nicht mehr gut anfühlt. Für Terrence (34) war es der Tag, an dem seine Mutter einfach nicht mehr ans Telefon ging. Für Timo (18) der Augenblick, als die eigene Großmutter ihn zwang, seine Narben zu zeigen. Vor der gesamten Familie. Joy (26) erinnert sich an das Gefühl, immer alles geben zu müssen, ohne je etwas zurückzubekommen. Elisabeth (27) berichtet von dem Bruch mit ihrem Bruder, dessen Frauenfeindlichkeit sich kontinuierlich steigerte. Kevin (42) spricht von einer Mutter, die aus einem Leben voller Leistungsdruck und gesellschaftlicher Hürden ein Gefängnis aus Erwartungen errichtete, in dem kein Platz für Individualität blieb. Nick (32) fühlte sich bei der Heimkehr nach sechs Jahren im Militär völlig entfremdet. Und David (28) hat aufgehört, sich zu fragen, wie jemand, der „Vater“ genannt wird, so viel Schaden anrichten kann. Sieben Geschichten, sieben Menschen, ein gemeinsamer Schmerz und ein bedeutender Schritt.
Warum Menschen sich abwenden
Die Gründe für familiäre Entfremdung sind vielfältig, doch sie kreisen fast immer um denselben Kern. Wiederkehrende Grenzverletzungen, fehlende Empathie und emotionale Belastung. Psychologische Forschung beschreibt das als chronic relational stress, ein Dauerzustand, in dem Bindung mehr schadet als stärkt. Terrence erzählt, dass er schon früh mit psychischer und physischer Gewalt konfrontiert war. „Das Härteste war zu begreifen, dass der Schmerz von Menschen kam, die mich eigentlich lieben und beschützen sollten.“ Auch Timo spricht von tiefen Wunden: „Ich suchte immer nach einem Funken Stolz seitens meines Vaters, Anteilnahme, Liebe, doch sie kamen nie.“ Auch von der Großmutter entfremdete er sich immer mehr, weil sie seine Identität als queere Person offen ablehnte. Der entscheidende Bruch kam, als sie ihn öffentlich demütigte und zwang, seine Selbstverletzungsnarben vor der Verwandtschaft zu zeigen. Dieses traumatische Erlebnis machte endgültig deutlich, dass er in dieser Familie keinen sicheren Raum finden konnte. Elisabeth beschreibt, wie die Entfremdung von ihrem Bruder zur Notwendigkeit wurde, nachdem sie von dessen Gewalt- und Missbrauchsvorfällen erfuhr: „Ich wusste, dass ich ihn irgendwo immer lieben werde, aber ich musste mich abgrenzen, um zu überleben.“ Die Psychologie spricht in solchen Fällen von „Selbstschutz durch Distanz“, einem Überlebensmechanismus, der eingesetzt wird, wenn das Nervensystem dauerhaft in Alarmbereitschaft steht. Oft ist der Bruch kein spontaner Akt, sondern ein schleichender Prozess, ein leises Loslösen über Jahre hinweg. „Es war kein einzelnes Ereignis“, erinnert sich Terrence. „Erst die Vorwürfe meiner Adoptiveltern, in Bezug auf all das, was sie für mich opferten. Dann das Schweigen, als meine Adoptivmutter einfach nicht mehr ans Telefon ging.“ Kevin musste seine Adoptivfamilie verlassen, als seine Mutter ihm ein Ultimatum stellte: College oder Rauswurf. Heute sagt er: „Ich war das schwarze Schaf, aber ich musste gehen, um der Mensch zu werden, der ich bin.“ Solche Entscheidungen hinterlassen Spuren. Laut einer Studie der University of Cambridge aus dem Jahr 2020 berichten 80 Prozent der Befragten nach familiären Kontaktabbrüchen zunächst von starken Schuldgefühlen und Selbstzweifeln, selbst dann, wenn die Trennung objektiv notwendig war. Was viele Betroffene gemeinsam schildern, ist die Ambivalenz zwischen Befreiung und Verlust. Joy, 26, sagt: „Anfangs dachte ich, ich hätte die falsche Entscheidung getroffen, weil ich es gewohnt war, ihre Zufriedenheit über meine eigene zu stellen. Aber irgendwann habe ich gelernt, dass man sich selbst nicht immer zuletzt wählen kann.“ Elisabeth beschreibt, wie widersprüchlich ihre Gefühle auch heute noch sind: „Ich weiß, dass mein Bruder mir wehgetan hat. Aber ich habe auch gute Erinnerungen. Mein Therapeut sagte, beides kann wahr sein, und das hilft mir, mit der Entscheidung Frieden zu schließen.