Ein Netz für alle
Mangelnder Datenschutz, algorithmische Filterblasen, Zensur und Kontrolle: Die Kritik an Instagram, Facebook, TikTok und anderen großen Plattformen wird lauter. Immer mehr Menschen hinterfragen, welchen Preis sie für die Nutzung sozialer Netzwerke zahlen. Ein Mainzer Verein zeigt, wie digitale Unabhängigkeit jenseits der großen Tech-Konzerne möglich sein kann.
von Janina Dillmann
Viele kennen das Phänomen aus dem Alltag: Kaum sucht man online nach einem bestimmten Produkt, wird es kurze Zeit später als Werbung in den sozialen Netzwerken angezeigt. Was einmal gesucht wurde, begleitet einen fortan quer durch das Internet. Das Beispiel verdeutlicht, wie personenbezogene Daten massenhaft erfasst, ausgewertet und wirtschaftlich verwertet werden. Welche Inhalte wir auf den gängigen Plattformen sehen, entscheiden längst nicht mehr wir selbst, sondern die Unternehmen, denen diese Netzwerke gehören.
Dieser Entwicklung möchte sich ein Mainzer Verein entgegenstellen. „Mainz Sozial Digital e.V.“ setzt sich für digitale Selbstbestimmung und die Förderung alternativer sozialer Medien ein. Gegründet wurde der Verein mit Sitz in der Walpodenstraße Ende 2025. „Große Tech-Konzerne, häufig im Besitz einzelner Milliardäre, betreiben zentralisierte Plattformen, die die Kontrolle über Daten, Inhalte und Nutzerverhalten in wenigen Händen bündeln“, erklären die Vereinsgründer Fabian Köster und Alrun Schleiff ihre Motivation. Der Verein zählt derzeit drei Vorsitzende und knapp zehn Mitglieder. Sein Schwerpunkt liegt auf Bildungs- und Beratungsangeboten sowie dem Ausbau einer alternativen digitalen Infrastruktur für die Stadt Mainz.
Was ist das Fediverse?
Doch wie sehen diese alternativen sozialen Medien konkret aus? Vereinfacht gesagt handelt es sich um ein Netzwerk aus vielen unabhängigen, miteinander verbundenen Servern. Gemeinsam bilden sie das sogenannte „Fediverse“, ein Kunstwort aus „federated“ (föderiert) und „universe“ (Universum). Der bekannteste Dienst innerhalb dieses Netzwerks ist Mastodon: Ein Microblogging-Dienst ähnlich wie X (vormals Twitter), in dem Nutzer:innen Kurznachrichten bis zu 500 Zeichen veröffentlichen können. Daneben existieren weitere Plattformen, die an bekannte soziale Medien erinnern: PeerTube etwa an YouTube, Pixelfed an eine frühere Form von Instagram. Das Besondere dabei ist ihre Vernetzung untereinander: All diese Dienste können miteinander kommunizieren. Wer beispielsweise einen Account auf Mastodon besitzt, kann auch Inhalten anderer Dienste folgen. Vorstellen kann man sich das wie beim Verschicken von E-Mails: Wer beispielsweise einen Gmail-Account besitzt, kann auch mit Outlook-Nutzer:innen kommunizieren und andersherum.
Das Fediverse versteht sich als soziales Netzwerk im eigentlichen Sinne. Es gibt keinen zentralen Konzern, der bestimmt, welche Inhalte sichtbar sind oder welche Beiträge Reichweite erzielen. Stattdessen existieren viele eigenständige Server, sogenannte „Instanzen“, die miteinander vernetzt sind. Regeln, Moderation und thematische Ausrichtung werden lokal festgelegt, häufig gemeinschaftlich und transparent. Nutzer:innen können sich so gezielt in digitalen Gemeinschaften einbringen, die ihren Ansprüchen, Interessen, politischen Perspektiven oder Themengebieten entsprechen und bei Bedarf die Instanz wechseln. Darüber hinaus behalten Nutzer:innen durch klare Einwilligungs- und Löschrichtlinien die Kontrolle über ihre Daten. Anstelle von Algorithmen, die darauf optimiert sind, Nutzer:innen möglichst lange auf der Plattform zu halten, erscheinen Beiträge chronologisch oder nach individuell gewählten Filtern. Das Fediverse lebt damit vom aktiven Mitmachen, von gemeinschaftlicher Verantwortung und von Mitbestimmung.
