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Kultur Stadt Wiesbaden

„Die Zeit ist eigentlich vorbei“

Bad News für das Wiesbadener Theater Kuenstlerhaus43. Nach langer Suche nach neuen Räumlichkeiten und einigen möglichen Optionen sagt die Stadt lieber „nein“ zum Fortbestand.

von Michael Süss

Vor einem Jahr wurden über 4.000 Unterschriften übergeben, die sich für den Erhalt des Kuenstlerhaus43 ausgesprochen hatten. Die Betreibenden Susanne Müller und Wolfgang Vielsack sprachen mit den Verantwortlichen der Stadt Wiesbaden, es gab Hoffnung, dass sich die Suche nach einem neuen Theaterstandort zeitnah und positiv gestalten würde.

Zur Vorgeschichte: Das Kuenstlerhaus43 wird 2005 von Susanne Müller und Wolfgang Vielsack gegründet. Bis 2019 residiert es recht glücklich in der Oberen Webergasse 43. Neue Nachbarn kommen hinzu und aus einer kleinen hanglagigen Nebenstraße wird ein kleines Viertel mit Weinhandlungen, Gastronomie und einigen trendy Shops.

2019 plant die Stadt das alte Gebäude, in dem das Theaterensemble residiert, komplett umzubauen, sodass ein modernes Theater im alten Kleid entstehen kann. Leider werden sich Stadt und der ursprüngliche Eigentümer über den Kaufpreis nicht einig, stattdessen kauft ein privater Investor für einige hunderttausend Euro mehr das Ensemble. Er plant nun, den Umbau auf eigene Kosten zu machen, und dann das Theater – über einen langfristigen Mietvertrag – der Stadt respektive dem Kuenstlerhaus43 zur Verfügung zu stellen. 2024 dann die Hiobsbotschaft zur Oberen Webergasse: die Stadt will nicht Mieter der Bühne im sanierten Haus werden. Es klingt wie ein vorgeschobener Grund: die Stadt behauptet, einen Theaterraum in der Innenstadt Wiesbadens nur nach einer europaweiten Ausschreibung anmieten zu können. Der Investor springt ab und wandelt sein Eigentum nun in Wohnungen um. Die alte Spielstätte ist endgültig passé.

Die Betreiber des Kuenstlerhaus43 benötigen eine Mietkostenunterstützung, was Wolfgang Vielsack so formuliert: „Ein Theater kann sich nicht selbst tragen, es ist immer Ausdruck der kulturellen Stärke einer Stadt.“ Insgesamt arbeiten sieben Personen am jetzigen Standort im Palasthotel, rund 15.000 Besucher kommen jährlich. Theaterbühnen sind aber auch Wirtschaftsfaktoren: Durchschnittlich acht bis zwanzig Euro lässt ein Besucher in der angrenzenden Gastronomie. Jährlich also 120.000 bis 300.000 Euro, die an Umsatz allein hier verloren gingen.

Seit 2021 residiert das Kuenstlerhaus43 zufrieden im Ausweichquartier Palasthotel, am Kranzplatz. Eigentlich wäre man jetzt ja wieder ins alte, aber sanierte Gefilde zurückgezogen. Denn seit längerem ist klar, auch der Interimsort Palasthotel muss grundsaniert werden. Damit steht eine nächste Deadline an: der 31. August 2026. Dann müssen die rund 500 Quadratmeter mit Bühne, Café, Garderoben und Lagerflächen geräumt sein. Eine Mietverlängerung im Palasthotel wäre gegenwärtig der einzig denkbare Weg weiter Theater zu spielen. Denkbar aber momentan nur deswegen, weil viele große Projekte am Geld scheitern. Schätzungen gehen davon aus, dass die Sanierung des Palasthotel 40 bis 50 Millionen Euro aufwärts kosten wird, abhängig von zusätzlichen Schäden, die noch auftauchen. Im Herbst sollen bereits Probebohrungen gemacht werden, das Gebäude soll laut der aktuellen Mehrheitskooperation im Rathaus entweder in Erbpacht vergeben oder in eigener Regie saniert werden. Eine Nutzung als Seniorenheim, Businessappartements, Hotel oder Gewerbe wären seitens der Stadt denkbar.

Doch was machen nun die Theatermacher? Vor einigen Monaten sah es ganz gut aus, ein neuer Spielort war in der Goldgasse gefunden, die Zeichen standen auf Go! Alles klang machbar und gut, doch die Stadt gab kein Go für einen notwendigen Mietzuschuss und bestand somit auf einer Hängepartie.

Laut Wolfgang Vielsack heißt das: „Realistischer Weise müssen wir hier spätestens Ende April 2026 aufhören. Schließlich muss alles ausgeräumt und veräußert werden, das dauert schon vier Monate.“ Requisiten, Kostüme, Möbel, Bühnentechnik et cetera nehmen 250 Quadratmeter an Lagerfläche ein, auch diese Flächen brauchen einen neuen Standort.

Dass es mit dem Kuenstlerhaus43 und damit mit kulturellem Leben in der Innenstadt weitergeht, scheint unwahrscheinlich. Gegenwärtig will keine Partei oder Person der fragilen Mehrheitskooperation im Stadtparlament aus SPD, Grünen, Volt und Linken sich zu stark für Kultur einsetzen. Die Konkurrenz zu anderen Ausgaben beispielsweise im Bereich Soziales oder der Sanierung der Walhalla mit Kosten von mindestens 50 Millionen Euro ist groß. Dagegen fällt der Mietzuschuss, der in der Goldgasse etwas über 120.000 Euro jährlich betragen hätte, eher gering aus. Die Hoffnung auf eine Lösung in letzter Minute schwindet, bei den an Dramen gewöhnten Theatermachern kommt Resignation auf. Susanne Müller zieht ihr frustrierendes Fazit: „Im März sind Kommunalwahlen, vielleicht wird es neue Mehrheiten geben, vorher wird vermutlich keiner eine klare Aussage machen. Dann wird es schlicht zu spät sein für uns; die Zeit ist eigentlich vorbei!“

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