“ Psychologisch gesehen, ist diese Ambivalenz typisch. Laut der Familientherapeutin Dr. Kristina Scharp, die das Thema Familienentfremdung seit Jahren erforscht, ist das emotionale Erleben nach einem Bruch häufig „eine Mischung aus Trauer, Schuld und Erleichterung“, vergleichbar mit einem Trauerprozess, nur ohne gesellschaftliche Rituale, die Heilung erleichtern würden. David schildert die Enttäuschung über einen Vater, der nicht nur ihn, sondern die gesamte Familie in ein Netz aus Betrug und Schuld stürzte. „Er hat meine Großeltern verschuldet, meine Mutter belogen und sogar den Tod meiner Oma ausgenutzt, um an Geld zu kommen.“ Nach Jahren voller Intrigen und Manipulation zog er einen Schlussstrich. David bereut den Kontaktabbruch nicht. Dieser war für ihn nicht nur notwendig, sondern auch einfach. Nach der Trennung beginnt meist eine zweite, stille Phase. Zeit zur Neuorientierung. Für viele bedeutet das, das eigene Leben neu zu definieren, ohne den gewohnten Familienrahmen. In Timos Fall war eine Therapie entscheidend: „Ich habe gelernt, dass ich für das Verhalten anderer nicht verantwortlich bin, besonders nicht als Kind.“ Auch Terrence begab sich vor einigen Monaten in Therapie, und versucht das Erlebte so zu verarbeiten. Kevin fand seinen Halt in Musik und seinen Kindern. „Meine Songs sind Therapie. Sie erinnern mich daran, dass Schmerz in etwas Schönes verwandelt werden kann.“ Auch Elisabeth betont, wie heilsam Solidarität unter den Leidtragenden war: „Ich habe angefangen, mich mit den Frauen in meiner Familie und im Freundeskreis zu verbinden, die unter meinem Bruder gelitten haben. Das hat mir Kraft gegeben, weiterzumachen.“ Studien bestätigen, dass soziale Unterstützung – ob durch Freundschaften, Therapie oder durch kreative Selbstverwirklichung – der wichtigste Pfeiler für eine langfristige, emotionale Stabilität nach Kontaktabbrüchen ist. Nick erinnert sich: „Als ich in ein anderes Land gekommen war, begann ich, mich mit alten Wunden auseinanderzusetzen. In dieser Zeit wurde mir auch bewusst, wie sehr mich bestimmte Kindheitserfahrungen, darunter sexuelle Gewalt, geprägt haben.“ Obwohl ihn am Anfang Schuldgefühle, Scham und Wut plagten, zeigte die Beschäftigung mit seinen Traumata, wie notwendig Abstand und Selbstschutz für seine eigene Heilung waren. „Es gab Zeiten, da hatte ich ein schlechtes Selbstbild und suizidale Gedanken. Der Zugang zu Therapie hat mir daher sehr geholfen.“

Von Betroffenen an Betroffene
Fast alle, die ihre Geschichten teilen, sprechen weniger in Ratschlägen, sondern in leisen Einsichten. „Heilung braucht Zeit. Sei dabei freundlich zu dir selbst“, sagt Terrence. Joy formuliert es klarer: „Wähle dich in erster Linie selbst. Nobody got you like you do.“ Elisabeth fügt hinzu: „Nur weil jemand Familie ist, heißt das nicht, dass er oder sie Anspruch auf dich hat.“ David zieht eine eigene Grenze: „Familie sind oft die, die die schmerzhaften Wahrheiten mit Lügen schützen.“ Manchmal muss man sich von diesen toxischen Dynamiken lösen, um ehrlich zu sich selbst zu sein. Kevin hat gelernt, seinen Schmerz in Kunst zu verwandeln: „Verfolge deine Ziele, bevor sie anfangen, dich zu verfolgen.“ Nick resümiert, dass Heilung dort beginne, wo man den Mut aufbringe, Altes gehen zu lassen. Wer das, was nicht mehr zum eigenen Wachstum passt, hinter sich lässt, schafft Raum für Selbstschutz und innere Ruhe. Und Timo, der Jüngste, bringt es auf den Punkt: „Man merkt nicht, wie tief das Loch ist, bis man versucht, es zu verlassen. Aber dennoch, oder vielleicht gerade deswegen sollte man wissen, dass es die richtige Entscheidung ist.” Vielleicht ist die eigentliche Lektion all dieser Geschichten, dass Familie kein unverrückbares Konstrukt ist, sondern etwas, das wir immer wieder neu erschaffen, mit Menschen, die uns sehen, verstehen und uns Raum lassen, wir selbst zu sein. Viele kennen nur die verkürzte Version des Sprichwortes „Blut ist dicker als Wasser“. Doch eigentlich lautet das englische Sprichwort: „The blood of the covenant is thicker than the water of the womb.” Familie ist nicht unbedingt nur das, worin wir geboren werden, sondern das, was uns heilt, sieht und trägt.
Illustrationen: Nikolas Hönig


