Lade

Tippen zum Suchen

Gesellschaft Kultur Mainz Stadt Wiesbaden

Stimmen, die verbinden

Mainz und Rheinhessen sind nicht nur für Wein und eine malerische Landschaft bekannt, sondern auch für eine lange Tradition im Chorgesang. STUZ wirft einen Blick auf die Entwicklung der vergangenen Jahre.

von Ulrich Nilles

Singen wirkt sich nachweislich positiv auf Körper, Geist und Seele aus. Wer Atem und Stimme bewusst führt, spricht klarer, tritt sicherer auf und findet leichter seine innere Balance. Und: Gemeinsames Singen stärkt soziale Bindungen.

Nicht zuletzt wegen der Corona-Pandemie ging die Anzahl an Chören in den vergangenen Jahren jedoch zurück. Allein im größten Chorverband – dem Chorverband Rheinland-Pfalz (CVRLP) – sank die Zahl der Chöre und Vereine in Rheinhessen zwischen 2020 und 2022 um rund zehn Prozent, die Zahl der Sänger:innen sogar um fast zwanzig Prozent, wie das Ministerium für Familie, Frauen, Kultur und Integration Rheinland-Pfalz (MFFKI) mitteilt. „Das ist natürlich traurig. Die Pandemie wird bei dieser Entwicklung deutlich mitgewirkt haben“, resümierte Tobias Hellmann, Geschäftsführer des CVRLP, 2021 in der nmz. Auch Männerchöre mit einem noch stark an der Gründerzeit orientierten Repertoire haben mittlerweile Schwierigkeiten, ihre Mitgliederzahlen aufrechtzuerhalten.

Krisen können auch als Chance genutzt werden, Veränderungen voranzutreiben. So entschied sich das Ensemble Vocalis 2002 aus Flörsheim-Dalsheim dazu, digitale Singstunden mit der Kommunikationssoftware „Zoom“ anzubieten. Durch die verzögerte Wiedergabe gab es jedoch Asynchronitäten, sodass die Singenden sich nur zeitversetzt hören konnten. Anders verfuhr das Ensemble Chordial Mainz. Es setzte auf die Open-Source-Software „Jamulus“, die Proben in Echtzeit ermöglicht. „Anstatt uns der lähmenden Situation hinzugeben, hatten wir uns ein ehrgeiziges Ziel gesetzt“, beschreibt Dirigent Daniel Rumpf die Motivation, Mendelssohns „Elias“ gemeinsam mit der Kantorei Selzen auf die Bühne zu bringen. Bereits im September 2022 fanden Aufführungen des zweistündigen Werkes statt.

Projektchöre
Auf der Suche nach zeitgemäßen Wegen bilden sich vermehrt Projektchöre. Im Katholischen Kirchenchor Cäcilia 1936 Mainz-Laubenheim stießen für drei Monate 30 junge Stimmen zur Stammbesetzung hinzu und erarbeiteten ein Konzertprogramm. Das Projekt 19 der Singakademie Saulheim lädt zum Reinschnuppern ein. Die Teilnahme ist offen und erfordert keine Vereinsmitgliedschaft. Der MGV 1886 Heidesheim schuf mit dem Chor-Theater-Projekt ein innovatives Format, um neue Zielgruppen anzusprechen. Der MGV Cäcilia 1845 Mainz-Gonsenheim rief den Frauenprojektchor TNG-Ladies ins Leben. Beispiele, die zeigen, wie sich Traditionschöre neu aufstellen.

Flexible Formate
Dem Zeitbudget und Interessen der jüngeren Generation entgegenkommend, stellt der Mainzer Pop- und Jazzchor Larifari seinen Mitgliedern Audiodateien zur Verfügung, um ihre Stimme zuhause zu üben. Die RockSingers Mainz und die Sängervereinigung 1856 Mainz-Finthen verlegten den Probenbeginn auf 20.30 Uhr, um Berufstätige einzubinden. Der Kinderchor „Singsalabim“ im Verein „Stimmt“ reduzierte die Proben familienfreundlich auf zweimal im Monat. Regelmäßige Teilnahme an den Proben bleiben ein zentrales Thema, so Daniel Rumpf: „Menschen wollen sich immer seltener auf einen wöchentlichen Termin festlegen. Aber ein Chor braucht Verbindlichkeit.“ Das Ensemble Chordial reagiert darauf mit zwei alternativen, inhaltlich identischen Probentagen.

Einen weiteren erfolgreichen Weg zur Mitgliederwerbung beschreitet das Ensemble Chordial mit der Verortung im gesellschaftlichen Kontext. Die Suche nach einem Aufführungsort für ein Requiem führte zur regelmäßigen musikalischen Gestaltung der städtischen Gedenkfeier am Volkstrauertag im Alten Krematorium. Weitere Projekte unterstreichen Rumpfs Vernetzungsansatz, etwa die Einladung zum Peter-Cornelius-Festival 2024 und die Beteiligung am SchUM-Projekt 2025, einem Leuchtturmprojekt mit dem Wormser Kammerensemble und dem Mozartchor Speyer. „Es ist die Aufgabe von uns Musizierenden, Ideen in Eigeninitiative zu entwickeln und in die Gesellschaft zu tragen“, äußerte Rumpf jüngst in einem Beitrag des SWR.

Institutionelle Förderung
Mit 780.000 Euro unterstützte das MFFKI die Erweiterung der Landesmusikakademie Rheinland-Pfalz (LMAK) in Neuwied-Engers um ein Zentrum für Amateurmusik. Im Schloss entstanden zusätzliche Proberäume und die Bettenkapazität wurde erhöht. „Sie [die LMAK, Anm. d. Redaktion] stellt eine wichtige physische Anlaufstelle des Landes für die heutigen und zukünftigen Amateur- und Profimusikerinnen und -musiker dar“, ließ Ministerin Katharina Binz (Grüne) am 4. April 2023 in einer Stellungnahme verlauten. Im gleichen Jahr stellte das MFFKI 110.000 Euro für die Imagekampagne „Musik vereint“ des Landesmusikrats zur Stärkung der Amateurmusik bereit.

Die Anstrengungen und Maßnahmen führen dazu, dass die Zahl der Singenden in Rheinhessen leicht ansteigen. Zentral bleibt jedoch das Singen. Es bereitet Freude, drückt Emotionen aus, stiftet Gemeinschaft und ermöglicht konstruktives Arbeiten an Form und Inhalt musikalischer Werke.

Tags
Vorheriger Artikel