Eine Wall für Mainz
Angesichts der Vielzahl an Instanzen stellt sich für Einsteiger:innen allerdings schnell die Frage: Wo soll man anfangen? Die Vorstandsmitglieder von Mainz Sozial Digital e.V., Köster und Schleiff, haben darauf eine konkrete Antwort gefunden: Für Mainz betreiben sie mittlerweile eine eigene Instanz namens mainz.social, die einen niedrigschwelligen Einstieg ins Fediverse mit klarem Lokalbezug bietet. Statt sich durch unzählige Instanzen orientieren zu müssen, finden Mainzer:innen hier eine thematisch und regional kuratierte Umgebung. Wer sich mit mainz.social nicht identifiziert, kann jedoch auch andere Instanzen wählen. Ob lokale Server wie rheinhessen.social, große Server wie mastodon.social, deutschsprachige Communities wie chaos.social oder thematisch spezialisierte Angebote: Die Vernetzung mit anderen Nutzer:innen funktioniert in jedem Fall.
Ergänzt wird die Mainzer Instanz durch die sogenannte wall.mainz.social, deren Ziel es ist, Informationen aus Mainz an einem Ort zu bündeln. Zu diesem Zweck hat Köster unter anderem einen Bot entwickelt, der automatisch Beiträge regionaler Medien oder Mainzer Institutionen auf der Wall veröffentlicht. Perspektivisch sollen weitere Bots folgen, etwa mit Informationen direkt aus den Stadtrats- und Ortbeiratssitzungen. Denkbar wären auch kurze Videoausschnitte aus politischen Debatten, beispielsweise Redebeiträge des Oberbürgermeisters. Das Fediverse würde damit für Mainzer:innen nicht nur zu einer Alternative zu kommerziellen Plattformen, sondern zu einem Werkzeug mit echtem lokalpolitischem Mehrwert werden. Informationen, die bislang oft schwer zugänglich sind, könnten so niedrigschwellig und transparent bereitgestellt werden.
Niemand wird allein gelassen
Gerade für Einsteiger:innen kann das Fediverse zunächst unübersichtlich wirken. Da es keine Algorithmen gibt, die Inhalte automatisch vorsortieren, müssen Nutzer:innen ihren Feed selbst gestalten. Mainz Sozial Digital e.V. unterstützt dabei mit konkreten Tipps: Hashtags abonnieren, interessanten Accounts folgen oder sogenannte „Starterpakete“ nutzen. Von letzteren gibt es allein für Mainz bereits acht. Wer digital unabhängig werden möchte, aber persönliche Hilfe benötigt, kann diese beim „Digital Independence Day“ erhalten, der immer am ersten Sonntag im Monat in der Offenen Werkstatt Mainz stattfindet.
Natürlich bleibt ein Einwand: Die meisten Menschen sind weiterhin auf den großen Plattformen aktiv, das Fediverse ist im Vergleich dazu noch klein. Doch es wächst und gewinnt gerade in Zeiten politischer Unsicherheit und transatlantischer Spannungen an Bedeutung. Und vor allem: Seine Communities sind bemerkenswert engagiert. Das zeigte sich Ende letzten Jahres, als die Stadt Mainz ihren Mastodon-Account wegen angeblich zu hohen Aufwands einstellen wollte. Die Proteste waren so laut, dass sie es sogar in den Podcast „Lage der Nation“ schafften. Nach deren Nachfrage, wie hoch der Aufwand eines zusätzlichen Social-Media-Kanals tatsächlich sei, knickte die Stadt ein – der Account bleibt. Der Rat von Köster und Schleiff für alle Unentschlossenen ist pragmatisch: Niemand muss Instagram sofort löschen. Wer jedoch parallel ins Fediverse einsteigt, kann Schritt für Schritt selbst bestimmen, welche Inhalte den eigenen digitalen Alltag prägen.
WTF
Die STUZ findet Ihr ebenfalls im Fediverse. Seit über einem Jahr sind wir auf Mastodon persönlich aktiv und nicht nur als Bot, der Meldungen bereitstellt. Über Mastodon könnt Ihr auch direkt mit uns in Kontakt treten. Schreibt uns gerne an: Eure Anfragen und Anregungen landen bei uns im Redaktionsteam und werden beantwortet. Ob mit oder ohne Account im Fediverse, unser Feed ist für jeden zugänglich und einsehbar. Besucht uns doch mal. Wenn Ihr selbst Fedinauten seit oder es werden wollt, folgt uns, um keine Inhalte mehr zu verpassen unter: rheinhessen.social/@STUZ
Bild: Eukombos, CC0, via Wikimedia Commons


